Ein Tag im September…


Ich kämpfe mich in diesen Tagen beruflich durch Herausforderungen, die mich an Grenzen bringen, von denen ich keine Ahnung hatte, dass ich sie habe. Will sagen: Ich bin ziemlich durch…

Heute morgen machte ich mich wie so oft einigermaßen missmutig und noch mit Schlafsand in den Augen auf die Socken, um diesen Freitag anzupacken. Um 5.30 Uhr ist nicht viel los auf Thüringens Straßen, was mir die Möglichkeit gab, meine Gedanken ein bisschen ziehen zu lassen. Der dunkle Nachthimmel färbte sich allmählich rot und ich tat mir selber ein bisschen leid:  Ich treibe mich auf der Straße herum, wenn noch nicht mal die Sonne unterwegs ist… Es wird schon Herbst. Mein Gott, wie schnell die Zeit vergeht… Welches Datum haben wir heute eigentlich?

Es ist der elfte September.

Und mir wird wieder einmal bewusst, wie sehr sich unser Weltbild in den letzten Monaten verändert hat.

Vor neunzehn Jahren flogen Flugzeuge in eines der Wahrzeichen der westlichen Welt. Terrorismus zerstörte die Illusion von Sicherheit und Unbesiegbarkeit.  Die Welt war erschüttert und stand still. Amerika trauerte um mehr als zweitausend Menschen, die in den Trümmern des World Trade Centers starben.

Ich erinnere mich, dass ich an diesem Tag Bereitschaftsdienst hatte und weiß  noch, wie eine Kollegin aus der Notaufnahme fassungslos schluchzend berichtete, was in New York gerade passierte. Ich glaube nicht, dass die Ereignisse vom 11. September irgendjemanden unberührt gelassen haben. Seither ist meines Wissens kein Jahr vergangen, an dem nicht die Medien am 11.9. an das Ereignis von damals erinnern, als die Welt den Atem angehalten hat.

Doch in diesem Jahr scheint die Welt nur ein Thema zu kennen. Corona ist größer geworden, als alles vorher und ich frage mich…

… Lassen wir das.

Als ich 2009 zum ersten Mal in New York gewesen bin, rauchten mental gesehen noch die Trümmer der Twin Towers. Die Stimmung war gedrückt und so manche der vielen Highliths der Stadt waren für Besucher gesperrt. So konnten wir Lady Liberty nur vom Wasser aus bewundern.  Jahre später und mein zweiter Besuch in der Stadt die niemals schlief:  

New York schien sich erholt zu haben. Stolz präsentierte Amerika das On World Trade Center und ehrfürchtig besuchten wir das   9/11 Memorial. Dort hat man all den Opfern des Terrors ein bewegendes Denkmal gesetzt. Doch was mich wirklich im Herzen erschüttert hat, war die Inschrift auf einer Bank  im Central Park:

Wie klein scheint mir, verglichen mit diesem Schmerz, das Drama um ein kleines Virus. Wie nichtig  sind berufliche Sorgen?

Leben wir. Lieben wir. Lachen wir. Das Leben ist schön.

Jahrestag einer Eheschließung und das Ding mit dem Bauchgefühl


Ich weiß nicht genau, ob es an der Zeit lag, in der ich aufgewachsen bin, dass meine Wertvorstellungen, Ziele und Träume gemessen an denen der Jugend von heute, sehr einfach gewesen sind. Während mein Nachwuchs schon früh beschlossen hat, die Welt zu entdecken und in ihrem Traumberuf Bahnbrechendes zu erreichen, träumte ich im selben Alter von Haus, Kind, Hof und Hund. Und – ja – dem Traumprinzen. „Schmetterlinge im Bauch“ zu haben, dass „etwas auf den Magen schlagen kann“, „Liebe durch den Magen geht“ , oder „man vor Aufregung nicht vom Klo kommt“ waren für mich nur Redewendungen, deren tiefere Bedeutung sich mir nicht erschlossen hat.

Mir war nicht bewusst, dass der Mensch ein Innenleben hat, in dem möglicherweise ein ganz anderer Film abläuft. Ein Film, der akustisch nicht hörbar und nur für das innere Auge sichtbar ist. Ich hatte nicht gelernt, mein Bauchgefühl wahrzunehmen.

So kam es, dass ich an einem Schnapszahltag vor …

…Ich möchte gar nicht über die Jahre nachdenken, die seit jenem Tag vergangen sind. Zeigen sie mir doch auf, wie schnell die Zeit vergeht. Werde ich alt?…

Eigentlich begann das Dilemma schon mit der Wahl des Kleides. Alles in mir sträubte sich gegen unschuldiges Weiß, Schleier und Reifrock. Was sollte das? Sah ich aus wie Scarlett O`Hara? Ich wollte ein Etuikleid. Und zwar in blau. Nicht nur meine Mädels waren schockiert. Auch der Einzelhandel war ratlos. Welches Geschäft ich auch betrat, keines hatte ein Kleid vorrätig, das auch nur ansatzweise meinen Vorstellungen entsprach.

Am Ende stand ich also doch wie all die anderen Bräute auf einem Sockel beim Brautausstatter „Schnürch“ und befolgte ergeben ihre Anweisungen zum Gebrauch eines Reifrockes. Das mag sich profan anhören, doch jede Frau, die mit einem solchen Ding versucht hat, in einer engen Toilettenkabine Unaufschiebbares zu erledigen, weiß, wovon ich rede. Gehorsam hob ich meine „Büste in die Corsage“ – Zitat der Frau Schnürch – und versuchte das Gefühl der Lächerlichkeit niederzukämpfen, dass sich in mir ausbreitete. War das noch ich?

Schließlich stand ich an diesem 6.September im letzten Jahrtausend in einem schlichten weißen Hochzeitskleid, für dessen Preis ich lieber einen Ostseeurlaub gemacht hätte auf dem Gothaer Standesamt und überhörte das Stimmchen in mir, dass leise raunte: „Du machst einen großen Fehler. Tu`s nicht!“ Ich schimpfte innerlich, denn ich war doch genau richtig an diesem Ort und es wurde Zeit, das Richtige zu tun. Ich war immerhin schon Mutter und der Typ neben mir mit der Mickey Mouse Krawatte war doch kein schlechter Kerl. Im Vorzimmer erläuterte die Standesbeamtin das Procedere und fragte nach dem Familiennamen, den wir zu führen gedachten. An mich gerichtet, sagte sie ernst: „Sie können sich das noch überlegen.“

Ich bin sicher, dass sie damit den angepeilten Familiennamen meinte. Aber für mich hörte es sich wie die Aufforderung zur Flucht an. Noch eine, die zu wissen schien, dass hier etwas schief lief? Bockig rückte ich meinen Schleier zurecht, schnappte den wunderschönen Strauß aus roten Rosen und weißen Fresien und schritt zu den Klängen von Springsteens „Togher than The Rest“ los.

