Osterruhe und das Recht auf Schuhe


Foto: privat

Das Politikum Corona geht mir an die Nieren. So sehr, dass ich immer öfter versuche, Nachrichten aus meinem Leben herauszuhalten. Ein Unterfangen, das unmöglich ist. Das böse C lauert überall. Mein Fernseher bleibt grundsätzlich aus, doch wenn ich den Rechner einschalte, oder das Handy, springt mich die nächste Horrornachricht zum einzigen Thema an. Und so komme ich nicht umhin, mir Notizen zu machen. Es sind nur meine Gedanken, die ich hier festhalte. Niemand muss meinen Blog lesen…

Tatsache ist, dass morgen die hochprofessionellen Statements namhafter Politiker Schnee von gestern sind und alles wieder ganz anders ist. So sagte einer der ganz Großen noch im letzten Sommer, dass man mit dem Wissen von heute (also im Sommer 2020) die Geschäfte nicht hätte schließen müssen. Es ist derselbe Politiker, der uns seit Monaten in Lockdown Nummer Zwei hält, um die zweite und jetzt übergangslos die dritte Welle zu brechen. Kanzlerkandidat Nummer Eins vertritt diese These wenigstens zuverlässig, während Kandidat Nummer Zwei einen anderen Weg gehen wollte. Jedenfalls bis gestern. Seit heute schließt er sich seinem Kollegen an…

Der März hat erneut die leise Hoffnung zunichte gemacht, dass politische Entscheidungen irgendwie bodenständiger, verständlicher und nachvollziehbarer werden würden. Doch weit gefehlt. Das Chaos wird mit jeder Ministerpräsidentenkonferenz schlimmer, die Entscheidungen undurchsichtiger, die Rechtfertigungen abstruser.

Alles wird an Inzidenzwerten gemessen, ein rein mathematisches Indiz, dass nach meinen Überlegungen keinerlei Rückschlüsse auf tatsächliche Erkrankungen und noch weniger auf schwere Verläufe zulässt. Dafür ist es neuerdings erstrebenswert, kleinen Kindern Teststäbchen in die Nasenlöcher zu stecken und mit Belohnungen zu locken, wer sich in Modellprojekten auf das Virus testen lässt, damit er mit einer einzigen Begleitperson in einem Biergarten sitzen darf.
Die Inzidenzen müssen als Entschuldigung für alles herhalten, denn sie sind unverändert hoch. Und das nach monatelangem Dauerlockdown. Während die Medien mit erhobenem Zeigefinger „Lockerungen“ wie das eigenartige Öffnen von Geschäften mancherorts als ach so leichtsinnig anprangern und Mallorcaurlauber als rücksichtslose Querdenker abstempeln, frage ich mich ganz leise, ob Lauterbachs Gejammer nach noch härteren Maßnahmen und Merkels mütterliches Gebaren nach Disziplin vielleicht der falsche Ansatz sind? Denn in Thüringen hat es keinerlei nennenswerte Lockerungen gegeben. Seit Dezember sind hier alle Geschäfte zu, von Kino und Shopping träumen wir nur… Und doch meldet Greiz vor Ostern nach wie vor die höchsten Inzidenzwerte deutschlandweit. Was läuft da falsch?


Frau Merkel verkündet Osterruhe… Und bittet am nächsten Tag um Verzeihung. Für diese Größe wird sie von Vielen gelobt. Ich frage mich, wofür genau Frau Merkel sich eigentlich entschuldigt hat? Etwa dafür, dass sie uns seit einem Jahr um noch ein paar Monate Disziplin, Verzicht und Einsamkeit bittet? Immer wieder neu, während ihr Parlament sich die Taschen voll haut? Das Desaster um Astra Zeneca könnte der kritische Bürger durchaus als Versagen deuten, für das man sich entschuldigen muss. Vertrauen verdient es jedenfalls nicht.

Erinnern wir uns: Besagter Impfstoff sollte ursprünglich Menschen über 65 nicht verabreicht werden. Dann gab es Berichte über schwerste Nebenwirkungen. Hirnvenenthrombosen sind tatsächlich keine Kleinigkeit. Das Zeug ging vom Markt. Vorsorglich. Natürlich.

Und wurde kurze Zeit später wieder zugelassen. Allerdings nur noch für Leute über 65.

