Bei Radio F.R.E.I. wiedergefunden…


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Pippi, Petticoats, 10.4 Sekunden und … Lenin


20190629_185432Ich bin kein junges Ding mehr. Zum Glück, finde ich. Denn ich lebe lange genug, um zu wissen, dass ich die Unsicherheit, den Schmerz und all den Schnödeldrö, mit dem frau in ihrer Jugend sich und der Welt zu beweisen versucht, dass sie die Beste, die hellste Kerze auf der Torte, die Multitaskingpowerfrau, eben die Eine ist, hinter mir habe.
Ich bin die mit den Ängsten, Träumen, lästigen Fragen und ihrem unerschütterlichen Glauben an die Macht des Universums.

Auch ich war angepasst. Ich war so wie ich glaubte, für andere sein zu müssen, damit sie mich lieben. Ich habe mich klein gemacht, damit der Andere sich an meiner Seite groß fühlen durfte. Irgendwann ist mir aufgefallen, dass mein Fokus nur noch selten bei mir selber war.  Ich habe mich der Frage gegenüber gesehen, warum ich in meinem eigenen Leben nie die Hauptrolle bekam? Wollte ich Pippi oder Annika sein?

Ich weiß, ich weiß… meine Fragerei wieder…

Aber im Ernst, wer wie ich zu einer Zeit Kind gewesen ist, als Pippi Langstrumpf zu den besten Freunden zählte und Kapitän Ibrahim Langstrumpf noch politisch korrekt Negerkönig sein durfte, der kann die bedrückende Erkenntnis vielleicht nachvollziehen, mit der mir klar wurde, dass ich die Rolle der Annika hatte. Wie konnte mir das passieren? Steckt in mir drin wirklich die niedliche brave Annika, die nur tut, was man von ihr erwartet? Bin ich etwa nicht die mit den wilden Haaren, der unbändigen Lebenslust und der ganz eigenen Art, die Dinge zu sehen? Pippi eben? Wo verflixt noch mal hatte ich sie verloren?

Das Leben bringt es manchmal mit sich, dass frau ihren Fokus verändern muss, um sich selber wiederzufinden und so komme auch ich immer wieder an meine Grenzen und zu der Frage: „Wer bin ich eigentlich?“

Ich bin ein glücklicher Mensch, denn ich habe MC. Der, der mich loslässt, wenn ich mal wieder auf der Suche nach falschen Antworten auf die richtigen Fragen bin und bei mir ist, um mich festzuhalten, sollte ich ausnahmsweise mal die Bodenhaftung verlieren. Und ich habe meine unbezahlbaren Freundinnen.

Inzwischen ist unser alljährlicher Juniurlaub zur festen Tradition geworden. Unser Blockhaus steht an einem Ort, wo garantiert einst der Kreisverkehr erfunden wurde. Die Tage verbrachten wir mit Wanderungen rund um unseren Badesee und abends grillten wir köstliche Steaks am Lagerfeuer. An diesem Ort, wo man vom www. scheinbar noch nie gehört hat und der von keinem Netzanbieter jemals erreicht worden ist, habe ich den Mut gehabt, endlich mal wieder nach mir selber zu suchen. Ich war gar nicht so weit weg, stand – wie so oft- nur ein kleines bisschen neben mir. Ich konnte mich der bangen Frage stellen, warum ich es immer wieder erlaube, dass die Außenwelt vorgibt, wie ich sein soll, damit ich richtig bin. Warum lasse ich es zu, dass meine Wünsche und Erwartungen einem anderen Menschen Macht über mich geben? War ich mal wieder dabei, die Hauptrolle in meinem Leben abzugeben?

Es waren Fragen wie diese, die mich noch immer ein bisschen beschäftigt haben, als unser fröhliches Trio in Richtung Schorfheide aufgebrochen ist, um wie jedes Jahr Zeitgeist und Lebensgefühl einer ganz anderen Zeit aufleben zu lassen. Ich befahl meinem Kopf Ruhe und meinem inneren Kind gestattete ich einen ausgelassenen Tag in Freiheit. Hier und jetzt.

„RACE 61 – Roadrunners Paradise Festival 2019“, hier bin ich!