Es dauerte Jahre und kostete unendlich viele Träume und noch mehr Tränen, bis ich vor mir selber zugeben konnte, dass es nicht ausreicht, mit einem Mann alt werden zu wollen, der kein schlechter Kerl ist. Und es dauerte noch viel länger, bis ich begriffen habe, dass der Bauch der beste Ratgeber ist. Bis heute arbeite ich an der Umsetzung der Erkenntnis, dass es besser ist, auf meinen Bauch zu hören, als auf das Gerede der Leute.

Bis die Tage, Pauline

Es war einmal oder: Die Welt der Frau Autorin… Damals und heute


Irgendwann im Januar rief mich mein lieber Verleger an und begann mit den Worten: „Pauline, du bekommst gleich einen Anruf…“ Den bekam ich auch: Meine für den Frauentag geplante Lesung in Arnstadt, die eigentlich im Bürgersaal stattfinden sollte, hatte man – Juchei! – ins Theater verlegt. Die Frau Autorin in mir nahm dieses Angebot begeistert an, während Pauline – der Mensch – schnappatmend nach Hochprozentigem verlangte. Meine Recherchen ergaben, dass das Theater dreihundertzwanzig Sitzplätze hat. Zusätzliche Bestuhlung sei schon wegen des Brandschutzes kein Thema. „Na mein Thema ganz gewiss nicht.“ , dachte ich. Denn ich wäre mit hundert Gästen glücklich. Man stelle sich vor: Pauline vor der Kulisse dieses schönen Hauses. Dreihundert… Nein… Doch! War ich dieser Herausforderung gewachsen? Ich war. Während mich der Intendant durch das Theater führte, Olaf und ich den verhassten Soundcheck absolvierten und ich ordnungsgemäß verkabelt wurde, füllte sich das Theater… Es wurden 255 Gäste gezählt, die mich begeistert haben. Denn sie waren ein großartiges, aufmerksames Publikum. Es war mir eine Freude und eine ganz große Ehre in Arnstadt sein zu dürfen. Ich erinnere mich an jede einzelne meiner Lesungen sehr gerne. Die großen, wie die kleinen auch. Aber Arnstadt war besonders. Denn es war die letzte Veranstaltung dieser Art. Das böse C tötet manchmal Menschen. Die Sterblichkeit liegt nach meinem Wissen sehr weit unter einem Prozent und die höhere Mathematik liegt mir nicht besonders. Rechnen Sie selber nach: Über den Daumen gepeilt leben in Deutschland 80 Millionen Menschen. Bis zum 31.8. 2020 sind an Cov19 deutschlandweit 9371 Menschen gestorben. Diese Zahl ist nicht nur im Hinblick auf die Verhältnismäßigkeit der Auflagen zur Eindämmung des bösen C verblüffend. Ich versuche an dieser Stelle immer den Vergleich mit der Influenza im Winter 2017/2018. Und da kann ich mitreden, war ich doch zu dieser Zeit als Labormäuschen in einer Klinik tätig, das die verheerende Wirkung dieses Virus täglich zu sehen bekam. Aber lassen wir das… Fakt ist: Corona tötet flächendeckend Träume, Existenzen, Unternehmen und eben auch Künstler. Die letzten, die sich von Corona erholen werden, sind all jene, die in der Veranstaltungsbranche tätig sind. Warum? Auch das liegt eigentlich auf der Hand. Denn während zumindest ein Teil der Firmen die „Krise“ irgendwie übersteht, überlegt sich künftig so mancher, ob er sein Kurzarbeitergeld für Kulturelles ausgeben kann. Überdies gehen bei öffentlichen Veranstaltungen diverse Vorschriften zur Eindämmung der Pandemie zu Lasten der Veranstalter. Wegen des Mindestabstandes muss man die Zahl der Gäste mindestens halbieren. Halbe Gästezahl bedeutet halbe Einnahmen. Halber Umsatz. Gar kein Gewinn. Nur das Finanzamt verdient. Dazu kommt, dass Veranstaltern hohe Bußgeldzahlungen drohen, sollten Verstöße gegen Auflagen entdeckt werden. Welcher gebeutelte Veranstalter mag das riskieren? Auch wenn mir klar gewesen ist, dass die Initiative „Night of Light“ eher nichts bringen würde, so empfand ich sie doch als eine tröstliche Geste der Solidarität. Am Abend dieses 22. Juni war ich mit meiner liebeskummerigen Freundin Blondi in der Landeshauptstadt unterwegs und stolperte sozusagen mitten in den Auftritt unseres Landesfürsten. Ich bekam die Gelegenheit zu einer kleinen Plauderei mit dem Herrn und habe ihm gesagt, dass es mich freut, dass er mit seiner Anwesenheit einer sterbenden Branche Mut macht und ihm meine Stimme sicher gewesen wäre, hätte er zu seinem Versprechen vom Mai gestanden, die Thüringer vom Maulkorbzwang zu befreien. Dann habe ich gefragt, was genau er denn für uns Künstler zu tun gedenke? Denn Anwesenheit allein bringt ja keinem was… Der Herr erläuterte wortreich, dass Veranstaltungen doch überhaupt kein Problem seien. Es müsse doch nur für ausreichend Abstand, beste Belüftung und so weiter und so fort… Klar doch. Kein Problem. All diese Auflagen erfüllt ein jeder Veranstalter, der sich schon schwer tut, Gagen zu zahlen ganz bestimmt im Handumdrehen. Ich dankte dem Herrn für das Gespräch und ging meiner Wege. Übrigens nicht, ohne dem Mann einen Post auf seiner Facebookseite zu hinterlassen. Ich dankte auch dort dafür, dass er sich unserer Sache angenommen hatte und bat um Verzeihung, dass mir – dem ganz normalen Menschen – bei der zufälligen Begegnung mit ihm – dem Landesfürsten – die passenden Fragen nicht über die Lippen gekommen waren und ging ins Bett. Und traute meinen Augen nicht, als ich am nächsten Morgen seine wenig freundliche Antwort zu meinem Posting las: Er hätte mir doch ausführlich erläutert, dass Veranstaltungen unter Einhaltung der aktuellen Coronahygieneschutzvorschriften… Und ihm nun vorzuwerfen, dass ihm nicht die richtigen Fragen über die Lippen gekommen seien… Dankenswerterweise gab es Leserkommentare, die ihn darauf hinwiesen, dass es um meine, nicht um seine Lippen gegangen war. Doch mein Ärger wurde groß, als eine Stunde später des Fürsten rüde Ansprache nebst aller Leserkommentare verschwunden und stattdessen ein blumiges Irgendwas zu lesen war. Da hört doch alles auf. Oder auch nicht. Denn die Spitzfindigen unter uns sehen in einem solchen Verhalten einmal mehr des Wesen der Politik im Allgemeinen. Nennenswerte Veranstaltungen wird es in diesem Jahr nicht mehr geben. Wir warten schließlich auf Coronas zweite Welle. Die Medien schämen sich nicht, zu verkünden dass es schon wieder einen mehr gibt, der sich infiziert hat und die Infektionszahlen wegen all der bösen Urlauber so hoch ist, wie seit April nicht mehr. Ein Schelm, der überlegt, ob das wohl daran liegen könnte, dass im April gerade mit Tests begonnen wurde und inzwischen jeder ortsansässige Schimpanse auf Cov19 getestet zu werden scheint. Aber sei es drum, der bayrische Kollege unseres Fürsten verkündete kürzlich, dass man die „Vernünftigen vor den Unvernünftigen schützen muss und die Unvernünftigen vor sich selbst“. Was auch immer das heißt… Vor diesem Hintergrund tönt es neulich aus der Thüringer Staatskanzlei, dass es Karneval und Weihnachtsmärkte geben wird. Echt jetzt?!