… Gehts eigentlich noch? Ich will hier gar nicht wissen, wo der Fehler liegt…

Glaubt man den Nachrichten, geht der verpönte Impfstoff ja weg, wie warme Semmeln. Die Angst vor Corona ist offenbar wirklich sehr viel größer als die eines Hirnschadens infolge einer umstrittenen Impfung. Aber bitte, jeder ist für sich selber verantwortlich.

Die Regierung droht den Ungeimpften damit, Vergünstigungen zu verweigern. Und das, obwohl dieselbe Regierung bis heute nicht in der Lage ist, Impfstoff in ausreichender Menge zur Verfügung zu stellen. Prophet Lauterbach wird nicht müde, jeden Tag aufs Neue Weltuntergangstimmung zu verbreiten. Und ich komme nicht um die Frage herum, was aus den Virologen vergangener Coronawellen geworden ist? Wo ist Herr Streeck? Und was ist aus Herrn Drosten geworden?

Gartenbauabteilungen der Baumärkte durften im März öffnen, die daneben sortierten Unterlegscheiben darf man in Teilen Thüringens dennoch nur mittels Termin einsacken. Kinderschuhe, juchei, wenigstens Kinderschuhe sind käuflich erwerbbar. Wer auf größerem Fuß lebt, macht das allerdings gefälligst in den ausgelatschten Tretern vom letzten Jahr. Außer in Bayern. Da hat ein Gericht entschieden, dass Schuhe zu den lebenswichtigen Dingen gehören. Das Recht auf Schuhe gilt offenbar wenigstens in Bayern.


Während ich Ostern 2020 noch überzeugt war, dass Coronas Gefährlichkeit sich in Kürze relativieren würde, bin ich jetzt, Ostern 2021 deprimiert, und traurig. Ein Ende ist nicht in Sicht. Thüringen hat die Coronaverordnung für den April veröffentlicht. Bis 28. April bleiben wir eingesperrt, eingeschränkt und zwangsweise isoliert. Man muss kein Pessimist sein, um zu ahnen, dass es danach nicht anders sein wird. Denn auf die dritte Welle werden weitere folgen. Mutationen sind keine Eigenschaft des SarsCov2. Das machen Viren nun mal so, um sich anzupassen. Zu überleben. Auch Impfstoffe. Das weiß man nicht erst seit Influenza.

Es fällt mir zunehmend schwerer, positiv im Denken zu bleiben. Denn es ist auch meine Lebenszeit, die im coronalen Dauerkoma dahin geht, weil politisch entschieden worden ist, dass es nur einen Weg gibt. Und der heißt einem Mantra gleich: „Nur noch ein paar harte Wochen…“

Leblos


Spätestens wenn wir den Führerschein machen, kommt keiner mehr drum herum, einen Kurs in „1.Hilfe“ zu absolvieren. Als lästiges Muss meistens. Manche von uns frischen ihre Kenntnisse bezüglich Herzdruckmassage und dem Anlegen einer Unterarmschiene im Laufe ihres Lebens sogar noch ein oder zweimal auf. Wieder andere haben von Berufs wegen sogar manchmal Reanimationstraining an einer Puppe namens Anne.
Und doch ist die Vorstellung, jemals in eine reanimationspflichtige Situation zu geraten, ein Horrorszenario, von dem bestimmt jeder hofft, es möge ihm nie passieren.

Plötzlich ist dieses Horrorszenario gnadenlose Wirklichkeit und die leblose Person vor dir ein Mensch in (Lebens)Not, jemand, der deine Hilfe unbedingt braucht. Vielleicht liegt die Person in den Armen eines anderen Menschen und du suchst nach dem Puls am schmalen Handgelenk, tastest nach dem Klopfen am Hals. Bist erleichtert, denn da ist etwas. Bis dir schaudernd bewusst wird, dass das Flattern nur das Zittern der Hand des Mannes ist, der die reglose Person in seinen Armen hält. Du siehst eine furchtbare Verletzung und realisierst nur, dass da kein Blut ist. Während du auf Knien über der reglosen Person kauerst, scheint es so, als schaut sie dich an. Aber du hast keine Ahnung, welche Farbe die Augen haben.