IMG-20190630-WA0043Als ich in mein Petticoat schlüpfte und Hilde endlich fertig war mit der großen Kunst des Stylings, spürte ich die Verwandlung: Lebensfreude. Leichtigkeit. Lachen. Und wir mittendrin. Ich gebe zu, dass ich von Hot Rods, Motoren und Rennen wenig Ahnung habe. Ich bin ein Mädchen. Und als solches habe ich den Anblick 20190629_185220der heißen Motoren und der tollen Jungs genossen, deren Träume bei den 1/8 Meilen Rennen wahr wurden. Im Ernst… 10,4 Sekunden für die Distanz sagt den meisten Frauen nicht besonders viel. Aber ein Blick in die leuchtenden Augen, die lachenden Gesichter der Erfinder, Erbauer und Fahrer solcher Wunderwerke lassen Frauen wie mich erkennen, dass die Karre in dem Rennen großartig gewesen sein muss. Hilde ist diesbezüglich aus ganz anderem Holz geschnitzt. Sie ist sozusagen der Kerl in unserem Weiberhaufen und war erst zufrieden, als sie selber amerikanisches Blech bewegen und heiße Motoren röhren lassen durfte.

20190629_190822In der Hitze dieses heißen Samstags haben wir mit fliegenden Röcken Rock n Roll getanzt, Algensalat genascht und unvergessliche Begegnungen gehabt. Ich hätte dem alten Wladimir Iljitsch gerne die steinerne Hand geschüttelt, wenn sein Podest nur ein bisschen weniger hoch gewesen wäre. Der bärtige Kerl weigerte sich mit kalter Miene standhaft, zu mir hinabzusteigen und mit mir zu plaudern. Wieder einmal wurde mir bewusst, dass frau nicht alles haben kann. Nur ganz kurz habe ich deshalb mit dem Universum gehadert, als mir aufging, dass die große Macht mitunter diplomatische Spagate hinlegen muss, wenn es darum geht, wessen Wünsche erfüllt werden. Möglicherweise steht der bärtige Typ auf seinem Podest ja unter größerem Leidensdruck… Nicht auszudenken, wenn der beim „RACE 61- Roadrunners Paradise Festival“ zu all den ausgelassen feiernden Sterblichen hinabgestiegen wäre und sich Fragen wie: „Was hast du dir nur dabei gedacht, als du…

… die Revolution damals angezettelt hast?“

hätte stellen müssen…

…wie auch immer…

Ich jedenfalls fühlte seit Langen wieder Pippis Lebenslust und komme nicht umhin, kichernd zu erkennen, dass jemand, der ein Event wie dieses verpasst, die Annika ist. Oder meinetwegen Thomas.

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Später in diesem Urlaub saßen wir Mädels zufrieden und fröhlich an unserem See, lauschten dem Froschkonzert und schlürften kichernd unseren Chardonnay.

Ich bin eine glückliche Frau. Mir muss keiner sagen, dass ich die Beste bin. Oder was Besonderes. Ich weiß das auch so. Ich bin bestimmt nicht die letzte Cola in der Wüste, Multitasking halte ich für Körperverletzung und es wird immer ein junges Ding daher kommen, dass der Welt beweisen will, was es alles kann. Von mir aus. Ich bin die Frau meines Lebens. Und ich habe vor langer Zeit entschieden, dass ich Pippi bin und nicht Annika.

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Bis die Tage, Pauline

Vattenfall, Pfingsten und das Gefühl, einer Berühmtheit zu begegnen…


20190609_135511MC und ich sind wahnsinnig gerne unterwegs. Rumstromern ist genau unser Ding. Auch wenn uns immer mal wieder das Fernweh packt, so wissen wir , dass sich sozusagen vor unserer Haustür zahllose Schätze verstecken, die nur darauf warten, entdeckt zu werden.

Pfingsten. Sonnenschein. Irgendwo in Südthüringen. Wir schnürten  unsere Trekkingschuhe – ja Mädels: Ich habe auch welche! – und freuten uns gespannt auf das Abenteuer, was vor uns lag.