Der Teich


Nichts währt ewig und alles ist im Fluss. Wenn man diese schlichten Wahrheiten verinnerlicht, dann läuft es.

Eigentlich. Meistens.

Denn es ist eine Sache, sich spirituell weiterzuentwickeln und eine ganz andere, die Kurven, Steine und Abgründe des Lebens gelassen und im Vertrauen auf Licht und Leichtigkeit gleich hinter der nächsten Kurve zu bewältigen.

Ich bin mit Grimms Märchen aufgewachsen und mit Sex and the City erwachsen geworden. Loszulassen gehörte nicht zu den Lebensaufgaben von Carrie und Co und so weit ich weiß, ist bei Grimms auch nichts zu diesem Thema vermerkt. Vielleicht erklärt das dieses Defizit meiner Persönlichkeit.

Ich helfe mir mit Ritualen, wie dem Rückzug an einen friedlichen Ort, dem Blättern in alten Fotoalben und Ausflügen mit den Mädels. Manchmal braucht frau irgendwas, das bleibt…

Silbermond veröffentlichten im Jahr 2009 einen Titel, der mir damals schon unter die Haut gegangen ist und der aktueller nicht sein könnte:

„Irgendwas bleibt

Sag mir, dass dieser Ort hier sicher ist und alles Gute steht hier still.
Und dass das Wort, dass du mir heute gibst, morgen noch genauso gilt.

Diese Welt ist schnell und hat verlernt beständig zu sein,
denn Versuchungen setzen ihre Frist.
Doch bitte schwör, dass wenn ich wieder komm, alles noch beim Alten ist!

Gib mir ’n kleines bisschen Sicherheit in einer Welt in der nichts sicher scheint.
Gib mir in dieser schnellen Zeit irgendwas das bleibt.

Dann gib mir einfach nur ’n bisschen Halt und wieg mich einfach nur in Sicherheit.
Hol mich aus dieser schnellen Zeit, nimm mir ein bisschen Geschwindigkeit.

Gib mir was irgendwas, das bleibt

Auch wenn die Welt den Verstand verliert
Das Hier bleibt unberührt, nichts passiert“


Neulich waren wir mal wieder an dem alten Teich irgendwo in den Bergen. Es war herrliches Wanderwetter und ich fand, dass es mal wieder Zeit für einen Ort wurde,  der in seiner Beständigkeit etwas Tröstliches hat.

In einem anderen Leben war es eine liebe Tradition, an Ostern zum Teich zu wandern. Egal bei welchem Wetter marschierten wir auf den Berg und machten am alten Teich das erste Picknick des Jahres, versteckten Ostereier und süffelten Eierlikör. Natürlich nur den Selbstgemachten.  

Für Eierlikör und Ostereier war es in diesem Jahr zu spät, aber der Teich und die alten Bäume sind beständig wie eh und je. Wie damals legte ich die Hände an die raue Rinde des uralten Baumes und fühlte die Energie, die mir neue Kraft schenkte.

Alles fließt und nichts währt ewig.

Ich vermisse dich und deine zuverlässige Beständigkeit, liebe Freundin.  

Siebenundsiebzig, Covid 19 und das Spiel mit der Angst


Neulich feierte meine Mama Mausi einen Schnapszahlgeburtstag und obwohl sie und ihre Mädels von oberster Stelle zur Risikogruppe Nummer eins erklärt worden sind, weil ja wegen des Alters und diverser Vorerkrankungen ein erhöhtes Risiko für sie besteht, an Corona zu versterben, hat sie beschlossen, zu feiern, dass wir alle bisher von dem fiesen Virus verschont geblieben sind.

Ich mag die knackigen Damen um meine Mama Mausi übrigens sehr gerne, und keine von ihnen würde ich als alt bezeichnen. Sie sind halt älter…

Ich fand ihre Ansichten zum Thema übrigens interessant bis revolutionär: Die älteste der Damen, ein vornehmes Mädchen um die neunzig, residiert in einer Pflegeeinrichtung und tat ihren Ärger darüber kund, dass ihr Besuche und Kontakte verboten worden sind. Sie ist sich ihres Alters sehr wohl bewusst und weiß, dass sie schon statistisch gesehen nicht mehr viel älter werden wird. Die verbleibende Zeit in verordneter Einsamkeit zu verbringen, findet nicht nur sie grausam. Einstimmiges Nicken von den betagten, aber keinesfalls grauen Köpfen. Nur Mamas Freundin Biggi saß, angetan mit vorgeschriebenem Mundschutz ein wenig abseits und fühlte sich sichtlich unwohl. Als ich mich zu ihr setzte, rückte sie erschrocken noch ein Stückchen von mir weg. Der Mindestabstand…

Entschuldigend erzählte sie mir die Geschichte, die sie kürzlich im Fernsehen gesehen hatte und die sie nicht mehr los ließ: Ein Mann, jünger als sie, war an Corona erkrankt und verstorben, ohne dass seine Frau sich von ihm verabschieden konnte. Die Frau, so sagte Biggi, habe die Geschichte unter Tränen erzählt. Und sie, Biggi, hatte sich fest vorgenommen, ihren Lieben so etwas nicht anzutun. Seither ging sie kaum aus dem Haus und falls doch, dann nur vermummt vom Gesicht bis zu den Händen und immer mit gebührendem Abstand zu anderen. Ein vorschriftsmäßiges Verhalten, musste ich mir eingestehen… Aber sind nicht zu allen Zeiten Menschen manchmal plötzlich verstorben? Das war schon immer so und wird leider immer so sein.