Wie geht doch das mit der Wiederbelebung? Ach ja richtig: 100 zu zwei. Oder hundert zu vier? Auf jeden Fall zum Rhythmus „Highway to Hell“, hast du mal gelernt. Was für eine Ironie…

Es vergehen gefühlte Stunden, bis die Leute vor Ort sind, die von Berufs wegen wissen, wie das mit der Wiederbelebung funktioniert und endlich sagt eine ruhige Stimme hinter dir: „Ich übernehme jetzt.“

Du bist entlassen. Raus aus der Nummer, Gott sei Dank. Aber du nimmst den Blick aus diesen Augen mit, die blutlose Verletzung. Deine Hilflosigkeit und die Überforderung. Nach dem Gefühl der Schuld kommt irgendwann die Erkenntnis, dass zwischen dem allerbesten „Erste Hilfe Kurs“ und der perfekten ersten Hilfe im Ernstfall eine Größe steht, die wohl nicht lernfähig ist: Die Grenze, an die der Mensch geraten kann, wenn er sich einer extremen Ausnahmesituation gegenüber sieht.

Experten sagen, es gibt nichts, was ein Ersthelfer falsch machen kann, außer nichts zu machen. Das macht Mut, menschlich zu bleiben und trotzdem zuzupacken, sollte sich jemand in Not befinden. Auf gar keinen Fall wegschauen: Es könnten wir selber sein, oder jemand den wir lieben, der sich in Not befindet.

Alles Liebe, Pauline

Nostalgie


Es heißt ja, dass das Internet nichts jemals vergisst…
Den Beweis dafür bekam ich neulich, als mich Facebook und Co. KG darauf aufmerksam machten, dass Teilnehmer XY ein Foto kommentiert hatte. Witzigerweise ist es ein Foto mit mir und möglicherweise hat Freund XY dieses Foto einst geschossen und scheinbar irgendwann bei fb hochgeladen. Ich bin nicht zimperlich und pfeife schon aus Spaß an der Sache auf mein Recht am eigenen Bild. Aber ich komme nicht um die Frage herum, wieso fb mich informiert, dass ein Foto kommentiert wurde, auf dem ich nicht einmal markiert wurde?

Lassen wir das.

Ich habe das Foto herunter geladen, was urheberrechtlich sicherlich auch nicht in Ordnung ist. Aber hey: Es ist mein Gesicht auf dem Bild und es stammt aus einer wirklich … Zeit. Es war die Zeit, in der Leichtigkeit für mich so selbstverständlich war wie die Gewissheit, dass das ganze Leben noch vor mir lag. Digital war ein unbekanntes Wort und unsere Erinnerungsfotos waren schwarz-weiß. Es muss im Sommer des Mauerfalls gewesen sein…


Vielleicht liegt es daran, dass es momentan fast ausgeschlossen ist, irgendwelche Abenteuer zu erleben und Erinnerungen zu sammeln, jedenfalls erfasste mich beim Anblick des Fotos so etwas wie Nostalgie…

Wie jung ich gewesen bin. Und wenn man bedenkt, dass ein Bild mehr als tausend Worte sagt, dann war ich damals auch ziemlich verliebt. Wir – die berüchtigte Clique „Abenteuer“ – waren bei einem Motocross WM Lauf irgendwo in der damaligen Tschechoslowakai. Wir sind damals zu vielen Rennen gefahren, die zu besuchen uns Kindern der DDR gestattet war. Und wir hatten einen Mordsspaß. Solche Veranstaltungen waren damals nicht anders als heute, aber für uns waren sie besonders, weil sie DDR- Grenzen verwischt haben. Wir kamen hautnah in Berührung mit dem Klassenfeind. Denn auf Campingplätzen war auch damals schon das Leben ziemlich frei. Da konnte es schon mal vorkommen, dass der Klassenfeind direkt neben uns am Lagerfeuer saß und es war selbstverständlich, dass wir durchs Fahrerlager geschlendert sind. Die Jungs bestaunten die Maschinen und wir Mädels die Fahrer.

Wir packten an den WM Wochenenden alles zusammen, was uns zum Überleben auf tschechischen Zeltplätzen als unbedingt notwendig erschien. Also hauptsächlich Bier und Grillzeug. Zahnbürste? Vielleicht. Duschzeug? Wechselsachen? Keine Ahnung. Wir Mädels machten da keine Ausnahme, denn keine von uns hatte große Lust, sich an einem langen Wasserrohr mit einigen Wasserhähnen, die nur kaltes Wasser hergaben, vor all den anderen auszuziehen. Ich höre noch heute meine blondlockige Freundin Anne jammern, dass sie auf gar keinen Fall im Wald…


Sie konnte. Und sie hat.

