Frau Birkenbihl, Prinzessin Zauberhaft, die stählerne Frau und der Kutscher


Es waren einmal ein König und eine Königin, die lebten zufrieden in ihrem kleinen Königreich. Sie ließen ihre Untertanen getreu dem Motto „Leben und leben lassen“ in Ruhe, waren nett und freundlich zu jedem und die Untertanen dankten ihnen diese Großzügigkeit mit Gehorsam und fleißiger Arbeit.

Eigentlich hätte auch dieses Märchen enden können, wie einst bei Grimms: „Und wenn sie nicht gestorben sind…“

… Aber Herr König und Frau Königin hatten eine Tochter namens Zauberhaft.

Diese war ein verzogenes Gör, dass von sich selber behauptete zu leuchten und dem jeder Wunsch unverzüglich erfüllt werden musste. Sonst stampfte die Prinzessin gar nicht zauberhaft mit den Füßen, bekam zornrote Bäckchen und ließ gekonnt die Tränen spritzen. Prinzessin Zauberhaft hatte nie eine Freundin, denn sie wollte immer die Bestimmerin sein und ihr Spielzeug machte sie aus Launenhaftigkeit oft kaputt. Dann sah sie mit runden Augen in die Welt und beteuerte: „Das war ich nicht!“ Königs jedenfalls liebten ihre einzige Tochter mit elterlicher Blindheit. Nie hätten sie das zauberhafte Kind getadelt, oder gar bestraft.

Eines Tages begegnete der Prinzessin bei einem Ausflug unters Volk eine eiserne Frau. Sie war hart und kalt und böse und niemand wollte ihre Freundin sein. Der eisernen Frau war das egal, denn sie hatte ja kein Herz und da, wo der fühlende Mensch Hirn hat, befand sich bei ihr ein Taschenrechner. Die Königstochter erkannte die verwandte Seele und fragte die eiserne Frau, ob sie Freundinnen sein wollten. Die stählerne Frau begann flugs eine Kosten- Nutzenanalyse anzustellen. Es ergab sich tatsächlich ein sattes Plus auf der Nutzenseite und die eiserne Frau wurde die Freundin von Prinzessin Zauberhaft. Zusammen wurden sich mächtig.

Eine Tages übergaben Herr und Frau König der zauberhaften Prinzessin die Herrschaft über das Land. So kam es, dass das Gör den Thron bestieg. Die stählerne Frau bekam von der Prinzessin das wichtige Amt der Lehrmeisterin. Leider missbrauchte sie ihre Macht. Anstatt ihren Bildungsauftrag geduldig und mit Freude auszuführen, beklagte sie sich unentwegt über die schlechte Entlohnung und die Dummheit ihrer Zöglinge. Jeden Tag ersann die Stählerne neue ausgeklügelte Pläne, um sich selber möglichst viel Arbeit vom Hals zu halten.

Prinzessin Zauberhaft saß derweil im gläsernen Palast und amüsierte sich köstlich über ihre fleißigen Untertanen, die sich Ameisen gleich tummelten. Von Fragen und Sorgen der Ameisen fühlte sie sich meistens belästigt. Dann klimperte sie genervt mit den Wimpern, nickte scheinbar verständnisvoll, dass ihr Dutt wackelte und schickte den Untertanen zurück zur Arbeit. Anschließend hechelte sie die Probleme der anderen bei einem süffigen Heißgetränk mit ihrem Stab durch. Zu diesem gehörte außer der stählernen Frau noch ein molliges Wiesel, dass unterwürfig die Schmutzarbeiten für die Zauberhafte erledigte und nebenbei gerne das Volk belauschte und denunzierte. Im Gegenzug durfte das dickliche Wiesel von seiner Ecke im gläsernen Palast aus am ausschweifenden Leben der Auserwählten teilhaben.

An der Wand über dem Thron der Prinzessin prangte fortan ein goldener Wandteppich, auf den die stählerne Frau in akkuratestem Kreuzstich gestichelt hatte:                                        

Ich höre erst auf, böse zu sein, wenn meine Untertanen aufhören, dumm zu sein.“

Das Volk trug einen der Untertanen nach dem anderen zu Grabe, der dem Druck aus dem gläsernen Palast nicht mehr standhalten konnte. Bei jedem Tod quetschte Prinzessin Zauberhaft gekonnt ein oder zwei Tränchen aus den angemalten Augen und sagte: „Das war ich nicht. Ich bin doch zauberhaft.“ Herr und Frau Königin streichelten ihrer zauberhaften Tochter immer wieder vertrauensvoll über den Dutt und versicherten dem Kinde grenzenlose Liebe.

Dann verliebte die Prinzessin sich von ganzem zauberhaften Herzen. Aber diese Liebe durfte nicht sein.

Denn er war ihr Kutscher!

Was würden die Leute bloß denken! Der Kutscher und sie, die Zauberhafte! Niemand durfte davon wissen und keiner durfte darüber sprechen, was er sah. Und zu sehen gab es fortan Einiges, was der Zauberhaften peinlich hätte sein sollen. Anscheinend hatte sie vor lauter Turtelei vergessen, dass ihr Palast aus Glas war. Und so sah jeder, der so unvorsichtig war, einen Blick zu riskieren, die Turteltauben bei Tölpeleien, die sich in ihrer öffentlichen Zurschaustellung für eine Königstochter keinesfalls ziemten. Dem Kutscher war es wurscht, was die Untertanen meinten, er hechelte  der Zauberhaften mit tropfenden Lefzen auf all ihren Wegen im Zehnminutenabstand hinterher.

Prinzessin Zauberhaft fand die Beziehung zu einem Mann weit unter ihrem Stande selber als ziemlich unpassend. Um keinen Preis würde sie sich zu dem Kutscher bekennen. Aber eine Andere durfte ihn auch nicht haben. Dann wäre sie ja nicht mehr zauberhaft. Sie herrschte fortan noch grausamer über weibliche Untertanen, die unglücklicherweise in das lüsterne Blickfeld des Kutschers geraten waren. Dem Kutscher war es Recht, denn nie zuvor hatte er selber über solche Macht verfügt. Er räkelte sich genüsslich auf dem Sessel, welchen die Königstochter eigens zu ihren Füßen hatte aufstellen lassen, damit sie den Kutscher im Blick hatte und er auf Wunsch ihre herrschaftlichen Füßchen kraulen konnte. Rechts neben dem Thron schmauste das dickliche Wiesel, während links neben dem Thron die stählerne Frau sich eine halbe Tasse rabenschwarzen Kaffee gönnte und dem Wiesel im Stillen die Kalorien vorzählte, die es gerade zu sich nahm. Überhaupt verabscheute die Stählerne Völlerei. Essen war notwendiges Übel und Genuss eine Schwäche, der sie sich frühestens nach Einbruch der Dunkelheit hingab. Die Stählerne verachtete alle Menschen. Aber die im Palast waren ihr wenigstens nützlich und sie waren manipulierbar…