Es liegt mir fern, in eine Art Klugsch…modus zu verfallen. Ich verkniff mir angesichts der Traurigkeit in Biggis vermummtem Gesicht auch die Frage danach, ob sie selber denn jemanden kennt, der krank ist… und versicherte ihr stattdessen, dass alles in Ordnung ist und jeder sich so verhalten muss, dass er sich wohl fühlt.

Ich persönlich kenne dankenswerterweise niemanden, der an Corona erkrankt ist.. Ich kenne nicht einmal jemanden, der jemanden kennt. Aber ich bin persönlich betroffen von Kurzarbeit, ruinierten Firmen und untergehenden Existenzen. Schicksale wie das von der kleinen Biggii gehen mir ans Herz, weil sie zu Isolation und Einsamkeit verdammt sind. Warum? Weil es in der Zeitung steht, die Medien es sagen… und keiner selber nachdenkt.

Ich muss mir manche Kritik anhören, wenn ich ketzerische Fragen stelle, habe manchmal das Gefühl, dass sich Freunde von mir abwenden, weil ich unbequem quatsche. Ich bin kein Verschwörungstheoretiker, habe keine Ahnung, wie Corona und Aluhüte zusammenhängen und was kritisches Denken mit der rechten Szene zu tun hat, kapiere ich auch nicht.

Aber wenn ich die Erlässe und Verbote im Umgang mit Corona allein in den verschiedenen Bundesländern miteinander vergleiche, dann komme ich nicht umhin zu erkennen, das das fiese Virus besonders klug ist und die Menschen alle miteinander ziemlich dämlich aussehen lässt. Denn erkläre mir mal einer, wieso das fiese C nur Leute zu befallen scheint, die stehen, nicht aber welche, die sitzen? Und wieso war es bisher in Klassenzimmern unschädlich, mit Beginn des neuen Schuljahres aber gefährlich? Und warum greift es in der Schweiz nicht an und in Holland nur selten? Und als ich neulich gelesen habe, dass Katzen es auch bekommen, es sich bei ihnen durch Schnupfen bemerkbar macht, bin ich komplett vom Glauben abgefallen. Gehörte Schnupfen nicht zu den Symptomen, die bei Corona nicht auftreten? Und falls das bei Tieren anders ist, komme ich nicht um die verzweifelte Frage herum, wer verdammt noch mal auf die Idee gekommen ist, niesende Viecher auf Covid 19 zu testen?

Nun sind Reisende schuld an steigenden Zahlen, so heißt es in den Medien. Die Zahlen sind so hoch, wie seit Anfang Mai nicht mehr, wird anklagend verkündet. Niemand stellt die Frage nach der Verhältnismäßigkeit. Will sagen: Wie viele Tests wurden im Mai durchgeführt? Und wie viele sind es heute?

Man könnte meinen, dass eigentlich niemand weiß, was da vor sich geht. Aber keiner gibt es zu. Bald beginnt die Grippezeit. Und alle Welt fürchtet sich vor Coronas zweitem Angriff.

Himmel hilf! Aber das ist nur meine Meinung.

Mausis Geburtstag liegt übrigens inzwischen länger zurück, als die Inkubationszeit mit dem bösen C lang ist. Alle sind fit und freuen sich daran, auch im Alter lebenslustig das Dasein zu genießen.

Bleibt gesund und kritisch!

Eure Pauline

 

Grau


„Du bist nur mit einem kleinen Funken Wahnsinn gesegnet. Du darfst ihn nicht verlieren.“

Heute vor sechs Jahren, am 11. August 2014 ging der wunderbare Robin Williams freiwillig aus dem Leben. Ich weiß noch genau, wie sehr mich sein Tod bewegt hat. Vor allem war da ein Gefühl von „Wie kann er nur?!“  In meiner Welt galt Suizid als feige… Robin Williams war ein begnadeter Schauspieler, der mit seinen Filmen und seiner unverwechselbaren Mimik die Welt zum Lachen gebracht hat und mit seinem Tiefgang Leute wie mich zum Nachdenken. Auch über dieses Zitat.

Es wurde gemutmaßt, dass Robin Williams krank war, von Parkinson war die Rede und auch von Depressionen.

Und in meinen Ohren klang der Satz, den ich häufiger hörte: „Depressionen sind nur für Leute, die sich so was leisten können.“

Etwas später bin ich dahinter gekommen, dass „Depressionen“ keine Entschuldigung von Menschen sind, die zu feige sind, sich dem Leben zu stellen. Mir wurde bewusst, dass es sich um eine schwere Krankheit handelt, die im schlimmsten Fall tödlich verläuft. Irgendwann sah ich mich mit der Frage konfrontiert, warum „Depression“ noch immer ein Tabuthema ist. Unsere Welt ist so offen, so aufgeklärt. Wir dürfen heiraten, wen wir wollen. Wir dürfen sogar selber entscheiden, in welchem Geschlecht wir leben wollen. Depressionen dürfen wir nicht haben. Woran liegt das?

Ich hatte eine Freundin, die wegen Depressionen lange Zeit nicht arbeiten konnte. Ich erinnere mich an die Äußerung einer Kollegin, die wütend etwas von „Modeerscheinung“ zischte und dass man damals im Krieg keine Zeit für solche Mätzchen hatte. Sie war nicht die Einzige, die mit Fingern auf meine Freundin gezeigt hat und meinte, dass sie zu faul sei, sich den Anforderungen des Lebens zu stellen.

Meine Freundin hat sich lange versteckt und war mit ihren Ängsten, der Panik und der Mutlosigkeit in ihrer Dunkelheit allein. Nach außen völlig normal, doch innendrin war alles grau. Dunkelgrau. Es drückte sie nieder, bis sie irgendwann nicht mehr weiter konnte.

Inzwischen geht es ihr gut. Meistens jedenfalls. Sie hat sich Hilfe geholt und die Leute mit Meinungen wie „Depressionen sind nur etwas für Leute, die sich das leisten können.“ hinter sich gelassen. Dafür hat sie eine neue Beziehung zugelassen: Die zu sich selber. Und das ist die, an der sie jeden Tag arbeitet. Aber sie weiß, dass es sich lohnt.

Depressionen scheinen übrigens weit verbreitet zu sein und sind alles andere als eine Modeerscheinung. Schon Abraham Lincoln galt als melancholisch. Er holte sich Hilfe bei einem Arzt, dessen Arbeit er als „notwendig für meine Existenz“ beschrieb.