Es war eine herrliche unbeschwerte Zeit, die nicht einmal durch eine lebensgefährliche Unachtsamkeit getrübt worden ist: Mein Freund Matti war stolzer Besitzer eines Skodas und weil der im Gegensatz zu den Trabis der anderen einen großen Kofferraum hatte, packten wir ihn bis oben hin mit den eingangs erwähnten unbedingt notwendigen Dingen voll. Leider übersah Matti, dass noch ein Reservekanister mit musste. Statt Platz im Kofferraum zu schaffen, verstaute er das übrig gebliebene Teil im Motorraum, zurrte vorsorglich den Kanister mit dem Abschleppseil fest und los ging es…

Dankenswerterweise überprüfte Matti bei der ersten Rast in der Tschechoslowakai den Sitz der Konstruktion. Der volle Benzinkanister war vermutlich durch die Motorhitze so sehr aufgebläht, dass ich mir gar nicht ausmalen wollte, welchem Inferno wir möglicherweise gerade noch entgangen waren.


Heute verbinde ich Motocross hauptsächlich mit ohrenbetäubendem Krach und dem Gestank der Motoren. Und mit schlimmen Verletzungen. Damals aber war Motocross für mich Freiheit. Abenteuer. Lagerfeuer. Freunde.

Wenn ich das Foto anschaue, erinnere ich mich an all das. An die Gefühle, die ich dem Jungen auf dem Bild entgegenbrachte, kann ich mich nicht erinnern. Woran liegt das? Ich weiß noch, dass er mir damals in Tschechien sagte, dass er von Amerika träumte. Erst wenn er in LA gewesen wäre, wollte er das, wovon wir Mädels geträumt haben: Heirat und Familie. Erwachsen werden… Ich weiß auch noch, wie ich gelacht habe und dachte: „Der hat n Knall.“ Denn die Mauer schien unerschütterlich bis in alle Ewigkeit zu halten. Ich lachte mein Bauchgefühl weg, dass ganz leise von Flucht redete. Ich wollte nicht heiraten. Ich doch nicht! Ich wollte auf keinen Fall Scarlett o Hara gleich mit Reifrock und Korsett in ein Kleid eingeschnürt sein, dass mir weder Luft zum Atmen, noch Gelegenheit zur Flucht gestatten würde.


Und doch stand ich nicht viel später im Brautmodenladen der Frau Schnürch im Reifrock auf einem Podest und hörte sprachlos, wie sie befahl: „Mädelchen, nun heben sie mal ihre Büste in die Korsage.“


Kinner nee…


Ist das alles wirklich so lange her?
Ich bereue nichts, was ich damals getan habe. Es war eine Meeegazeit und ich bin dankbar, dass ich Teil der Clique sein durfte. Aber wenn ich dieses Bild anschaue, weiß ich, was mir mein Bauch damals schon geflüstert hat: Ich war nicht mit ganzem Herzen dabei.

Bis die Tage, Pauline





Jean Luc, der Pfad und ich, der EDV- negative Mensch


Paulines Schreibstube ist inzwischen ins Turmzimmer umgezogen. Hier macht Schreiben noch viel mehr Spaß.

„Ich und die Technik – zwei Welten begegnen sich.“ Falls dieser Leitsatz zu den negativen Glaubenssätzen zählt, dann klebt er bis heute wie Kaugummi an meinem Schuh. Ich kann machen was ich will, ganz normale alltagsbewährte Errungenschaften haben in meiner Gegenwart noch nie so funktioniert wie sie sollen.

Einst schickte mich das grüne H zu einer Weiterbildung in eine schöne hessische Stadt und wie immer, wenn frau sich in der Nähe einer Shoppingmeile aufhält, muss sie irgendwann zum Geldautomaten. So kam es, dass ich an jenem fernen Tag im August den Schalterraum der überregionalen Bank meines Vertrauens betrat und meine Geldkarte in den Schlitz des Automaten geschoben habe, artig Geheimzahl und Auszahlungswunsch eingegeben habe und brav auf die Auszahlung der Kohle wartete, als…

… sich lautlos eine Glaswand zwischen mich und den Geldautomaten schob. Selbstverständlich vor Abschluss der Transaktion und ohne die Geldkarte herauszurücken. Guter Rat war teuer, denn die Bank hatte bereits geschlossen und mir fehlte es definitiv an Barem. Ich weiß nicht mehr genau, wie ich aus dieser Nummer wieder raus gekommen bin, aber das Trauma von damals mache ich bis heute dafür verantwortlich, dass ich technischem Schnickschnack nur so lange vertraue, wie ich nachvollziehen kann, was sich im Inneren dieser Dinger abspielt.