Zusammen schauten die Vier auf das arbeitende Volk hinab. Es gab viel Arbeit im Land, die verrichtet werden musste. Untertanen waren knapp wegen der vielen Verblichenen und des schlechten Rufes, welches das Königreich inzwischen hatte. Die Prinzessin ließ sich nicht dazu herab, den Untertanen bei der Arbeit zur Seite zu stehen. Sie erklärte den königlichen Eltern, dass Arbeit sie ihrer Leuchtkraft berauben und die Fingernägel ruinieren würde. Die stählerne Frau flüsterte der Prinzessin täglich ins Ohr, dass die Untertanen nicht nur faul, sondern vor allem auch dumm seien. Nach und nach manipulierten die Zauberhafte und ihre stählerne Freundin das gesamte Königshaus nach ihren Wünschen. Eigene Fehler vertuschten sie und wenn das nicht ging, gab es ja das dumme Volk, dem sie diese unterschieben konnten. Falls einer der Untertanen sich bei Königs beschwerte, saßen die Zauberhafte und ihre eisenharte Freundin bereits mit baumelnden Beinen im Salon und erklärten mit kalter Miene: „Der Untertan lügt! Schande über ihn.“ Während der Untertan fortan in Schande leben musste, freute sich die Stählerne an täglich neuen Vergünstigungen, die sie für sich aus der Leuchtkraft von Prinzessin Zauberhaft geschlagen hatte.

So weit das Märchen. So passend die Geschichte in unsere Welt. 

Egal, ob es die private Welt eines Einzelnen, das Team in einer Firma oder das Volk in einem Land betrifft: Beziehungen egal welcher Art funktionieren nur im Gleichgewicht aus Nehmen und Geben. Wenn in Partnerschaften die negativen Seiten des Anderen schwerer wiegen, als all das Schöne, wenn Vorgesetzte Untergebene unterdrücken, oder Politiker ihre Macht missbrauchen, leidet jemand.

Die begnadete Vera F. Birkenbihl hat in einem ihrer mitreißenden Vorträge gesagt: „Es ist nie das fetteste Kind, dass gemobbt wird, sondern immer das, was heult.“ Es ist doch so, dass andere nur dann die Macht haben, uns unglücklich zu machen, wenn wir das zulassen. Wenn wir weinen, statt uns zu wehren. Das Böse, egal in welcher Form siegt nur dann, wenn keiner da ist, der es stoppt.  

Für Euch von Pauline

Die Magie der Steine


Irgendwo im südlichsten Thüringen stehen zwei kleine fast gleiche Berge in der Gegend herum. Einst entstanden sie auf tertiärem Vulkanfeld der Heldburger Gangschar* und werden wegen ihrer fast gleichen Höhe „Gleichberge“ genannt.

Geschichtlich betrachtet könnten die zwei Kerlchen kaum unterschiedlicher sein:

Der größere der gleichen Berge blickt auf eine dunkle Vergangenheit zurück. Während des Zweiten Weltkrieges waren dort Zwangsarbeiter interniert, die im Steinbruch auf dem „Großen Gleichberg“ und in den umliegenden Ortschaften arbeiten mussten. Viele von ihnen starben und wurden irgendwo auf dem Berg verscharrt. Später bauten die Sowjets an selber Stelle eine Funk- und Radarstation auf und der Berg wurde zum militärischen Sperrgebiet.

Des kleinen Bruders Geschichte ist eher die von der mystischen Art:

Auf dem „Kleinen Gleichberg“ siedelten einst die Kelten. Die Reste der gigantischen Siedlungsanlage sind bis heute erhalten.

So viel zur Geschichte…

Irgendwann stand ich zum ersten Mal am Fuß des „Kleinen Gleichberges“ und jemand erzählte mir von einer Magie, die dort oben spürbar sei für jeden, der empfänglich für die Energien zwischen Himmel und Erde ist. Den Aufstieg musste ich damals auf später verschieben, denn es war Samstag und angeblich voll auf dem Berg. Zu voll, um Magie zu erleben.

Jahre später jedenfalls lud mich eine spirituelle Heilerin an den kleinen Ort zwischen zwei gleichen Bergen zu einer mystischen Reise ein. Sie wollte mit ihren Begleitern herausfinden, was es mit den ambivalenten Energien auf sich hat, die dort zu spüren sind. Ich überlegte kurz, ob ich sie auf Wikipedia und die dort belegte Vergangenheit der Berge hinweisen sollte, welche die Anwesenheit von guten und schlechten  Energien an einem Ort erklären würde. Aber ich verwarf den Gedanken schnell wieder, denn ich war mir nicht sicher, ob derlei sachliche Begründungen nicht mies für das Karma der Dame gewesen wären. Jedenfalls entschied ich, dass ein Besuch dieser Gegend sich auf jeden Fall schlecht auf meine eigenen Energien auswirken würde und lehnte die Teilnahme an der Expedition der Heilerin ab.

Inzwischen bin ich fröhliche Teilzeitsüdthüringerin und als solche zieht es mich dann und wann auch auf den „Kleinen Gleichberg“. Den Aufstieg über zugewachsene Wege, vorbei an umgestürzten und moosbewachsenen Bäumen umgibt zu jeder Jahreszeit etwas Mystisches und spätestens beim Erreichen des steinigen Plateaus oben auf dem Berg, fühle ich bei jedem Besuch etwas Starkes. Heiliges. Auf dem Berg scheint eine starke Kraft zu schlummern. Und über all dem liegt ein fast greifbarer Frieden. Dann hocke ich irgendwo auf einem der uralten Steine, lasse meine Gedanken fliegen und öffne meine Seele dem Frieden und der Kraft.

Einmal entdeckte ich beim Aufstieg eine mir völlig unbekannte Pflanze. Was nichts Besonderes ist, denn von Botanik habe ich nicht wesentlich mehr Ahnung, als von Quantenphysik. Meine Freundin Edith und die Jungs an unserer Seite übrigens auch nicht. Vier Augenpaare starrten also das Pflänzchen an, dass schüchtern zwischen einem riesigen Baumstamm und zahllosen herumliegenden Ästen hervor lugte, als er plötzlich lautlos und wie aus dem Boden gewachsen vor uns auftauchte:

Der Waldschrat.

Also jedenfalls sah er so aus: Runzeliger älterer Herr mit Mütze und Rauschebart. Und einem Pflanzenbuch im Rucksack. Herr Waldschrat dozierte wortreich über Namen und Herkunft des fraglichen Pflänzchens und versicherte uns, dass wir eine echte Seltenheit entdeckt hatten und lobte uns, weil wir das Pflänzchen nicht ausgebuddelt hatten. Noch bevor ich fragen konnte, ob der Kerl uns für Trampel hielt, war er…

…Weg!