Winston Churchill beschrieb das, was seinem Leben oft die Farben nahm, als seinen schwarzen Hund. Damit gab er dem Untier namens Depressionen ein Gesicht. Diese Metapher verwendete auch Bruce Springsteen in einem BBC- Interview. Er erzählte auf BBC Radio 4, dass Depressionen ihn anspringen und quälen.

Die Mutter des von uns heiß geliebten Harry Potter, Joanne K. Rowling hatte eine schwere depressive Episode, als eine Liebe zerbrach. Unseren Freund Harry verdanken wir nicht zuletzt auch dieser Krise, denn Frau Rowling soll angeblich mit den Dementoren ein Bild ihrer Depressionen gezeichnet haben. Ich persönlich finde, sie hätte ihren Zustand nicht besser beschreiben können als mit der Darstellung dieser grau- gruseligen Schattengestalten, die nichts als Kälte und Finsternis brachten.

Stellen wir uns doch unserer Unsicherheit dem gegenüber, was wir nicht sehen können. Hören wir auf, das abzulehnen, was mathematisch nicht zu berechnen ist. Öffnen wir uns der Geschichte des „schwarzen Hundes“ und sehen wir nicht mehr weg, wenn jemand in unserem Umfeld in tiefer Traurigkeit zu versinken droht. Nehmen wir die Ängste eines anderen Menschen ernst, wenn er schon so mutig ist, uns davon zu erzählen.

Bis die Tage,

Pauline

Traum von Amsterdam


IMG_20200629_133142Schon als kleines Mädchen liebte ich Holland. Nicht daß ich je dort gewesen wäre… Es gab schließlich Grenzen… Wir erinnern uns?
Aber die Holländer hatten Windmühlen, viel Wasser, diese komische Sprache und sie hatten Königs. Amsterdam erschien mir damals als das Ziel aller Träume.

Jeden Mittwoch wurden in der sozialistischen Tageszeitung „Das Volk“ die aktuellen Schiffspositionen ostdeutscher Schiffe veröffentlicht. Und jeden Mittwoch suchten meine Oma Stock und ich die angegebenen Häfen im Atlas. Ich freute mich jedes Mal wie ein Schnitzel, wenn ein Schiff in einem Hafen mit so exotischem Namen wie „Rotterdam“ zu finden war. Meine Oma Stock war nahe der holländischen Grenze aufgewachsen und versuchte, mir die paar Brocken holländisch beizubringen, die sie selber kannte. Mein Opa hörte den Sprachversuchen zu und brummte, dass Holländisch keine Sprache, sondern eine Rachenkrankheit sei.

Dann bin ich erwachsen geworden und meine Schwärmerei für das Land mit den Grachten muss mir abhanden gekommen sein, denn erst als Maxima nach Holland zog, um dort Königin zu werden, erinnerte ich mich an das kleine Land, von dem ein Viertel unterhalb des Meeresspiegels der Überflutung entgegen zittert. Falls die holländischen Ingenieure es nicht schaffen, eine vernünftige Flutsicherung zu entwickeln. Die Holländer erschienen mir fröhlich und entspannt. Ich konnte das zwar nicht objektiv beurteilen, denn ein nennenswerter Besuch der Niederlande hatte sich noch immer nicht ergeben, aber mir ist nichts darüber bekannt, dass von den Holländern seit dem vorletzten Jahrhundert irgendwelche Bedrohung ausgegangen wäre. Ob das wohl an ihrer Einstellung zu einer umstrittenen Grünpflanze liegt?

Inzwischen sind MC und Detlef Knauxel feste Größen in meinem Leben. MC fand meine naive Schwärmerei für das Land mit den Holzschuhen niedlich und hängte neulich den ollen Knauxel an unseren Roadrunner.  Wenige Stunden später fand ich mich auf einem lauschigen Campingplatz mitten in Amsterdam wieder.

Kinner nee, was war ich aufgeregt!

Amsterdam ist überhaupt nicht abgehoben oder gar anfällig für die Arroganz, derer sich andere Hauptstädte und ihre Bewohner so gerne bedienen. Amsterdam ist…

…anders.

IMG_20200630_130502Es ist einzigartig. Zauberhaft. Überall Wasser, Boote, verwinkelte Giebelwände, Fahrräder, enge Sträßchen. Überhaupt die Giebel. Wir überlegten erstaunt, ob diese alten Häuser sich etwa unter der Last ihrer Jahre unübersehbar in Richtung Straße neigten. Doch mein neugieriger MC gab sich mit dieser schlichten Erklärung nicht zufrieden. Er glaubte einfach nicht, dass Häuser sich so neigen können, murmelte etwas von „Statik“ und befragte kurzerhand Google. Des Rätsels Lösung finde ich so bemerkenswert wie clever: Holland hatte seinen Bürgern eine Steuer für die Fassadenbreite auferlegt… Naja… Königs mussten ja auch von was leben. Der clevere Amsterdamer war aber auch nicht dusselig und baute sein Haus so schmal wie möglich. Weitsichtig wie er war, stellte er sich der Frage, wie Möbel und andere sperrige Gegenstände in den Sparbau hinein und wieder hinaus zu transportieren seien.  Irgendein findiger Amsterdamer kam auf die Idee, sie von außen einfach hoch zu ziehen. Fertig war die geneigte Fassade nebst Rollvorrichtung ganz oben im Giebel. Und Königs? Naja… Die erfanden andere Steuern. Die Gardinensteuer angeblich. Allerdings soll die nur ein Märchen sein, aber lassen wir das…
Amsterdam ist so entspannt und fröhlich wie in meiner Vorstellung. Selbst im Sommer mit dem blöden C dreht dort keiner durch. Man begegnet dem einen Virus genau so wie allen anderen auch mit freundlichen Hinweisen wie „Hold je an de Regels.“ Haben wir gerne gemacht. Denn Händewaschen, Niesen und Schnüffeln in die Armbeuge und respektvoller Abstand gehören für uns seit Kinderzeiten zum guten Ton. Von Schniefmasken sahen wir in ganz Holland übrigens nix. Also gar nix. Außer in der Amsterdamer Straßenbahn. Da sind Hollands eisern. Schnuffi auf, sonst läufst du. MC und sein blaues Halstuch wurden nicht toleriert. Man überreichte ihm lächelnd eine von den echten Masken.