Jahre später trat Jean Luc in mein Leben. Er war nicht etwa eine neue Liebe, sondern ein niedlicher Klapprechner, der mir eines Tages im MediaMarkt begegnet ist. Ich musste ihn haben, mein Alter hatte endgültig ausgedient und Jean Luc verfügte als einer der Ersten seiner Art über Windows 8. Der Jubel über meine Errungenschaft hielt sich leider in Grenzen, denn der Kerl verweigerte die Zusammenarbeit, wann immer er konnte. Die Jungs im Büro hoben angesichts meiner Neuanschaffung die Brauen, verkniffen sich freundlicherweise aber jeden Kommentar. Ihnen war klar, was kommen würde und so haftete die Schuld an Jean Lucs Arbeitsverweigerung an mir wie besagter Kaugummi am Schuh. Ich wurde nie das Gefühl los, dass Jean Luc ein Eigenleben führte und nur selten Daten so verarbeitete, wie ich von ihm es erwartete. Erst als ich eine wichtige Datei zur weiteren Bearbeitung von einem MacBook erhielt und Jean Luc nichts als eine Zeile zusammenhangloser Buchstabenkombinationen wieder ausspuckte, nahm sich mein Freund Jan der Sache an. Er grübelte, recherchierte und zog schließlich Kollege Charlie hinzu. Nach endlosem Gefummel an Jean Lucs Software machten sie ihn platt und er bekam ein neues Gehirn. Will sagen, sie pflanzten ihm das gute alte Windows 7 ein und seither läuft es mit uns. Also leidlich.

Natürlich habe ich von den Kerls im Büro niemals so etwas wie eine Entschuldigung gehört. Wozu auch. Ich gebe ohne rot zu werden zu, dass ich auch mit der neuen Version von Jean Luc noch genug Chaos anrichte. Meine Freundin Sassi eilte schon vor Zeiten zur Rettung so mancher Datei herbei, um mit den Worten: „Ach Paulinchen, findest du wieder den Pfad nicht?“ nach dem verloren gegangenen Text zu fahnden.

Lotta verdreht immer wieder die schön getuschten Augen zum Himmel, wenn sie auf meiner Webseite irgendwas richten muss, was ich angerichtet habe. So bin ich eben und so lange mich alle in Ruhe lassen, läuft es halbwegs. Und falls nicht, weiß ich immerhin, wo ich Hilfe her kriege.

Das Ding mit mobilem Navi und E-Bookreader habe ich ausprobiert und zu den X- Akten gelegt, was mein Leben nicht erschwert hat, denn es geht sowieso nichts über ein Buch aus richtigem Papier. Und was das Navi betrifft, nun ja, mein Flitzer brachte sozusagen ein eigenes mit und damit habe ich mich arrangiert.

Dann kam MC in mein Leben und machte mich mit Exoten wie der Wanderapp KOMOT bekannt. Ich gebe ja zu, dass derlei Schnickschnack durchaus seine Berechtigung hat, sollte frau sich mal im dunklen Winterwald verlaufen. Oder man ist in einem fremden Land mit unbekannten Buchstaben unterwegs. Dann macht es durchaus Sinn, eine Route zu planen. Auch in unwegsamem heimatlichen Gelände machen Apps dieser Art unbedingt Sinn. Aber für alle anderen Fälle gibt es hübsche Wegweiser auf allen Wanderwegen. Auf einem solchen Wanderweg mitten in Thüringen kam es zwischen MC und meiner Wenigkeit einst zum gruseligen Krach, denn während meine Wanderschuhe und ich fröhlich vorwärts stapften, um noch vor Einbruch der Dunkelheit am Torstein anzukommen, blieb der Mann meines Lebens immer wieder stehen, um KOMOT nach dem Weg zu fragen. Und während ich am Wegweiser direkt vor meiner Nase „Torstein 200 m in Richtung X“ lesen konnte, bestand der Mann neben mir auf der Empfehlung der Wanderapp, die „2 km in Richtung Y“ befahl. Mein Widerspruch war zwecklos, KOMOT hatte gesprochen. Ich fügte mich, aber der Weg nach oben war nicht nur schweigend, sondern auch ziemlich eisig. Echt jetzt: Wer braucht eine Wanderapp, wenn er die eigene Heimat erkundet? MC begründete den Gebrauch der App im Lauchagrund mit der Ankündigung, perspektivisch Großes vorzuhaben und die Hilfsmöglichkeiten aus dem Netz testen zu wollen. Meinetwegen …