Mitten im Schwarzatal hat ein Energieriese Anfang dieses Jahrtausends ein Pumpspeicherwerk gebaut, das bis heute zu den modernsten Europas gehören soll. Der Weg um das Talsperrensystem herum beträgt etwa 12 km und soll zwischen Talsohle und Bergkuppe stellenweise über 300 Meter Höhendifferenz aufweisen. Da hat die gemeine Flachlandbewohnerin ganz schön dran zu klettern. Dennoch ist diese Wanderung für fröhliche Picknickplätzchensucher wie MC und mich in einer gemütlichen Tageswanderung zu bewältigen. Das eigentliche Kraftwerk haben die Kraftwerksbetreiber dankenswerterweise unter Tage verlegt, so dass die Landschaft um Ober- und Unterbecken wunderschön und friedlich scheint. Angeblich schwankt bei laufendem Betrieb der Wasserstand innerhalb von acht Stunden um zwanzig Meter.

Schwer beeindruckt gönnten wir uns am späten Nachmittag in einem Örtchen ganz in der Nähe einen ordentlichen Eisbecher und MC begann gerade, sich mit den technischen Details des Riesenpumpspeicherwerkes zu befassen, als…

… eine kleine Gruppe von Menschen direkt an uns vorbei zu einem nahe gelegenen Tisch ging.

Mein Unterkiefer klappte herunter. Das war doch… MC flüsterte: „Das ist doch…!“

Konnte das sein? Sofort befragten wir Google und erfuhren, dass Robert Redford tatsächlich oft in Deutschland weilt. Der Mann sah genau so aus und als der Wind englische Wortfetzen herüber wehte, war uns klar: Wir saßen unmittelbar neben einem der größten Schauspieler überhaupt.

Kinner nee, was war ich aufgeregt! Ich schlich zur Toilette, um mein Outfit zu überprüfen. Naja, nach einem Wandertag wie diesem war mein Äußeres alles andere als frisch und die Wanderschuhe machten meine Gestalt auch nicht graziler. Aber egal, die Gelegenheit, Robert Redford anzusprechen würde ich nie wieder bekommen. Natürlich würde ich ihn keinesfalls bequatschen, so lange er seinen Kaffee genoss. Der Mann hatte schließlich ein Recht auf Privatsphäre. Also lungerten wir noch ein kleines Weilchen in der Nähe herum. Dann kam er. Sah aus, wie auf den Bildern, die im Netz zu finden sind. Die blauen Augen versteckte er leider hinter einer Sonnenbrille. Aber dieses Lachen!

Ich kratze all meinen Mut zusammen und bat ihm in allerbestem POS Einserabschlussenglisch um ein Autogramm. Er lachte mich charmant an und antwortete in perfektem Englisch: „Yes, sure!“ und krixelte etwas auf den Block, den ich vorsichtshalber der Kellnerin abgeluchst hatte. Ich war hin und weg. Ich und Robert Redford! So ein netter Mann! Hach, ein Jammer, dass MC sich geweigert hatte, ein Foto von dieser historischen Szene zu schießen. Er nahm mir den Zettel aus der Hand. Dort stand:

„Schön, Sie getroffen zu haben. Viele Grüße von Gerhard Schweiger“

Tja, manchmal ist das Offensichtliche eben doch nicht das wahrscheinlichste.

 

Bis die Tage, Pauline

 

Für Tante Ella oder „Die Rache der Frauen“


titelbild-provinzgeschnatter.jpgIllustration: Saskia Jarosch

Der englische Autor William Congreve schrieb irgendwann im siebzehnten Jahrhundert: „Der Hölle Zorn ist nichts gegen die Rache einer verschmähten Frau“. Damals rächte sich frau raffiniert mittels ausgefeilter Intrigen oder einem netten Giftmord, während die moderne Frau gerne mit seiner Zahnbürste das Klo putzt.                                                Rache, in welcher Epoche auch immer mag schwerwiegende Folgen für alle Beteiligten haben. Und doch handelt frau immer aus demselben Motiv: Liebe.