Und dann die Gerüche… Schlagartig hatte ich den Partysong von Cora im Ohr, als sie dieses so verzweifelt anmutende Lied über den Traum von Amsterdam sang. Ich gestehe, seit ich vor Jahren mal mit einem ziemlich zugedingsten Patienten zu tun hatte, wollte ich ihn ausprobieren: Diesen Keks aus Amsterdam.IMG_20200629_122018

Und ja. Ich habs getan. Der Knauxel, der Campingplatz, der Mann in meinem Leben. Amsterdam. Hach…

Wenn frau sowieso schon wunderbar drauf ist, versüßt ein süßer Keks den Tag noch mehr. Psychologen behaupten, dass die Wirkung von THC unsere Grundstimmung verstärkt. Kaum vorzustellen, was wäre, wenn man derart verbotene Früchte knabbert, wenn man in einer negativen Grundstimmung … sagen wir traurig und ängstlich ist. In diesem Fall könnte frau sich in einem ganz anderen Film wiederfinden: Vielleicht allein auf einem Berg und gejagt von Fahndern der Polizei…IMG_20200629_121502

Jeder ist für sich selber verantwortlich. So sieht man das in Holland.

Dann knauxelten wir weiter Richtung Küste. Was ja in Holland ein sehr kleines Problem ist. Die Niederlande sind beneidenswerterweise umzingelt vom Meer und so war unsere Reise ans Meer eine Sache von weniger als zwei Stunden.

Ein einziges Minuspünktchen bekommen die Holländer dennoch von mir: Ich bin ein Mädchen. Und als solches muss ich manchmal. Und kam in diesem Zusammenhang nicht um die bange Frage herum: Wo?! Verdammt noch eins… Wo gehen die Holländer hin, wenn sie mal müssen?! Mit dieser verzweifelten Frage wandte ich mich an den holländischen Fährmann, der mich aus fröhlichen blauen Augen anlachte. Er erkannte meine Nöte und führte mich ritterlich unter Deck. Ich hatte das Pipi vor lauter Dankbarkeit in den Augen, als ich die Klotür hinter mir zu schmiss. Den Griff hielt ich erschrocken gleich mit in der Hand… Der fröhlich Holländer befreite mich auch aus dieser misslichen Lage.

Und dann stand ich da.

Die Sonne im Gesicht, die Meerluft in der Nase und den Wind im Haar, fest umschlungen von MCs Armen. Es war einer dieser Momente, in denen mein Herz überläuft.

All I know …IMG_20200702_165712

Ja , ich schwärme für Holland. Die Grachten, die Boote, das Gras, die Windmühlen. Das Meer. Und Königs. Und das alles ist nichts, ohne den einen Menschen an deiner Seite, der genauso fühlt wie du.IMG_20200703_143408
 

Mädelsurlaub, fiese Krabbeltiere und… Lenin


Mag das böse C die Welt lahmlegen, unserem Mädelsurlaub kann es nichts.

Basta.

Mit diesem bockigen Gedanken im Gepäck machten wir Mädels uns auch in diesem Jahr wieder auf, um in der Abgeschiedenheit der Welt irgendwo im Nirgendwo Atem zu holen und die Akkus aufzutanken.

106509382_3760138480670154_7504455995266809419_nKinner nee, was hab ich gejubelt, als Hilde schwungvoll den wahrscheinlich ältesten Kreisverkehr der Welt umrundete. Es tat unglaublich gut, in der Abgeschiedenheit unserer Hütte im Nirgendwo zwischen der Schorfheide und den tausend Seen drum herum anzukommen. Dieses unser „Irgendwo im Nirgendwo“ hat etwas kostbar Heilsames für die Seele, dass vielleicht darin begründet ist, dass das www. auch in diesem Jahr noch nicht in die Hundertseelengemeinde eingegliedert worden ist. Vielleicht liegt der Zauber aber auch darin, dass dort scheinbar alles beim Alten ist:

Nichts kann die Steine der schottisch anmutenden Kirche zum wackeln bringen. Kein „DIN A schieß mich tot„- Siegel 107103186_3760137997336869_3910934048555331236_nhindert Schaukel und Wippe aus meiner Kinderzeit daran, desillusionierte, am Rande des klassischen Burnout vegetierende Städter, das innere Kind vor Freude quietschen zu lassen. Keinen schert es, wenn wir Mädels unsere alles andere als makellosen Gebeine Sonne, Wind und Wasser preisgeben.

Die Welt steht still. Auf eine friedliche, heilsame Weise. Und gibt mir Zeit und Muße, mit mir allein zu sein. Die denkende, erwachsene Pauline und die fühlende Kleine, die sich endlich wieder wahrgenommen fühlt, als ich auf der Schaukel sitze und das Dorf im Rhythmus meiner Schwingungen zu fliegen scheint.

Was kann das Leben leicht sein! – Wie schwer doch mitunter alles ist.

Will ich das alles eigentlich? Was will ich eigentlich?

Das Kind in mir wünscht sich nichts so sehr, als das alles so bleiben möge wie es ist.

Allerdings bin ich auch ehrlich genug zuzugeben, dass ich durchaus auf die zahllosen Spinnen, Käfer und anderes Getier der furchteinflößenden Sorte verzichten könnte, welche sich unerlaubt unter meiner Bettdecke geräkelt haben. Kinner nee… da hört meine Liebe zum Rustikalen auf, mag Hilde die schönen Augen noch so theatralisch zum Himmel rollen. Ich bin unerbittlich, wenn es um das Überschreiten meiner Türschwelle geht: Draußen ist ihr Lebensraum. Drinnen meiner. Basta! Glücklicherweise war die taffe Hilde schneller im Retten bedauernswerter Achtbeiner, die so unvorsichtig waren, beide Lebensräume zu vertauschen, als ich mit dem Latsch…

Ich liege mit Hilde am See und wir reden über unsere innersten Dinge, über Freude und Angst, über Aufbruch und Neubeginn, über Anhaftung und Ablehnung. Es sind Gespräche, die man nur mit jemandem führen kann, dem man sehr nah ist. Mit der besten Freundin eben.

Es wäre schön, wenn alles so bleiben könnte, wie es ist.

Das Leben geht weiter, ist im Fluss und alles verändert sich. Irgendwann hab ich mal eine Geschichte von Georg Danzer gelesen, die mir bei diesen Gedanken wieder in den Sinn gekommen ist:

„Es war einmal ein Mann, der wollte die Zeit anhalten. So ging er hinaus auf einen Hügel vor der Stadt und rief ‚Zeit, steh‘ still.‘ Da kam ein Reiter des Weges und sprach: ‚Wenn dies Dein Wunsch ist, so sei er Dir erfüllt.‘ Der Reiter nahm seinen Degen und stach dem Mann in die Brust. Zu dem Toten sagte er dann: ‚Es gibt nur eine Zeit. Deine Zeit. Und ihr Wesen ist Wandlung. Wer die Veränderung nicht will, will auch nicht das Leben.‘ Dann ritt er weiter.“

Dann kam der Samstag, an dem wir eigentlich zum Event des Jahres in die Schorfheide aufbrechen wollten. Nun ja, eigentlich ist bekanntlich schon eine Geschichte. Und diese heißt Covid 19…

… Auf dem Gelände des Luftfahrtmuseums in Finowfurt war – erwartungsgemäß – wenig bis gar nichts los. Eine Traurigkeit lag über dem Platz, der eigentlich alljährlich am letzten Juniwochenende für ein Lebensgefühl steht, dass unbeschreiblich ist. Nur der olle Lenin zeigte sich unbeeindruckt von der Leere um ihn herum und starrte wie gewohnt düster in die Welt.