Leider versucht er immer wieder mal, mich für technische Errungenschaften zu erwärmen. Immer mit demselben fragwürdigen Erfolg. Vor Weihnachten installierte der Schatz die App von DHL auf meinem Handy! Und demonstrierte die Funktionalität derselben auch gleich mit dem Einwurf eines Paketes. Ich war tatsächlich tief bewegt, als sich am Paketschalter geräuschlos eine Tür öffnete. Und ich war nicht weiter überrascht, als sie sich quietschend wieder verschloss, bevor unsere Transaktion abgeschlossen war. Vor meinem inneren Auge sah ich den Geldautomaten von damals…

Seit Wochen sitze ich an der Überarbeitung meiner provinziellen Schnattereien aus dem Jahr 2016 die schon lange gedruckt sein sollten. Schließlich ist Ostern nicht mehr weit. MC liegt mir schon lange in den Ohren, dass ich unbedingt alles sichern muss, was ich schreibe. Redundanz heißt das Zauberwort. Und so sichere ich mein Geschreibsel ab und an mal da und dort. Um Jean Luc, den renitenten, mittlerweile in die Jahre gekommenen Klapprechner an meiner Seite sicherer zu machen, sprach MC schon länger davon, seine Festplatte zu partitionieren. Was auch immer das ist, ich vertraue MC und ließ ihn machen.

Das Wetter war schlecht an diesem Wochenende und ich gestattete MC einen weiteren Eingriff an meines Rechners Festplatte, während ich mich mit der Kopie auf der externen Festplatte an seinen setzte und in die Tasten haute.

Stunden später: Der letzte Text war überarbeitet. Ich musste „Die Reise zu mir selbst“ nur noch auf ein externes Medium speichern.

Leider schien auch MCs Rechner durchschaut zu haben, dass ich EDV- negativ bin. Meine Texte waren nämlich ausnahmslos in ihrer Originalversion abgespeichert. Mein Sonntag drohte gelaufen zu sein und der von dem Mann in meinem Leben gleich mit. Man stelle sich vor: Acht Stunden Arbeit waren einfach weg! Ich war geknickt. Ach was, ich war verzweifelt…

Doch MC wäre nicht der wunderbarste aller Männer, wenn er mich nicht auch aus dieser misslichen Lage befreit hätte. Es gelang ihm, die vermissten Dateien an einem Ort seines Rechners aufzuspüren, vom dem er selber keine Ahnung hatte, dass er existiert.

Das neue Buch ist gerettet. Noch heute geht es ins Lektorat. Natürlich habe ich eine Sicherungskopie gemacht. Frau kann ja nie wissen. Und MC hat mir versprochen, künftig keine Neuerungen mehr an meinem alten Klapprechner vorzunehmen. Mal schauen, wie lange dieser Vorsatz funktioniert.

Damals … und was kommt jetzt?


Vor ziemlich genau einem Jahr erhielt ich eines schönen Tages einen Anruf von meinem Verleger, der mir mitteilte, dass ich gleich einen Anruf bekommen würde. Herr N. aus T. kennt mich und meine Neigung zu Gefühlsausbrüchen vermutlich ziemlich gut, denn er empfahl mir, mich zu setzen, sobald das Telefon klingelt. Der Anruf kam und ich saß.

Zum Glück, denn die nette Dame am anderen Ende teilte mir mit, dass man meine geplante Lesung zum Frauentag wegen der großen Nachfrage vom Rathaussaal in das Theater von Arnstadt zu verlegen gedachte. Ob mir das Recht sei? „Ob mir …“ Ich quietschte schnappatmend ein Geräusch, dass die Dame vermutlich als Zustimmung identifiziert hat, denn heute vor einem Jahr stand ich auf der Bühne in diesem wunderschönen Theater und durfte vor 255 Gästen lesen …

War das in einem anderen Leben? Corona war zu dieser Zeit etwas, das die wenigsten Leute besonders ernst genommen haben. China ist schließlich weit weg und die Medien brauchen immer eine Schlagzeile …

Aber wir starteten sicherheitshalber einen Aufruf in der Tagespresse, in dem wir die Besucher baten, zu Hause zu bleiben, falls sie sich unwohl fühlen sollten.

Aus meiner Sicht war die Veranstaltung jijantisch, wie so viele, die Olaf und ich in den letzten Jahren auf die Beine gestellt haben.

Es war die letzte ihrer Art.

Heute, genau ein Jahr später, liegen die Veranstaltungsbranche,  die Verlage und die kleinen Autoren am Boden. Corona. Prognose schlecht.