Neulich besuchte ich meine alte Lieblingstante Ella. Bei ihrer legendären „Jenchen Hansen Torte“ und heißem Kaffee plauderten wir über dies und das, als Tante Ella plötzlich nach meiner Hand griff und fast ehrfürchtig sagte, wie sehr meine Art, die Dinge zwischen Himmel und Erde zu betrachten sie beeindruckt. „Kind, ich möchte dir eine Geschichte erzählen.“, sagte sie mit festem Blick in meine Augen. Und ich lauschte hingerissen:

Vor vielen Jahren begegnete ihr bei einer Tanzveranstaltung die Liebe ihres Lebens. Manche von uns kennen eine solche Szene:  Ein Blick genügte und es war, als seien sie in einem Raum voller Menschen allein. Nur der Mann ihrer Träume und ihr eigenes ungeschütztes Herz. Innerhalb weniger Wochen lernten sie einander kennen und lieben. Weniger romantisch betrachtet lernte er sie kennen, während sie sich in ihn verliebte. Weil er in einer anderen Stadt lebte, liebten sie sich meist an Wochenenden und tauschten ihre Sehnsüchte mittels DDR- spezifischer Schneckenpost aus. Die Zeit verging und die Schneckenpost wurde langsamer. Seltener. Der Traummann jedoch versicherte ihr bei jedem Treffen seine Gefühle…

…und heiratete kurze Zeit später eine andere.

Von dieser Verbindung erfuhr Tante Ella übrigens erst viel später, denn der Traumfrosch war ohne Erklärung sang- und klanglos aus ihrem Leben verschwunden. Die kleine Prinzessin in mir tupfte sich angesichts dieser tragischen Geschichte ein Tränchen weg, während der Rest von mir zynisch dachte: „Ach schau an, miese Menschen haben also vor fünfzig Jahren dieselben miesen Dinge gemacht wie heute.“ Das sagte ich Ella natürlich nicht, sondern tätschelte mitfühlend ihren runzeligen Handrücken, während ich überlegte, ob Ella diese Geschichte jemals verdaut hatte. Die Schande, sitzen gelassen worden zu sein kam zu dem Schmerz hinzu, den Ella wegen des Verrats ihrer großen Liebe ertragen musste.

Mir fiel ein Zitat der britschen Hebamme Jennifer Worth aus ihrem Buch „Call the Midwife“ ein:

„Die Welt ist voller Liebe, die unausgesprochen bleibt. Dies bedeutet nicht, dass sie weniger tief empfunden wird und Trennung eine glattere Wunde hinterlässt. Schönheit und Schmerz liegen in ihrem Schweigen.“

Angesichts Ellas Traurigkeit konnte ich Jenny Worths Ansicht über ungelebte Liebe überhaupt nicht teilen. Was um Himmels Willen kann schön daran sein, Liebe zu verschweigen? Vielleicht gibt es kein magischeres Gefühl, als die Liebe, die man für einen anderen Menschen empfindet, in dessen Augen wiederzufinden. Aber was passiert, wenn die Dinge sich nicht so entwickeln, wie Grimms Märchen uns immer wieder weis gemacht haben? Wird unerfüllte Liebe nicht noch verzweifelter empfunden, weil über sie nicht gesprochen, sie nicht gelebt wird?

Wenn wir ehrlich sind, müssen wir kichernd zugeben, dass die größte Verliebtheit sich spätestens dann relativiert, wenn das Objekt unserer Begierde dauerhaft unser Leben belagert. Denn von seinen Socken in unserem Wäschekorb haben Grimms uns nichts erzählt. Aber wenn er uns heldenhaft gelbschwarz gestreifte Spinnen vom Hals hält und unseren altersschwachen, aber heiß geliebten Klapprechner vor dem Elektronikschrott bewahrt, wenn er einfach so unsere Hand hält, dann wissen wir genau, dass er der Richtige  ist!

Mag sein, dass es uns nur zögerlich gelingt, die Anwesenheit dieses anderen Menschen in unserem Leben anzuerkennen, aber wir verstehen irgendwann staunend, dass er bei uns ist, weil er genau da sein möchte. Natürlich ist auch diese Liebe nicht vollkommen. Aber hurra, wir können damit leben! Und falls nicht, dann entscheiden wir uns vielleicht mit Schmerzen, aber aus guten Gründen gemeinsam gegen diese Verbindung. Und können abschließen.

Eine Entscheidung, die Ella verwehrt geblieben ist. Voller Mitgefühl fragte ich mich still, ob für meine Tante nicht jede neue Bekanntschaft mit schmerzlichem Seufzer angesichts ihrer traurigen Erfahrung begonnen hat. Wenn die Dinge ungeklärt und Fragen offen bleiben, dann liegt es auf der Hand, dass Loslassen zum mentalen Kraftakt wird.