Ob wir es wollen oder nicht, die Welt verändert sich. Und ich komme nicht um die Überlegung herum, ob Corona uns nur glauben lassen will, es lege die Welt lahm. Vielleicht stimmt das gar nicht, sondern das fiese Virus zwingt uns, Veränderung wahrzunehmen und zu akzeptieren.

Zurück auf der Wiese an unserem See wagte ich mich an die Überlegung, dass nichts ewig währt. Auch die Liebe nicht und nicht die Freundschaft. Und ganz sicher nicht Covid 19. Finowfurt wird im nächsten Jahr noch da sein, genauso wie unser „Irgendwo im Nirgendwo„. Aber es ist nicht sicher, ob es unseren Mädelsurlaub in dieser Form noch einmal geben wird. Vielleicht gibt es in Finowfurt im nächsten Jahr zwei Rockabellas weniger. Oder es gibt eine mehr…

Alles Liebe,

Pauline

 

 

 

 

 

 

 

Corona vs. real existierende Krankheiten


Wann immer ich an das böse C denken muss, packt mich ein erschreckendes Gefühl…

Ohnmacht? Wut? Hilflosigkeit?

Ich frage mich bang, wann wir aufgehört haben, selber zu denken. Dieses Covid 19 wühlt sich wie ein Krebsgeschwür in jeden Bereich des Leben. Es gibt keinen Bereich mehr, den Corona nicht beherrscht. Bis auf einen: Niemand ist krank. Hin und wieder wurden Menschen positiv mittels Nasenabstrich auf das potentiell todbringende Virus getestet. Mit fragwürdigen Folgen. Denn nur selten war der Delinquent dann wirklich krank. Doch weißungsgemäß hockte er brav in Quarantäne und wartete ab. Und ab diesem Punkt schien kaum jemand von medialer, medizinisch verantwortlicher oder gar von der regierenden Seite weiter über den Fall nachgedacht zu haben. Denn was wurde aus denen, die sich mit dem Positiven im selben Haushalt aufgehalten haben, während der in Quarantäne saß? Das ist nicht überliefert und vielleicht aus gutem Grund: Kaum jemand von den Angehörigen scheint sich infiziert zu haben. Und falls doch, bleibt die Frage unbeantwortet, wie viele der ach so vielen Postiven denn tatsächlich krank geworden sind?

Man hat inzwischen Tests entwickelt, die eine durchgemachte Coronainfektion mittels der Antikörper nachweisen, die das Immunsystem nach einer Infektion entwickelt. Übrigens ganz von alleine! Diese bleiben im Blut nachweisbar, und sorgen künftig für Immunität.

Prompt kommt die nächste Überraschung, die eigentlich keine ist: Kaum ein Antikörpertest ist positiv! Weil alle brav Maulkörbchen tragen und Abstand halten.

Bravo!

Was mich dann wirklich besorgt. Denn so lange wir Maulkorb- und anderen Zwängen unterliegen, wird die Durchseuchung, die unbedingt notwendig ist, um jedweder Seuche Herr zu werden, auf sich warten lassen. Aber bitte, Virologen, Politiker und unser aller Anschela müssen sich ja was gedacht haben, als sie unser Leben mit Mauern versehen haben, die schwer wieder einzureißen sind.

Ich bin auf keiner Arztschule gewesen, aber ich maße mir an, meinen Menschenverstand nicht ins coronale Koma geschickt zu haben. Ich befürchte, dass der olle Robert Koch sich im Grabe umdreht, wenn er erfährt, welche Schuld das Institut, das seinen Namen trägt, derzeit an Gesundheit, Wirtschaft und Seelen anrichtet.

Corona ist ein Geschäft mit der Angst der Menschen.

Seltsam finde ich hingegen, dass der Mensch aufhört zu denken, sobald unser aller Anschela die Händchen aneinander legt und mit betrübter Miene dem Volk verkündet, was neue Normalität bedeutet. Zum Besten des Volkes versteht sich. Wo ist er hin, der edle Grundgedanke, dass jeder für sich selbst verantwortlich ist?

Irgendwie scheint man vergessen zu haben, dass es neben der potentiell tödlichen zweiten Coronawelle auch ganz reale furchtbare, schmerzhafte und mitunter tödliche Krankheiten gibt.

Wer kümmert sich um die Angst der Menschen, die wirklich krank sind? Wer hält in Zeiten von Kontaktverbot und Gesichtswindeltragepflicht die Hand eines Sterbenden? Wer streicht tröstend über den kahlen Schädel eines Chemotherapiepatienten, der sich gerade die Seele aus dem Leib kotzt?

Wer jemals einem Menschen beim Haare waschen selbige vom Kopf gezerrt hat, weil die Chemo neben Tumorzellen auch Haare und Blutzellen tötet, dem kommt vielleicht der Gedanke, dass dieser Mensch sich wünschen würde, Sch… Corona zu haben.

Es ist einfach nur menschlich, jemandem, den man liebt, in schweren Zeiten die Hand zu halten, die Tränen wegzuwischen und einfach nur da zu sein. Es ist normal, bei einem Lieben sein zu wollen, der gerade einen Kampf kämpft, dessen Ausgang alles andere als gewiss ist. Diese Gesten der Menschlichkeit sind uns verboten worden. Was anfangs vielleicht noch Vorsicht war, ist angesichts nicht vorhandener Infektionszahlen aus meiner Sicht inzwischen ein Verbrechen an der Menschlichkeit.

Gedanken wie diese entspringen nicht meiner Phantasie sondern sind in meinem Leben traurige Wirklichkeit.

Ich hasse Corona. Nicht weil ich Angst vor diesem Quatsch habe, sondern weil Corona unser aller Leben in einer Weise beeinflusst, die in keinem Verhältnis zur realen Bedrohung steht. Dieses Virus ist über jedes menschliche Gefühl gewachsen. Nur über die Angst nicht.

Bis die Tage, eure Pauline

Märchen, Kurzarbeit und die Wirklichkeit…


104690972_3717452698272066_6159869887302536411_oMeine Freundin Lilli meint, dass sich im Leben eines jeden Menschen einmal ein Märchen erfüllt…

Aha.