Mir ist diese Tatsache schmerzhaft bewusst, denn das was ich mache, liebe ich. Doch so lange Buchmessen verboten und Buchhandlungen geschlossen sind, wird auch mein Verleger sich außer Stande sehen, ein Manuskript von mir  zu veröffentlichen. Ich habe noch meinen Blog. Und den nutze ich, um zu schreiben, was mich bewegt. Und es gibt Lesermeinungen, die durchaus kontrovers sind. Es gibt welche, die mir Mut machen wollen und mein Herz wärmen. Und es gibt jene, die mich wegen meiner kritischen Texte in die rechte Ecke stellen. Vorwürfe dieser Art finde ich anmaßend, aber ich bin durchaus in der Lage, mit Kritik umzugehen und hinterfrage mich gerade im Hinblick auf meine Gedanken ziemlich streng:

Ich finde es falsch, dass Corona zum Politikum mutiert ist. Ich finde es nicht richtig, dass unser Land auf Grund einseitiger Expertenmeinungen in einer Krise steckt, deren Folgen wahrscheinlich unsere Kinder noch tragen müssen. Und ich finde es unverantwortlich, mit welcher Willkür Öffnungen, Schließungen, Gebote und Verbote verkündet werden. Aber:

Deshalb bin ich kein Leugner, kein Querdenker und schon gar nicht rechts. Ich stecke mir schon von Berufs wegen alle Nase lang ein Stäbchen in selbige. (Übrigens freiwillig, weil ich meine Umgebung vor etwas schützen möchte, was vielleicht nicht mich, aber möglicherweise sie krank machen könnte.)

Aber wenn ich könnte, würde ich unsere Politiker gerne fragen, warum man nirgends die Zahl der positiv Getesteten mit tatsächlich erkrankten Menschen ins Verhältnis setzt? Warum haben Regierungs es zuverlässig versäumt, besonders gefährdete Menschengruppen rechtzeitig wirksam zu schützen? Warum galten Masken lange Zeit als Mangelware, während Abgeordnete sich an ihrer Beschaffung bereichern konnten?

Spätestes, als ich wie fast jeden Sonntag gestern die ARD Talkshow zu später Stunde angesehen habe, wurde mir klar, dass Politikers mir diese Fragen nicht beantworten würden. In dieser Sendung nannte ein Spiegelreporter das Kind beim Namen, eine Pamdemiebeauftragte legte sogar noch diverse Fakten nach, für die normalsterbliche Arbeitnehmer wegen Fahrlässigkeit unverzüglich vom Hof gejagt worden wären. Doch anwesende Politiker schafften es, den kurzen, klaren Fragen der Moderatorin mit ganz vielen Worten auszuweichen. Als mein Fernsehliebling, dem ich übrigens den Preis für das modischste Outfit der Sendung verliehen habe, dann davon zu lamentieren begann, dass er die Entscheidungen der letzten Mininisterpräsidentenkonferenz über minimalste Lockerungen für „unglücklich“ hält und offen die Kompetenz anderer zitierter Experten belächelte, war es mit meinem Sonntagabendfrieden wieder mal vorbei. Er dozierte von „Clustern“, in denen man testen müsse, weil es da nicht so schlimm ist, wenn sechs von zehn Tests falsch negativ sind. „Hä?“ Mag sein, das all die Schlaumeier unter den Zuschauern bei diesem Monolog verständnisvoll nickten, ich gebe ohne rot zu werden zu, dass „Cluster“ nicht zu meinem alltäglichen Sprachschatz gehört und beauftragte Google mit der Übersetzung. (Cluster: ist laut Wörterbuch eine als einheitliches Ganzes zu betrachtende Menge von Einzelteilchen) „Aha…!“ Ich kombinierte für mich den möglichen Gedankengang des Herrn in Beerentönen: Ottonormalbürger wird das Teststäbchen vermutlich nur so weit in Nase oder Mund stecken, bis ihn Würgreiz oder Tränenströme am Weiterstochern hindern, was möglicherweise keine nachweisbare Viruslast am Teststäbchen hinterlässt. Daraus könnten die von ihm angesprochenen falsch negativen Ergebnisse resultieren. Wenn eine ganze Schulklasse mittels Schnelltest getestet wird, kommt es nicht darauf an, wie viele falsch negative Ergebnisse ermittelt werden. Man wird schon einen positiven herausfischen und die ganze Klasse wegen der engen Kontakte in Quarantäne schicken können…