Ellas Drama ereignete sich lange vor http://www., Whatsapp und Ko., in einer Zeit, da ein Kuss schon als Versprechen galt. Damals gab es Regeln, die heute unvorstellbar wären. Als der Schuft aus ihrem Leben verschwand, hatte Ella kaum Möglichkeiten, die Dinge für sich zu klären. Vielleicht hat sie den einen oder anderen Brief geschrieben. Die Schneckenpost… Vermutlich blieben sie allesamt unbeantwortet.

Wir Frauen haben es heute in jeder Hinsicht sehr viel leichter als die Ellas der fünfziger Jahre. Wir sind frei. Wir dürfen unsere Fehler ganz allein machen und müssen keine gesellschaftlichen Konsequenzen fürchten, wenn wir mal wieder einen Prinzen zum Frosch geküsst haben. Doch ändern unsere vielen Möglichkeiten irgendetwas am Verlauf des folgenden Dramas? Mitnichten! Damals wie heute dasselbe Szenario.

Die Frau von heute googlt den Kerl, sobald er ihr seinen vollständigen Namen geflüstert hat, stalkt ihn bei Facebook, Finya und Instagram. Und muss keineswegs um ihren Ruf fürchten, sollte sie im Überschwang ihrer Gefühle ausnahmsweise mal die Contenance verlieren. Sie ist erwachsen, realistisch und steht gefühlsmäßig über den Dingen. Heirat kommt bestenfalls im Traum ihrer inneren kleinen Prinzessin vor. Und die erholt sich noch vom letzten nächtlich gehauchten Liebesschwur, an den der Traumprinz sich beim nächsten Sonnenaufgang schon nicht mehr erinnern konnte, als er auf weißen Gaul davon stürmte. Natürlich ohne sie, seine Prinzessin…

Nein, nein, uns starke Frauen beeindruckt kein noch so buntes Märchen, das Herr Traumfrosch uns erzählt. Wir wissen, dass nichts für die Ewigkeit ist…

Und sind gefühlsmäßig so nackt wie damals meine Tante Ella.

Wir haben zahlreiche Möglichkeiten, uns dem miesen Schuft, der unser Herz gebrochen hat, in Erinnerung zu bringen. Doch halt! Wir Mädels sind stark und unser Stolz lehnt es ab, jemandem nachzulaufen, der meinte, etwas Besseres verdient zu haben.

Angeblich ist die Vergangenheit wie ein Anker, der uns fest hält an dem, was war. Und so wunderte es mich kein bisschen, dass Ella mit ihrer Geschichte noch nicht zu Ende war:

Irgendwann kam eine neue Liebe. Heirat. Kinder. So weit, so kitschig und alles war gut…

… bis sie sich eines sonnigen Sonntags auf einem überfüllten Platz gegenüber standen.

Und als hätte die Zeit diese Wunde nicht endlich geschlossen war es, als seien sie auf diesem Platz voller Menschen allein. Ihre Blicke fanden sich, versanken ineinander… Die kleine Prinzessin in mir seufzte selig, doch…

…Mädels, steckt die Taschentücher wieder ein!

Denn diesen Moment voller Gefühl störte die Frau ganz gewaltig, die sich durch die Menge und in die Arme von Ellas Traummann drängte. Und was machte der Schuft? Er schloss die andere in die Arme, während er über deren Schulter hinweg Ella einen endlosen innigen Blick zuwarf, bevor er in der Menge verschwand.

Nur  die ganz coolen Mädels unter uns würde ein solches Erlebnis kalt lassen. Sie hätten schon lange Zeit davor den miesen Verräter samt jeder einzelnen Erinnerung in eine Kiste gestopft, mit Steinen beschwert und im nächsten Tümpel versenkt. Anschließend hätten sie sich ein Gläschen Chardonnay eingeschenkt und wären mit dem Trinkspruch: „Der Nächste bitte!“ zur Tagesordnung über gegangen.