Angesichts der verzückten Überzeugung, mit der sie diesen Glaubenssatz rezitierte, spülte ich meine zynische Antwort mit Hilfe eines großzügigen Schluckes Chardonnayschörlchen hinunter und verschluckte mich fast, als ich Hildis genuscheltes: „Na dann…!“ vernahm.  Mit verschwörerischen Mienen rückten Hildi und ich enger zusammen und lauschten Lillis Geschichte, die nun folgte: Liebe. Die ganz große! Lilli hat sie endlich gefunden. Bei Rewe an der Wursttheke versteht sich. Großer Mann, blaue Augen, keine Altlasten und in jeder Hinsicht unabhängig.

Hach ja..

Und als sie mit leuchtenden Augen berichtete, dass er ihr mit den Worten: „Ich liebe dich so sehr, dass ich keinen Tag mehr ohne dich sein möchte.“ den Schlüssel zu seinem Schloss in die schön manikürte Hand drückte, da kam auch die olle Zynikerin, die ich nun mal bin, nicht umhin, seufzend zu denken : „Kinner neee…!“ Ich ignorierte erfolgreich das Stimmchen in mir, dass hauchte: „Nach zwei Monaten? Alle Achtung, mal sehen, was der Typ in vier Wochen noch von seinen großen Gefühlen weiß.“ und drückte meine Freundin ganz fest: „Ich freue mich so für dich.“ Das tat ich auch. Wirklich! Schließlich hat Lilli so oft Lurche geküsst, dass sie sich den Typen mit dem weißen Pferdchen mehr als verdient hat. Das fanden die anderen Mädels auch und wir stießen fröhlich auf eine Lovestory an, die scheinbar das Zeug zum „Happy End“ hatte.

Gesten war mein Coronatag. Nicht dass ich an dieser nebulösen und potentiell absolut tödlichen Krankheit leide. Keineswegs. Dankenswerterweise tut es weit und breit auch kein anderer. Aber von ganz oben wurde ja in weiser Voraussicht schon im März beschlossen, auf die Behandlung der meisten Krankheiten vorerst zu verzichten, um auf coronale Katastrophen vorbereitet zu sein. So kam, was kommen musste: Vielerorts schicken in diesen Tagen die Medizinkonzerne ihre Mitarbeiter in Kurzarbeit. Mich auch. Medizin hin oder her: Die Zahlen müssen stimmen.

Nun kann frau die Dinge ja grundsätzlich so oder so sehen. Ich persönlich habe beschlossen, wenigstens diesen Aspekt generalisierten Irrsinns, der uns alle auf die eine oder andere Art heimsucht, so bald das Wort Corona erklingt, für mich zu nutzen. Kraft tanken, Leichtigkeit haschen.

Weniger Kohle im Geldbeutel? Mir egal, Geld ist nicht alles, das habe ich schon immer so gesehen. Aber Frieden ist unbezahlbar. Innendrin der. Und so habe ich diesen Coronatag genutzt, um meine alte Freundin die Talsperre zu besuchen. Diese legte mir – in einem anderen Leben – jemand ans Herz. Leider war diese Geschichte eine von denen, wo frau Gefahr läuft, am falschen Ende der Gasleitung zu enden.                                                    Aber so sicher wie ich davon überzeugt bin, dass Sommerlieben im Allgemeinen einem Verfallsdatum unterliegen und die, die im coronalen Irrsinn entstehen, vielleicht noch schlimmer dran sind, so fest glaube ich auch daran, dass keine Begegnung zufällig ist. Und meine hat mir diese alte Talsperre geschenkt.

Meine. Da komme, was da will. Basta.

An meinem Coronatag wollte ich mit Lilli am Ufer herum lungern und das Leben leicht nehmen. So war der Plan. Während mein Flitzer sich über schmale Bergstraßen schlängelte, konnte ich den Fetzen der Erinnerung nicht ausweichen, die an mir vorbei flogen: Ein Motorradfaher. Mein rotes Kleid. Ein Bad im See. Eine Mülltonne und zerbrochenes Glas. Chardonnayschorle. Grüne Dosen. Tanzen. Tiefgründigkeit. Quietschen vor Glück.

Und dann war ich bei Lilli. Sie flog in meine Arme. Ich ließ sie schluchzen. Tausend Tränen reichen nicht, um den Schmerz der zerbrochenen Sommerliebe zu stillen. Es dauerte eine Weile und etliche von den grünen Dosen, bis Lilli erzählen konnte, was passiert ist. Meine Freundin ist keine, die blauäugig (schließlich sind ihre Augen grün) jemandem vertraut. Da können die Blauäugigen unter uns sie immer wieder auf das Ding mit der negativen selbsterfüllenden Prophezeihung hinweisen. Lilli wittert hinter jedem Busch einen Indianer.

Selbsterfüllende Prophezeihung hin oder her, es kam, wie es kommen musste: Lilli erwischte ihre große Liebe bei etwas, was er wohl nicht gemacht hätte, wenn er hinter seinen eigenen Gefühlen stehen würde. Sie ist eine Frau, die nicht lange fackelt: Sie schmiss den Lurch in seinen Teich zurück und verschloss die Tür zu seinem Schloss mit dem Schlüssel, den er ihr vor so kurzer Zeit – damals in dem anderen Leben – ans Herz gelegt hatte. Ich bewundere sie für diese Konsequenz. Doch als sie mit mir auf der bunten Decke lümmelte und grüne Dosen schlürfte und mir ihre Gedanken zum entwirren gab, da kam ich nicht umhin zu erkennen, das die Nächste von uns mit der Erkenntnis wird leben müssen, dass große Liebe große Schmerzen und unendlich viele  Fragen hinterlässt. Fragen, auf die Lilli wohl nie eine Antwort bekommen wird.

Wer glaubt, dass jeder Mensch ein Märchen erfüllt bekommt, ist in seiner Kindheit zu oft mit Grimms Märchen gefüttert worden und hat in seiner Jugend zu oft von Hollywood genascht. Mancher Schmerz wird bleiben, manche Frage für immer da sein.

Aber irgendwann fragt auch Lilli sich vielleicht, warum sie auf alles eine Antwort haben muss. Vielleicht erkennt sie, dass alle Antworten in ihr sind. Sie wird lernen, zu beobachten und zu vertrauen. Und dankbar dafür zu sein, dass sie nicht zu feige war, wirklich zu lieben. Eine neue große Liebe wird auch für Lilli kommen und mit ihr ganz sicher der Mann, der es wert ist. Sie wird ihren Frieden mit der Vergangenheit und mit den Fragen machen, genau wie mit den Dingen, die nicht zu ändern sind. Denn das Leben ist wunderschön. Und nichts, aber auch gar nichts ist für die Ewigkeit….

 

Alles Liebe Pauline