Ob er nun vom Erdboden verschluckt worden ist, oder wir geträumt hatten oder vielleicht Magie im Spiel war, werden wir nie erfahren und ich habe damals beschlossen, dieses Erlebnis als eine mystische Begegnung abzuspeichern, die frau am „Kleinen Gleichberg“ machen kann.

Neulich beschlossen wir, dass es schon wegen des traumhaften Novemberwetters mal wieder Zeit für einen Aufstieg wurde. Der Wald, die moosbewachsenen Bäume und  die Steinberge waren wie immer mystisch schön und der Ausblick war dank der strahlenden Novembersonne einfach unbeschreiblich. Aber vom Zauber der keltischen Steine war seltsamerweise nichts zu spüren.

Was möglicherweise nicht verwunderlich war, denn die riesige keltische Anlage war von sonnenhungrigen Menschen belagert. Und nicht alle davon wollten die Magie der Steine spüren.

Einer baute ungeniert einen Funkturm auf und laberte unentwegt und sehr laut Koordinaten und seltsame Texte in sein Funkgerät. Die Antworten seines Gesprächsteilnehmers hallten verzerrt über den Berg.

Auch schön fand ich die beiden Beautys, die gefühlt vor jedem einzelnen Stein possierten. Mal mit und mal ohne Hund Amy, mal bezopft und ein anderes Mal mit wehendem Feenhaar. Sie verbogen sich mehrfach, um selfieschön in der Landschaft zu wirken. Und ich schwöre fremdverschämt, dass sie zu keiner Zeit einen Blick für ihre wundervolle Umgebung hatten.

Kinner nee…

Ich erinnerte mich dunkel an jenen fernen Tag, als ich zum ersten Mal am Fuß des „Kleinen Gleichberges“ stand und am Aufstieg gehindert wurde, weil die Magie auf dem Berg von Sonntagsspaziergängern empfindlich gestört sei… Eine Aussage, der ich nach dem Erlebnis neulich nur zustimmen kann.

Bis die Tage, Pauline

(*Quelle: Wikipedia)

Mein altes Mädchen auf dem Trockenen – schon wieder…


Es gibt da diese alte Talsperre zwischen den Bergen. Lütsche heißt sie und wurde irgendwann mal gebaut, um die Dampflokomotiven der umliegenden Bahnhöfe mit dem weichen Wasser aus den Bergen zu versorgen. Dampflokomotiven gibt es schon lange nicht mehr und die Lütschetalsperre liegt seither verträumt im Wald herum und lädt zum Wandern und Entspannen ein. Das alte Mädchen ist schon lange eine gute Freundin von mir und wann immer ich allein sein, mich nach Sonne sehne, oder mit den Mädels abhängen möchte, besuche ich sie. Ich lasse mir die Sonne ins Gesicht scheinen, fühle den Wind im Haar und habe das Gefühl, die alte Lady Lütsche nimmt meine Sorgen mit sich. Ich schwöre, dass sie nie ein Geheimnis verrät, dass eine von uns ihr jemals anvertraut hat. Und nie habe ich meine Freundin ohne ein Gefühl von Leichtigkeit verlassen.

Neulich quietschte meine sonst ziemlich ausgeglichene Freundin Lotta in mein Telefon: „Die Lütsche ist leer!“ Ich war schockiert. Denn wenn das so ist, dann würde so manches Geheimnis ans Tageslicht kommen, was die eine oder andere von uns ihr einst anvertraut hat. Auch eines von mir… Der Wasserstand der alten Talsperre ist oft niedrig, aber zwischen niedrig und leer liegen fünf Jahre! Was ist da los?

Im Winter 2015/16 wurde die Lütsche entleert. All ihre altersbedingten Makel wurden damals sichtbar. Was tat sie mir leid! So und nicht anders muss frau sich fühlen, wenn sie nackt auf einem OP-Tisch liegt und der Herr Professor nebst all seiner lernenden Untertanen einen Blick auf die nackte Wahrheit wirft. Wo bleibt denn da die Würde? Unvergessen sind all die menschlichen Hinterlassenschaften, die mit sinkendem Wasserspiegel damals zu Tage gefördert wurden. Sei es drum, die Entblößung der Lady geschah zu unser aller Sicherheit: Der Staudamm wurde auf Schäden untersucht. Diese wurden registriert, ihre Behebung auf später verschoben und kurze Zeit später mit dem Anstau begonnen. Alles schien wie immer…

…Doch dem aufmerksamen Besucher ist nicht entgangen, dass der Pegel der Lady Lütsche seither extremen Schwankungen unterliegt. Bereits im März erlangte das alte Mädchen neuen Ruhm, als es Thema einer Reportage des MDR wurde. Des Rätsels Lösung wurde bekannt: Frau Lütsche schwächelt. Man sieht es ihr nicht an, aber ihr Staudamm entspricht leider Gottes nicht der derzeit geltenden „DIN A schieß mich tot“ Norm und wurde als zu weich eingestuft, um dem wechselnden Wasserdruck dauerhaft standzuhalten. Deshalb muss sie Wasser lassen. Und zwar viel. Bis zum 10.November soll der Wasserspiegel auf nicht weiter erwähnenswerte Tiefe abgesenkt werden.

Lotta packte mich nebst meinem Humpelbein in ihren Flitzer. Den Schaden mussten wir vor Ort begutachten. Tatsächlich: Wohin das Auge scheint, graue Kraterlandschaft, längst verstorbene Baumwurzeln, die nach meiner Ansicht nicht mehr lange brauchen würden, um zu Braunkohle zu verrotten, würde man sie nicht immer mal wieder mit Sauerstoff von diesem Vorgang abhalten. Doch wenigstens in Staudammnähe findet sich tiefes Wasser und damit das tröstliche Wissen, dass Lady Lütsche tapfer jedes Geheimnisse hütet, dass ihr jemals anvertraut worden ist. Morgen ist angeblich Schluss mit der Absenkung des Wasserspiegels und die alte Talsperre hat wieder Ruhe, bevor im März angeblich wieder mit dem Anstau begonnen werden soll. Erst für 2023 oder später ist eine endgültige Sanierung des Staudamms geplant.

Ich finde übrigens auch die fast leere Talsperre sehr beeindruckend. Wer sie jetzt besucht, wird Zeuge davon, dass nichts ewig währt. Und dass dennoch irgendwas bleibt.