Aber nicht jede von uns ist immer nur cool. Eine andere hätte vielleicht so eben noch der Versuchung widerstanden, der Anziehung von damals zu erliegen. Denn obwohl sie gerade Zeugin der „Tiefe“ seiner Gefühle geworden ist, hegt sie tief in sich drin noch immer den Wunsch, …

… welchen eigentlich genau? Dort weiter zu machen, wo einst alles zu Ende war? Ganz sicher nicht! Frieden zu machen mit dem was war? Eine schöne Vorstellung. In einer besseren Welt würde dies sicher machbar sein. Aber die schlichte Wahrheit liegt nun einmal darin, dass der Wunsch nach Klarheit und Frieden allein ihr Thema ist. Er hat vor langer Zeit eine Entscheidung getroffen und ihr Frieden ist ihm Wurscht. Basta.

Warum er sich dann immer wieder mal nach ihr umschaut? Nun, das sollte ihr Wurscht sein. Und so bündelt sie all ihre Energie, um dem Blick zu entkommen. Sie mag blond oder blauäugig sein, dämlich ist sie nicht. Sie greift zu den subtilen Waffen für Rache, die ihr gegeben sind: Auch sie versenkt Vergangenes mit Steinen beschwert an einem sicheren Ort. Aber sie tut das in dem Wissen, dass ein Glas Chardonnay nicht ausreichen wird, um die bittersüße Erinnerung loszuwerden. Ihr ist klar, dass frau noch so viele Steine in die Kiste mit den Altlasten packen kann, verdaut ist diese deswegen keineswegs. Also beauftragt sie in ihrer Not das Universum, die Dinge in ihrem Sinne zu regeln. Vermutlich hat es zu keiner Zeit eine Frau gegeben, die ihre große Liebe in die Arme einer anderen entlassen würde, ohne ihm einen fetten Fluch hinterher zu schicken.

Auch Tante Ella nutzte damals ihren Draht zum Universum und wünschte dem Verräter das Allerschlimmste… Aber entweder unterschätzte sie die große Macht, oder sie hat es mit dem Wünschen ein bisschen übertrieben. Ihr Frosch jedenfalls kam kaum ein Jahr später bei einem Unfall ums Leben. Und Ella fühlt sich schuldig. Jeden Tag. Sie hatte nicht bedacht, dass alles, was wir einem anderen Menschen wünschen, zu uns zurück kommt.

So wie damals die liebe Ella wird frau zu allen Zeiten dem großen Schuft in ihrem Leben wünschen, dass er sie niemals vergessen und für alle Zeit eine Leere im Herzen spüren soll… Doch welche verletzte Prinzessin denkt ernsthaft darüber nach, was derlei Flüche mit ihr selber machen? Sie wird eine neue Liebe finden, wenn die Zeit dafür reif ist. Und es könnte der Tag kommen, an dem sie der Vergangenheit erneut begegnet. Vielleicht sind sie auf einem Platz voller Menschen allein. Wieder einmal. Möglicherweise sieht sie in seinen Augen diese Traurigkeit und stellt bestürzt fest, dass sie nicht das kleinste Bisschen Triumph fühlt. Sie schafft es mit allerletzter Kraft, der fühlbaren Leere zu entkommen, die sie anzusaugen scheint und muss spätestens jetzt erkennen, dass ihr Fluch sie nicht befreit, sondern gefesselt hat. Das Universum hat scheinbar ein langes Gedächtnis.

Was jetzt?

Nun, die kluge frau hat Chardonnay, Freundinnen und ihren  Draht zum Universum. Und sie hat dazu gelernt. Sie formuliert erneut einen Wunsch. Vorsichtig, liebevoll und sehr präzise. Sie sendet ihn in der friedlichen Gewissheit ab, dass alles gut ist. Sie fühlt einen lange vermissten Frieden in sich wachsen, genießt die Sonne auf der Haut, den Wind im Haar und ihre neue Liebe…

… und wartet ab.

Bis die Tage, Pauline

 

Quo vadis Paulines Schreibstube?


LPG11Die provinzielle Frühjahrslesereise mit meinem „Provinzgeschnatter“ ist letzte Woche in einem verschlafenen Städtchen hinter dem Berg zu Ende gegangen.

Was für eine tolle Zeit!

Ich bedanke mich herzlich bei allen Veranstaltern für die gelungene Zusammenarbeit, durch die jede einzelne Lesung entspannt und fröhlich ablaufen konnte.