Bis die Tage, Pauline

Entführung in eine „Seltsame Welt“


Wer das Kurzgeschichtenbändchen aus dem Atelier an der Schorfheide aufschlägt, begibt sich auf eine Reise in die „Seltsame Welt“ der Autorin und Malerin Petra Elsner. Der Leser macht die Bekanntschaft mit der blauen Maus, Terese und ihrem Grenzgänger, mit einem Schlafwandler und mit Scherbenkindern. Petra lässt uns teilhaben an ihren Träumereien und nimmt uns mit in Schattenwelten. Die siebzehn Kurzgeschichten erzählen auf eine besondere Weise von Vergangenem und Künftigem. Vom Wandel des Lebens. Es sind Geschichten über Liebe, Freundschaft und Sehnsucht. Aber auch von der Farbe Grau, den sorgenvollen Gedanken um Corona, Krankheit und nicht zuletzt dem Tod.

Auf knapp 80 Seiten verteilen sich feinsinnige Geschichten und phantasievolle Illustrationen von Petra Elsner, die den Leser bewegen und mitnehmen. Eben in eine seltsame Welt. Eine schöne Lektüre für windige Herbstabende.

Petra Elsner produzierte das aufwändig gestaltete Büchlein im Selbstverlag. Ein mutiger Selbstversuch in einer Zeit, in der die Buchhandlungen geschlossen und Lesebühnen leer bleiben. Das Büchlein ist für 10 Euro (zzgl. Versand) ausschließlich über die Künstlerin selber telefonisch unter 039883-48 913 oder per Email petraelsner@gmx.de zu beziehen.

Das Ding mit dem Fluch


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Meditation. Vor ihrem inneren Auge sieht sie ein weites Feld. Im Hintergrund die Silhouette eines fernen Gebirgszuges. Sonnenschein. Die große Gestalt im Feld bewegt sich auf den Berg in der Ferne zu. Weg von ihr. Bleibt immer wieder stehen. Dreht sich um zu ihr. Irgendetwas scheint die Gestalt festzuhalten. Bei ihr. Sie hört eine Stimme, die leise sagt: „Ich möchte gehen, aber du hältst mich fest. Lass mich los, bitte!“ Sie sieht sich selber, ein starkes, unsichtbares Seil haltend, dass die Gestalt in der Ferne mit ihr verbindet. Alles scheint auf einmal klar: Sie ist es, die nicht loslassen will!

Atemlos kehrt sie von ihrer Reise ins eigene Unterbewusstsein zurück.

Es heißt, dass alles, was wir anderen wünschen, zu uns selbst zurück kommt…

Ganz gleich, welches von uns Mädels märchenhafte Episoden zum Besten gibt, in denen es um sie selber als Prinzessin und um Prinzen, weiße Pferde und den gläsernen Schuh geht, sie alle erzählen dieselbe Geschichte: Ganz großes Kino. Noch größeres Drama. Märchenhafte Erlebnisse scheinen nicht dafür gemacht zu sein, in der Wirklichkeit zu überleben und so manche von uns kann nicht verhindern, auf weißem Pferd in Richtung Abgrund zu galoppieren. Wenn sie Glück hat, gelingt ihr mit knapper Not der beherzte Sprung von dem wild gewordenen Vierbeiner und sie wird von der besten Freundin aufgefangen, bevor noch Schlimmeres passiert.

Prinzessinnen von heute stehen auf und kleben sich selber Pflaster auf die Schrammen an Knien und Herzen. Wir richten nicht unser Krönchen. Wir Königinnen von heute drücken die Brust raus, ziehen den Bauch ein und fitzen die A…Backen zusammen. Wir schicken den Helden in Strumpfhosen zum Teufel und wenn wir schon mal dabei sind, belegen wir den Frosch in unserem Herzen mit einem fetten Fluch, bevor wir ihn an die nächste Wand schmeißen.

Werden wir etwa erwachsen?

Das Ding mit dem Fluch scheint eine feine Sache zu sein. Denn das Gemisch aus Traurigkeit, Verzweiflung und Wut lässt uns Phantasien der ungeahnten Art entwickeln, während wir den Lurch in unserem Herzen verfluchen, dass er uns niemals vergessen, seinen Verrat an uns dagegen aber jeden Tag bereuen soll.  

Das Leben geht weiter und wir spüren, dass es jeden Tag wieder ein bisschen schöner wird. Falls wir mal so unvorsichtig sind, zurück zu denken, nun, dann erinnern wir uns an unseren Fluch.

Uns begegnet der Mann, der es wert ist. Wirklich.

Wir leben, lieben, lachen und sind glücklich. Alles ist schön und wir vergessen. Nur Manchmal beschleicht uns die Ahnung, dass man sich zweimal im Leben sieht. Vielleicht begegnet sie dem Lurch von damals wieder. Möglicherweise blickt er ihr bloß von einem Bild ins Gesicht, auf dem er dem „Makreeeeln“ röhrenden Horatio McCallister von den „Simpsons“,  ähnlicher sieht, als dem „sexiest man alive“ von anno dazumal. Irgendwas macht sie sicher, dass der Fluch seine Wirkung nicht verfehlt hat, und sie fragt sich fast erschrocken, was aus dem Traummann von damals geworden ist.

Wenn sie ehrlich zu sich selber ist, fühlt sie tief in sich drin Genugtuung aufsteigen. Der Held von damals ist alt geworden. Seine Augen scheinen leer. Nichts von der alten Abenteuerlust, der Lebensfreude scheint sich darin zu spiegeln. Resignation? Ha! Das kommt davon…

Doch halt!

Wenn frau ganz genau in sich hinein hört, dann spürt sie selber einen alten Schmerz. Und sie kommt nicht um die Erkenntnis herum, dass ihr Fluch zwar noch immer wirken mag, eigenem inneren Frieden aber im Weg steht, wann immer irgendetwas sie erinnert.

Schon Faust erkannte schaudernd: „Die Geister die ich rief…“ Angeblich kann man einen einmal ausgesprochenen Fluch nicht zurück nehmen. Wenn das so ist, dann ist es nicht verwunderlich, dass alte Dinge zu uns zurück finden. Immer wieder…

Der erwachsene Teil unseres Ichs wird bei derlei Überlegungen vermutlich kichernd eine Locke aus der Stirn streichen und denken: „Wer glaubt denn so was?“ Aber das Kind in uns drin sucht heimlich und ängstlich nach einem Weg, um den Fluch aufzulösen.

(M)eine Relativitätstheorie, das Phrasenschwein, November und Fliegenpilze


Da ist er wieder, der November. Angeblich der Monat, in dem statistisch gesehen die meisten Suizide geschehen. Nun ja, statistisch gesehen sterben in Deutschland ja auch weniger als 1% der Coronainfizierten. Doch angesichts des erneuten Gerneralkomas in das wir ab Montag versinken werden, komme ich nicht um die Befürchtung herum, dass all diese Statistiken eben nur Zahlen sind…

Corona infiziert die Menschen. Vor allem mit Angst. Wen wundert es: Wann immer frau so unvorsichtig ist, irgendwelche Nachrichten anzuschauen, scheint es nur noch ein Thema zu geben: Horrormeldungen über Neuinfektionen und immer werden im selben Zusammenhang vermummte Pflegende an Intensivbetten gezeigt.

STOP!

Müsste man – wäre die Berichterstattung objektiv, wie es doch eigentlich die verdammte Pflicht des Journalismus ist – hier nicht klären, wo die Wahrscheinlichkeit liegt, in eben jenem Beatmungsbett zu landen? Berichterstattung scheint in diesen Tagen hauptsächlich ein Ziel zu verfolgen: Angst zu schüren. Unsicherheiten zu vergrößern. Denunziantentum zu glorifizieren.

Neulich wandte sich Muddi Mergl wieder einmal mit sorgenvoller Miene an das Volk und prophezeite für Weihnachten 19000 Neuinfektionen. Infektionszahlen, die übrigens bereits Ende Oktober erreicht worden sind. Das zu berichten, werden die Nachrichten nicht müde. Weniger erwähnenswert scheinen dagegen die Zahlen der tatsächlich Erkrankten, Beatmungspflichtigen und Verstorbenen.

Einst gab es das berühmte Phrasenschwein. Da schmiss man für jede Phrase, die gedroschen wurde, fünf Euro rein. Spaß bei Seite…

Das Drehbuch ist perfekt: Kameraschwenk auf die Intensivstation. Vermummtes Personal versorgt beatmeten Patienten. Der gefesselte Zuschauer sieht Monitore blinken. Es bleibt nur eines in den Köpfen: Überlastung der Krankenhäuser!

Regierungs verkünden „Lockdown light“. Was im Klartext bedeutet, dass wir das Frühjahr wiederholen. Jedenfalls so weit es unser soziales Leben betrifft. Weil   Covid 19 scheinbar ziemlich arbeitsscheu ist und hauptsächlich in Restaurants, Kneipen, bei 90° in der Sauna oder in hygienisch einwandfreien Kosmetikstudios angreift. Und jetzt auch auf heimischen Sofas.

Der Typ, der das Bundesland südlich von Thüringen regiert, verwendet vollmundig Vokabeln wie „Wellenbrecher“, wenn er seinen Untertanen verklickert, wieso wir nur mit einem erneuten Dornröschenschlaf den nächsten Angriff von Corona überleben werden. Und dass er die Vernünftigen vor den Unvernünftigen schützen muss. (Hach ja, gäbe es das Phrasenschwein noch, hätten wir die Mittel, um den Hunger in der Welt zu heilen…) Thüringens Bodo streute zwar einige aufmüpfige Phrasen ins www, um seine Beinerchen dann aber unter den Regierunstisch zu stellen, wo ihn Muddi Mergl bestimmt scharf mit dem Glaubenssatz rügte: „So lange du deine Füße unter meinen Tisch stellst, machst du, was ich sage!“ Einigkeit muss sein. Kann froh sein, dass die anderen am Regierungstisch ein Auge zugedrückt haben, als er renitent das Beherbergungsverbot für Thüringen gekippt hat. Also das lässt ihm Anschelas Lieblingssohn südlich am Tisch ganz sicher nicht nochmal durchgehen… Dem gemeinen Volk gegenüber gibt sich Muddi Mergl mütterlich verständnisvoll und mahnt, so wenig Kontakt zu so wenig Menschen wie möglich zu halten. Natürlich weiß sie, wie schwer das ist, aber alles geschieht zu unserem Besten. Und wenn wir – das Volk – artig machen, was regierungs uns jetzt sagen, dann sitzen wir Weihnachten mit unseren Familien unterm Baum…

Und wenn nicht?

Tja, dann waren wir – das Volk – wohl unartig und haben die Regeln vom Regierungstisch nicht gut genug beachtet… Aber sachlich betrachtet wird das Virus  vermutlich auch bei Lockdown 2.0 oder Lockdown light nicht beleidigt im Nirgendwo verschwinden.  

Wenn ich die sozialen Netzwerke befrage, springt mich das Ergebnis förmlich an: Angst. Verunsicherung. Panik. Denunziantentum.

Da geistern Profis umher, die zwar ganz genau wissen, was Sache ist, jedoch nicht in der Lage sind, Covid 19 mit dem richtigen Pronomen zu benennen… Und die schimpfen dann fast so gekonnt wie Mama Mergl jeden aus, der andere Gedanken verfolgt. Andersdenker können doch nur von Rechts kommen! AfD. Mindestens. Ähm und aus den Reihen der FDP neuerdings. Und weiter geht’s…

Fakt ist doch: Wir wissen nur, dass wir nichts wissen!

Covid 19 ist da. Jawoll. Das beweisen unbestreitbar die zahllosen positiven Tests. Apropros positive Tests: Ihr lieben Experten der sozialen Netzwerke: Nein, falsch positive Test gibt es nicht! Es gibt nämlich sehr strenge Kontrollvorschriften für jeden Test. Und diese Kontrollen werden täglich mehrfach durchgeführt. Wenn ein positiver Test von heute morgen negativ ist, dann liegt das manchmal an der falschen Probengewinnung. Fast immer aber daran, dass das Virus nicht mehr nachweisbar ist, weil das Immunsystem inzwischen Antikörper gebildet hat. Das wiederum wäre mittels Antikörpertest zu ermitteln. Die Erklärung dafür würde an dieser Stelle zu weit führen… Waschen wir uns die Hände, niesen – so wie unsere Kinderstube einst lehrte – ins eigene Händchen oder meinetwegen ganz modern in die Ellenbeuge und tragen schon wegen der horrenden Strafen brav unseren Maulkorb. Die meisten von uns verfügen übrigens über ein Immunsystem, das uns vor all den anderen todbringenden Viren da draußen schützt. Unter der Maske können wir ja möglicherweise überlegen, was aus der guten alten Influenza geworden ist? Oder aus dem gefürchteten HIV? Wer redet noch von Masern? Wer interessiert sich für Hepatitis? Das Papillomavirus? Den multiresistenten Staphylococcus aureus? Sind Krankheiten wie Krebs, Demenz und Depressionen angesichts der wahren Bedrohung namens Corona überhaupt noch einen Gedanken wert? Ich persönlich frage mich oft, woher wir die Gewissheit nehmen, dass seit Corona unsere Gesundheit stärker bedroht ist? Wer sagt uns, dass wir nächstes Jahr noch leben? Oder in zwei Wochen? Morgen?