Ohne Olaf und seine musikalische Unterstützung hätte es diese Veranstaltungsreihe gar nicht gegeben. Er, seine unglaubliche Gelassenheit, seine Gitarre und – nicht zu vergessen- der Glücksakku waren maßgeblich beteiligt, dass jeder Abend auf seine Weise „jijantisch“ war.

Nichts davon wäre möglich gewesen ohne unser wundervolles, interessiertes und gut gelauntes Publikum. Ihr seid sie Besten! – Wer schon einmal vor einem größeren Publikum gestanden hat, der weiß, worum es an mir dieser Stelle geht. Man steht auf einer Bühne und möchte mit dem, was man da oben tut, den Besucher einladen. Doch egal, wie viel man gibt, es gibt keine Garantie, ob es gelingt, den Gast mitzunehmen. – Ich bin Euch unglaublich dankbar, dass Ihr meine Einladung zu provinziellem Geschnatter so fröhlich und interessiert angenommen habt.

So weit der Rückblick. Und was kommt jetzt?

Neben Planung und Programmgestaltung für das zweite Halbjahr 2019 warten noch andere Herausforderungen darauf, dass ich sie anpacke.

„Der Nächste bitte…!“ ist nun endlich vom Markt und sucht nach neuem Label. An dieser Stelle gebe ich ehrlich zu, dass ich ein wenig ratlos bin. Aber ich bin sicher, auch dieses Problem wird sich lösen, wenn die Zeit dafür reif ist.

„Herzensschwestern“ schreit nach Vollendung. Die Rohfassung ist fertig. Der Feinschliff auch. Zumindest in meinem Kopf. Nun will das Buch auf Papier. Viel Arbeit, an die ich mich mit Feuereifer machen werde.

Wie alles im Leben ist auch „Paulines Schreibstube“ immer in Bewegung. Entwickelt sich. Wächst. Themen und Aufgaben werden vielfältiger. Bevor da irgend etwas durcheinander geraten könnte, hat Lady Di, „meine Frau für alle Fälle“ ein Machtwort gesprochen und einen Umzug angeordnet. Liebe Anhänger meines provinziellen Geschnatters, keine Panik: Alles rund um Buch, Lesungen und „Provinzgeschnatter“ bleibt wie gewohnt auf dieser Seite. Gleichzeitig möchte ich Euch und all Jene, die möglicherweise auf der Reise zu sich selber sind, dabei auf ihr inneres Kind treffen und vielleicht öfter gegen Mauern laufen, einladen, mich auf https://www.seelentanz-gotha.de/ zu besuchen.

Wir sehen uns!

Herzlichst, Pauline

Die Mitte des Lebens… oder: Was kommt jetzt (noch) ?


092Diese Frage mag viele von uns bewegen, je näher sie sich der magischen Zahl nähern, die mathematisch gesehen die Hälfte von irgend etwas markiert. In diesem Fall sehr optimistisch betrachtet die Hälfte des Lebens.

Es ist so amüsant wie erschreckend, die Spezies Mensch beim Umgang mit der Tatsache zu beobachten, dass in der Mitte des Lebens auch der gut erhaltenste Körper uns mitunter schmerzhaft daran erinnert, dass er inzwischen – nun ja- mittelalt ist.

Da fällt Frauen um die Fünfzig plötzlich auf, dass in ihren Eierstöcken sozusagen gerade das Licht aus gemacht wird und die nun unbedingt die letzte modrige Eizelle reanimieren um das zu erleben, was Mutter Natur fünfundzwanzig Jahre früher geplant hatte: Mutter zu werden.

Ebenso soll es Männer geben, die noch lange nach der magischen Fuffzich ihre Erbanlagen in die Welt tragen und dieser damit beweisen, dass sie durchaus noch können…

Lassen wir das…

Die Spielplätze sind neuerdings voll von älteren Eltern, die kurzatmig keuchend und mit arthritischen Kniegelenken dem späten Nachwuchs aufs Klettergerüst zu folgen versuchen.

Doch auch normalerweise völlig vernünftig anmutende Menschen raufen sich angesichts dieses Datums die –  möglicherweise spärlich gewordenen – Haare und denken „O Gott, ich bin alt!“ . Manche zelebrieren Shopping in der Jugendmode, lieben plötzlich schrillste Farben und quetschen sich mit scheinbarem Vergnügen in Size Zero Jeans um sich selbst und ihrer Umgebung zu beweisen, dass die Zahl in ihrem Ausweis nichts als eine Zahl ist.