November. Das feuchte Grau dieses Monats drückt die Stimmung so vieler von uns. Das war auch vor Corona so. Corona dürfte den Novemberblues nur schlimmer machen.

Und dann sehe ich beim Spaziergang durch den nebeligen Novembertag überall fröhliches Rot mit lustigen weißen Tupfen, dem das Grau buchstäblich am Hut vorbei geht. Und wieder einmal wird mir klar, dass Corona vielleicht weniger gefährlich ist, wenn wir mit offenen Augen durch den Tag gehen. Auch wenn dieser novembergrau zu sein scheint. Überall ist Farbe. Versprochen!

Bleibt gesund und nachdenklich.

Eure Pauline

Alles fließt…


Viele von uns finden, dass in diesem Jahr alles still steht, bei mir jedoch ist alles in Bewegung.

Das Jahr ist noch nicht ganz vorbei, aber ich finde, dass es für mich lohnt, genau jetzt kurz innezuhalten und auf das bewegte Jahr zurückzuschauen:

Ein Jahr, das vielversprechend begonnen hat mit „Theater im Theater Arnstadt“. Dann musste ich wie alle anderen eine Zwangspause einlegen und habe eine Idee weiter verfolgt, die mir im letzten Advent kam, als ich eine Weihnachtslesung in kleinerem Rahmen halten sollte. Also jenseits der Bühne und ohne Olaf, dafür im gemütlichen Ambiente eines Cafès. Ein neues Programm musste her und ich fischte in meines Klapprechners unberechenbaren Tiefen nach Provinzgeschnatter von anno dazumal. Das Ergebnis wurde so gut, dass weitere Weihnachtslesungen folgten…

Ich habe damals beschlossen, „Provinzgeschnatter – die alten Jahre“ zum (Jahr)Buch zu machen. Also jene Texte, die nicht beim Bad Tabarzer Verlag   „Tasten & Typen“ veröffentlicht worden sind. Ende Januar hielt ich das allererste Büchlein mit den Texten von anno dazumal in Händen. Nur für mich. Und für ein paar ganz enge Freunde. Wir fanden das Ergebnis so gelungen, dass wir beschlossen haben, das Ganze auszubauen. Also – ich gestehe verschämt: In Eigenproduktion. Was nicht gleichbedeutend ist mit unprofessionell. Ein fabelhaftes Team von vier Profis steht mir inzwischen zur Seite, wenn es darum geht zu lektorieren, Cover zu gestalten und Texte in Form zu bringen. Im Juni hielt ich              „Provinzgeschnatter 2013“ (Hardcover 72 Seiten) in Händen. Und das war – ganz große Freude – binnen allerkürzester Zeit vergriffen.

Dafür ist seit Ende September       „Provinzgeschnatter 2014“ voller fröhlichem provinziellem Geschnatter von 2014 zu haben. (Hardcover 67 Seiten, 9,50 Euro) Es geht wie immer um die Mädels, das Leben, die Liebe und alles, was sonst noch so das Leben würzt.

Inzwischen ist mein Schreibtisch von einem Berg auf einen anderen umgezogen, und ich arbeite hoch motiviert weiter. Heute habe ich die letzte Textdatei „Provinzgeschnatter 2015“ überarbeitet und glaube fest daran, dass das Buch noch in diesem Jahr fertig wird. Vorab verrate ich nur so viel: Es wird einen anderen Namen erhalten. Sonst ist alles beim Alten: Es geht um die Mädels, die Liebe, das Leben, Verrat und Vertrauen und um echte Freunde, Lichtpunkte und Abstürze, um Glaube und Hoffnung und viel mehr als nur ein Gläschen Chardonnay…

Aber ich schnattere schon wieder zu viel. Deshalb jetzt einige Fakten: Die Bücher aus Paulines Schreibstube sind nicht im Handel erhältlich. Sie werden ausschließlich bei Lesungen oder über diese Seite und die sozialen Netzwerke gegen einen Unkostenbeitrag von 9,50 Euro (zzgl. 1Euro Porto) abgegeben. Ihre Bestellung wird innerhalb eines Werktages und auf Wunsch sehr gerne mit persönlicher Widmung versendet.

Kontakt: Email: werner-pauline@gmx.de oder telefonisch:  01522 6250623

Jahrestage, Topfpflanzen, das Universum und der eigene Mief


Der Oktober neigt sich seinem Ende zu und probt nicht erst in diesen Tagen den November. Es ist grau und unsere Welt ist klein geworden.

Da kann frau schon mal in den Seilen hängen, oder?

Mich persönlich bewegen novembergraue Tage nicht besonders. Auch nicht die im Oktober. Warum auch? Ich finde, dass die Welt ein bisschen ruhiger wird, wenn dem Jahr allmählich die Puste ausgeht. Es wird sozusagen legitim, sich mit einem richtig guten Buch und einem Heißgetränk in die häusliche Höhle zu verziehen, wo die verrückt gewordene Welt mich mal so richtig gern haben kann. Was mich allerdings keineswegs davon abhält, anstehende Jahrestage so zu feiern, wie sie es verdient haben. Nämlich ordentlich! Mit Präsenten und Getränken. Und in diesem Jahr von meiner Seite knacksknochenbedingt eher sitzend, aber lassen wir das…

Von der Jubilarin unter meinen Mädels erntete ich für meinen Vorschlag müdes Lächeln, ein paar Tränen und die Frage, was am vergangenen Lebensjahr denn zu feiern sei? Und schon waren wir mittendrin in einer Diskussion über große Träume, große Liebe, tiefen Schmerz und dunkelste Traurigkeit. Und der Frage, ob das Universum auch nicht mehr das ist, was es mal war?

Mir ist durchaus bewusst, dass Überlegungen wie diese berechtigt sind und mit dem späten Oktober nichts zu tun haben: Jeder von uns hat große Träume, mit deren Erfüllung wir einst in aller Form das Universum beauftragt haben. Doch das Universum scheint sich nicht um unsere Wünsche zu kümmern. Warum sonst tut sich nichts?!

Leider bin ich kein Prophet und somit nicht in der Lage, diese Frage umfassend zu beantworten. Und doch bin ich davon überzeugt, dass die beim Universum durchaus daran arbeiten, jeden wohlformulierten Wunsch zu erfüllen. Vielleicht ist das Ding schlicht, dass die beim Universum mitunter auch ganz schön zu tüfteln haben, um zu liefern. Denn das ist manchmal nicht so einfach zu bewerkstelligen und braucht Zeit…

Und was machen wir? Wir verlieren den Glauben an die gütige Macht, wenn unsere Herzenswünsche nicht zackig erfüllt werden…

Manchmal ist der Weg zum Ziel unserer Wünsche nun mal steinig und gefährlich. Und das Ding mit der Liebe?

Hach ja…

Vielleicht trägt frau den Schlüssel zum Herzen um den Hals. Aber dieses zu öffnen ist ein ganz anderes Kapitel. Denn wenn es um Zwischenmenschliches geht, ist es nun mal so, dass wir sind, wie wir sind. Also Menschen. Mit Altlasten. Erfahrungen. Ängsten. Wir halten an Partnerschaften fest, in der Liebe möglicherweise eine ferne Erinnerung ist und sitzen allabendlich auf dem beigen Sofa, den Blick auf die Topfpflanze auf dem Fensterbrett geheftet. Wieso? Weil das schon immer so war? Weil wir nicht wissen, ob das, was unser Herz mit Sehnsucht erfüllt auch für den Alltag taugt?  

Was hält uns in einem Job, in dem wir nichts als eine Nummer sind? Was lässt uns zulassen, dass wir die Lasten des Arbeitsalltages mit nach Hause nehmen? Immer wieder?

Ein Weltreisender hat in seinem Buch geschrieben, dass der erste Schritt der schwierigste ist und ich denke, er meinte damit den Aufbruch zu dieser Reise. Das Zurücklassen von allem, was ihn mit dem alten Leben verbunden hat. Menschen. Sicherheiten. Ich finde, dass dieser Satz für jeden Aufbruch im Leben steht. Und ich denke, dass es vor allem Angst vor diesem ersten Schritt ist, die uns weiter das Sofa mit Aussicht zur Topfpflanze breitsitzen lässt. Die Angst vor dem Ungewissen lässt uns bleiben, wo wir sind. Denn die piefige Topfpflanze auf unserem Fensterbrett erschüttert uns zwar nicht im Herzen, aber wir kennen jedes ihrer Blätter. Und der mobbende Chef quält uns ja nicht täglich, aber das Gehalt kommt zuverlässig und der Job ist sicher.

Und so klammern wir uns die Nase zu und waten weiter durch den Mief des Alltags. Bis uns … möglicherweise… irgendwann die Luft ausgeht.

So gesehen kann es nicht zu den Aufgaben des Universums gehören, uns den berühmten Tritt in den Allerwertesten zu verpassen, um uns vom Sofa des Lebens loszulösen. Jeder bestimmt selber, ob er aufstehen oder sitzenbleiben möchte. Trotz allem. Oder gerade deshalb?

Aufzustehen bedeutet Bewegung. Vorankommen. Abenteuer. Unsicherheit. Angst?

Natürlich dürfen wir auch sitzen bleiben und das Topfpflänzchen auf dem Fensterbrett des Lebens liebevoll abstauben. Auch schön. Und eine todsichere Angelegenheit.

Jeder wählt für sich.

Wir Mädels jedenfalls haben diesen Jahrestag fröhlich gefeiert. Es leben die Träume! Sie sind der Motor, der uns voran bringt. Es lebe das Universum! Es sorgt dafür, dass wir uns selber und den Glauben daran, dass alles gut wird, wenn die Zeit reif dafür ist, nicht verlieren.

Das neue Normal, ein Hauch von Ironie und ich – der unbequeme Mensch


Acht Monate nachdem Corona – Covid 19 die Weltherrschaft übernommen hat, komme ich nicht umhin, darüber nachzudenken, was das fiese Virus mit mir macht. Ich versuche, offen zu bleiben und kritisch zu hinterfragen, so wie ich es auch gemacht habe, als unsere Welt noch in Ordnung war.

Ironisch betrachtet müssten wir dem fiesen C dankbar sein. Denn egal, welchen Nachrichtensender frau befragt, es gibt nur noch ein Thema. Und das heißt Corona. Die Welt kennt keine Katastrophen mehr. Keine Terroranschläge, keine Flugzeugabstürze. HIV und Hepatitis sind keine Schlagzeile mehr wert, Hunger und Missbrauch auch nicht.

Aber es ist unglaublich wichtig zu wissen, was Herr Wendler von Corona hält. Schockiert nehmen wir zur Kenntnis, dass Landkreis XY zum Hotspot wurde, weil Jugendliche zu dolle gefeiert und fünfzehn Menschen infiziert haben. Wen interessiert es, dass besagter Landkreis 300000 Einwohner hat. Keiner hält sich mit der Frage der Verhältnismäßigkeit auf. Und niemand  fragt danach, wie viele der fünfzehn Neuinfizierten erkrankt oder gar verstorben sind. Will eigentlich jemand wissen, auf welcher Grundlage die Tests unter den Feiernden durchgeführt worden sind?

Lange Zeit waren die sozialen Netzwerke die einzigen Plattformen, auf denen kritisch fragende Stimmen überhaupt zu hören waren. Stimmen, die aus meiner Sicht schon wegen fachlicher Kompetenz unbedingt angehört werden müssten. Doch spätestens, wenn ich einen Blick auf die zahlreich abgesonderten und teilweise von haarsträubenden Fehlern wimmelnden Kommentare werfe, muss ich mich fast gewaltsam daran hindern, diesen Senf wiederum zu kommentieren. Stattdessen zwinge ich mich zu dem wohlwollenden Gedanken, dass jeder Mensch das Recht auf seine eigene Wahrheit hat.

Und schon geht’s los: Wo genau ist denn die Wahrheit? Und weiß denn überhaupt noch jemand, was die Wahrheit ist? Ich komme mitunter nicht um die bange Frage herum, ob eine der Nebenwirkungen des fiesen Covid 19 ist, dass der gemeine Mensch vollends verlernt, sich eigene Gedanken zu machen. Aber dafür umso lauter mit denen schimpft, die vorgefertigte Meinungen nicht fraglos akzeptieren oder gar selber denken. Ich lese einigermaßen schockiert die Kommentare meines alten Freundes X aus Y, der in fast beleidigender Weise Kommentare anderer Nutzer bewertet, so als habe er allein den Durchblick. Ich habe heimlich auf seiner Seite geschnüffelt, ob es sich bei diesem Gutmenschen überhaupt um den sanftmütigen Freund aus meiner Vergangenheit handelt… Dabei habe ich zweierlei Dinge erfahren: Erstens: Ja, er ist es. Zweitens: Wegen mehrfacher belehrender Auftritte seinerseits auf besagter Seite, meinte ich, dass X aus Y bestimmt über sachdienlich- kompetentes Hintergrundwissen verfügt, doch weit gefehlt. Seine Seite verrät nichts darüber, was er weiß. Kein Hinweis auf die Quellen, aus denen er sein Wissen zu beziehen scheint… Enttäuscht klickte ich den klugen Mann weg und mahnte mich streng an das Ding mit der Meinungsfreiheit.