Wieder andere liegen schon mal das Altenteil zurecht und heißen jedes Zipperlein sozusagen freudig willkommen. Hat man doch endlich wieder ein Thema, das zu besprechen niemals endet.

Es lässt sich nicht bestreiten, dass die Mitte des Lebens uns bewusst macht, dass etwas unwiederbringlich vorbei ist. Vielleicht eine gute Zeit, um Bilanz zu ziehen und sich selber mitunter bange Fragen zu stellen und auch zu beantworten:

Was ist aus all den Träumen geworden, die wir mit Zwanzig gehegt, mit Dreißig aus evolutionell bedingten Gründen ad acta gelegt, mit Vierzig abgestaubt und vorsichtig wiederbelebt haben? Wer von uns fühlt sich angekommen an dem Platz, wo er immer hin wollte? Wer kann ehrlichen Herzens sagen, dass er mit sich und dem Leben im Reinen ist?

Jetzt, in der Mitte des Lebens stehen viele von uns vor der bitteren Erkenntnis, sich selber und das, was sie vom Leben wollten, irgendwo verloren zu haben.

Mancher denkt vom gemütlichen Sofa aus vielleicht ein bisschen wehmütig darüber nach, was aus all den Plänen und Träumen geworden ist, die er immer wieder auf später verschoben hat. Weil anderes immer so viel wichtiger war. Weil die Arbeit, der Alltag, das Leben gerade so schwer war.

Vielleicht dämmert uns die schlichte und ein bisschen peinliche Wahrheit, dass uns Bequemlichkeit so oft davon abhält, Träume zu verwirklichen. Angst mag uns daran hindern, uns offenen Fragen zu stellen. Wir trauen uns nicht aus unserer Komfortzone und glauben seufzend an neue Chancen. Doch jetzt, in der Mitte des Lebens wird uns vielleicht bewusst, dass nichts von allein passiert. Zeit ist nicht unendlich vorhanden und die Zahl in unserem Ausweis ist die gnadenlose Wahrheit.

Auch mich bewegen derlei Gedanken in diesen Tagen. Während meine Liebsten an einer Überraschungsparty werkeln, um mit mir die Mitte des Lebens zu feiern, lehne ich mich entspannt zurück und mir wird klar, wie sehr ich mein Leben liebe. Genau so wie es ist.

Ich habe Licht und Leichtigkeit in dieses Leben gelassen und gelernt, wie egal mir die Meinung der Leute ist. Ich habe unglaublich geliebt und furchtbar geweint. Ich bin hoch geflogen und schlimm gestürzt, habe mir böse Schrammen an Körper und Seele geholt.

Bin ich deshalb böse auf das Leben? Warum denn? Wenn ich etwas gelernt habe, dann höchstens dies: Das Leben schuldet mir nichts! Ich allein habe alle Farben, um es so bunt zu gestalten, wie es mir gefällt. Ich habe große Träume erfüllt und manche auch los gelassen. Aber ich muss mich heute, in der Mitte meines Lebens nicht fragen: „Was wäre gewesen, wenn…?“. Nichts was gewesen ist, bereue ich. Ich bin dankbar für jedes Erlebnis und ich bin sicher: Da kommt noch ganz viel.

Ich stelle mir das Leben gerne als Farbskala vor:  Weiß, was technisch gesehen die Abwesenheit jeglicher Farbe ist, steht für den unschuldigen Anfang und Schwarz für das eher traurige Ende. Aber die Mitte, nämlich der Teil des Lebens, der jetzt kommt, ist ein bunter Mix aus allen Farben. Genau so will ich es haben. Das Glas meines Lebens ist noch halb voll.

Und ps.: Beige wird nie zu den Farben gehören, die mein Leben färben.

Herzlichst, Pauline

 

Hildburghausen feiert 100 Jahre Stadt- und Kreisbibliothek…


… und wir freuen uns, dass wir eingeladen sind.Bild (84)

Der Tourbus steht in den Startlöchern, ihr hoffentlich auch!

Bis dahin, Pauline