Corona begann für mich zum Thema zum werden, als ich eines schönen Samstags im März im Supermarkt meines Vertrauens vor einem leeren Klopapierregal stand…

Dann wurden Ausflüge, Treffen mit Freunden und sogar das Sitzen auf Wiesen zum Problem.

Viel schlimmer wurde das Dilemma durch die Geschichte meiner jungen Freundin Vivien, die zur selben Zeit ein sabbatical in Thailand machte. Von Medien und Menschen aufgeschreckt, brach sie ihre Reise ab und versuchte, noch schnell einen Flieger in Richtung Heimat zu finden, bevor sie von Cov19 dahin gerafft werden konnte. Blöderweise hatten unzählige Deutsche zur selben Zeit dieselbe panische Idee. Thailand machte dicht und Vivien strandete für unbestimmte Zeit auf dem Flughafen in Bangkok. Glücklicherweise befindet sich in Viviens Freundeskreis ein Pilot und dieser kannte jemanden, der jemanden kannte, der einige Tage später einen Flug nach Deutschland hatte. So kam es, dass Vivien zerknautscht und nicht ganz so gut riechend wie normalerweise in der Kombüse der letzten Lufthansamaschine von Bangkok nach Frankfurt sozusagen als Handgepäck des Flugkapitäns nach Hause zurück kehrte…

Medizinische Mitarbeiter jeglicher Fachgebiete erleben wahrscheinlich in Zeiten wie unserer die gleiche Aufwertung ihrer Persönlichkeit. Denn Fragen wie: „Ach du arbeitest in einer Klinik? Wie ist das jetzt mit Corona?“ kennt garantiert jeder, der so unvorsichtig ist, versehentlich irgendwann mal erwähnt zu haben, wer ihm seine Drinks finanziert. Neben all den Fragen verunsicherter und verängstigter Mitbürger bringen mich manche besonders kluge Fragen mitunter an den Rand wertschätzenden Umgangs. Da fragt mich neulich die dickliche Freundin meiner Mama Mausi aus kugeligen Schweinsäuglein: „Mein Hansi mag so gerne sein Hackbrötchen. Kriegt er jetzt wegen dieses Fleischlieferanten XY Corona?“ Kurz kam mir der Gedanke an „Verstehen Sie Spaß?“ doch dann dozierte ich lieber mit ernster Miene, dass es grundsätzlich eine gefährliche Angelegenheit sein kann, sich zu oft der „Fleisch- ess- Lust“ hinzugeben.

Und dann sitze ich neulich im fast menschenleeren Zug von Frankfurt zurück in meine Provinz und sehe mich genötigt, mein Schnäuzchen verhüllt zu lassen. Ergeben sinke ich auf den Sitz und überlege, wie ich unter diesen Umständen am besten mein Sandwich esse? Darf frau angesichts so todbringender Umstände wie den momentanen überhaupt essen, wenn sie auf Reisen ist? Ich traue mich nicht…

Ich denke stumm darüber nach, wie sehr mich die herrschenden Verordnungen beeinflussen. Inzwischen ist es bedrückende Selbstverständlichkeit geworden, immer dort, wo sich Menschen auf kleinem Raum aufhalten, mit Maske andere vor dem eigenen Dreck zu schützen. So weit, so schlimm. Aber warum trage ich im leeren Zug einen Mundschutz? Wen schütze ich dadurch? Seien wir ehrlich: Ich verhülle mich in Situationen wie dieser ausschließlich, um Repressalien zu verhindern. Innendrin läuft ein ganz anderer Film: Ich bin durchaus in der Lage, sollte mich ein Anfall von Rotz und Schnüffel überfallen, mit meinem Ellenbogen die Verteilung des Auswurfs zu verhindern. Außerdem sind mir seit frühester Kindheit Rituale wie „Hände waschen!“ ein Bedürfnis. Leichtsinnigerweise glaube ich fest an die Funktionstüchtigkeit meines Immunsystems.

Wenn man den Massenmedien glaubt, dann ist Corona zehnmal tödlicher, als die gemeine Influenza. Dem würden die Statistiken des Grippewinters 2017/2018 widersprechen, wenn sie denn auf der Seite des RKI noch irgendwo zu finden wären.

Und wenn ich schon mal bei derlei Überlegungen bin: Angeblich gibt es zurzeit täglich tausende Covid19- Neuinfektionen in Deutschland. Diese Zahl ist so bedenklich, dass unsere aller Anschela neulich die Händchen sorgenvoll aneinander legte und für Weihnachten täglich 19000 bedauernswerte Neuinfektionen prophezeite. Die Folge davon sind die haarsträubenden Beherbergungsverbote und anderer nicht nachvollziehbarer Schnickschnack, der Kultur- und Gastrobranchen erneut in die Knie gehen lässt. Und ich kriege Knoten, wenn ich frage, wo verdammt noch mal die zahlreichen Getesteten herkommen? Müsste es nicht für einen Coronatest wie für jede andere Untersuchung eine Verdachtsdiagnose geben? Also mit Symptomen wie Fieber, trockenem Husten, bronchialen Problemen, Geschmacksverlust u.s.w. Seit wann ist es als Indikation für einen teuren Test ausreichend, aus einem bestimmten – inzwischen sogar innerdeutschen Ort- zu kommen? Wer bestimmt, wann ein Test gemacht wird? Berichten zufolge reicht es, zweimal zu husten, um vom Chef nach Hause geschickt zu werden. Aber welcher Hausarzt ordnet bei jedem Infekt – und die gibt es schon im Hinblick auf Jahreszeit und Witterung massenhaft – Coronatests an? Wer profitiert von der Angst der Menschen?

Während ich noch über all diesen Fragen grübele, passiert mir, was einem Menschen ab und zu passiert, wenn er die Dreißig überschritten hat: Er wird knackig. Ich verknackste mir was und landete, unserem Gesundheitswesen sei es gedankt schon zwei Wochen nach dem schlimmen Knacks im MRT.

Für mich das Grauen schlechthin. Mal ehrlich: Da liegt frau im Büßerhemdchen flach auf dem Rücken und mit gefalteten Händen in einer Röhre rum. Über sich vielleicht fünfzehn Zentimeter kalte Luft. Ich muss keinen Zettel am Zeh hängen haben, um mir auszumalen, dass es sich im Sarg auch nicht schlechter liegt. Doch statt meinen Ängsten zu begegnen, plärrt mich die diensthabende Röntgenassistentin rüde an, dass ich doch gefälligst den Mundschutz aufsetzen soll…

Mit letzter Kraft hänge ich den Maulkorb um und schlucke die Frage hinunter, wer verdammt noch mal mir im MRT wohl um weniger als eineinhalb Meter auf die Pelle rücken könnte. Ich stelle mich tot. Übung für den Ernstfall?

Ironie AUS!