Ich persönlich würde flächendeckende Schnelltests durchaus befürworten, leider nahm mir der Herr im pinkfarbenen Westover auch hier sofort jegliche Illusion auf ein bisschen Normalität. Man soll also testen, obwohl negative Tests keine für den Alltag verwertbare Aussage haben? Man soll sich impfen lassen, obwohl kein Impfstoff greifbar ist? Und das alles scheint von einer Regierung beschlossen worden zu sein, die so ahnungslos erscheint wie jeder Bürger. Ich finde, dass all die Experten in unserer Regierung sich schämen sollten, uns immer weiter zu vertrösten, statt endlich die lange versäumten Grundlagen für die Heilung unseres Landes zu schaffen. Wenn Regierungs wollen, dass der gemeine Bürger sich alle paar Tage auf Covid 19 testen lässt, dann müssen die versprochenen Tests auch zum genannten Termin vorhanden sein. Wie glaubwürdig ist denn bitte ein Politiker, der auf die Frage der Morderatorin, ob denn in seinem Land wie geplant am 8. März – also heute – mit flächendeckenden Tests begonnen wird, ganz viel sagt, ohne wirklich zu antworten? Wie sehr kann frau einer Regierung vertrauen, die Nichtgeimpften „Vergünstigungen“ in dem vollen Wissen verweigert, dass auf absehbare Zeit nicht genug Impfstoff für alle da ist, weil eben jene Regierung eine „europäische“ der nationalen Lösung vorgezogen hat?

Ich habe tiefes Mitgefühl mit der Vertreterin der Gastronomie, die während der Diskussionen sichtlich um Fassung kämpfte. Denn ihr war wohl wie so manchem Zuschauer klar, dass das Sterben von Gastronomie und Kultur noch lange nicht zu Ende ist…

Geschichten aus dem Nähkästchen, die Fünfte


Geburtstagswunsch ans Universum

Das Leben schreibt angeblich die besten Geschichten. Da ist ganz bestimmt was dran…

Das mit dem Verdrängen ist eine feine Sache. Man kann sich nämlich die Dinge schön reden. Doch im Unterbewusstsein läuft ein anderer Film. So war auch meinem Unterbewusstsein vermutlich viel früher als dem Rest von mir klar, dass ich mit dem netten Mann auf meinem Sofa nicht glücklich war. Und wie so viele andere auch, war ich so wohl feige, als auch faul. Es war doch nett mit ihm. Ich wusste, was ich an ihm hatte. Selbst meine Mama Mausi hatte mich mahnend darauf hingewiesen, dass man weiß, was man hat, aber nicht, was man bekommt. Zu meckern hatte ich ja nichts. Er lebte sein Leben und ich hatte meines. Gemeinsam machten wir ab und an Urlaub. So kauerten wir an meinem Geburtstag an Bord des Traumschiffes, ich wünschte mir nichts so sehr, wie die Sonne auf der Haut und den Wind im Gesicht und an diesem Tag zusätzlich ein süffiges Getränk mit Schirmchen obendrauf in der Hand.

Nebenbei sahen andere Länder und staunten über fremde Kulturen. Ich räkelte mich an traumhaften Stränden in der Sonne und tauchte auch ab und an einen Zeh ins kristallklare Wasser. Kurz, es war ein schöner Urlaub.

Eines Morgens saß ich mit einer Tasse Kaffee im Heck des Schiffes ganz oben auf dem Deck. Wer jemals auf einem Luxusliner unterwegs gewesen ist, der weiß, dass man dort nie allein ist. Von den viertausend Menschen an Bord tummeln sich immer welche genau dort, wo man selber gerade ist.

Nur in diesem Moment nicht. Ich war wirklich allein und empfand es als besonderes Geschenk, mit dem Kaffee in der Hand und der leisen Musik von Jean- Michell Jarre die aufgehende Sonne anzuschauen. Das war der kostbarste Moment dieser Reise für mich. Der Moment hätte vollkommener nicht sein können. Und doch fühlte ich eine unbestimmte Traurigkeit in mir. Etwas fehlte…

Stunden später in der Straße von Hormus:

Amerikanische Kriegsschiffe tauchten am Horizont auf und begleiteten unser Traumschiff durch die Seeenge. Schon um mich abzulenken, wühlte ich in meinen Hirnzellen nach verschütteten Informationen zum Thema: Die Straße von Hormus verbindet den Persischen Golf mit dem Indischen Ozean und trennt den Oman vom Iran. Die Meerenge misst an ihrer engsten Stelle knapp 38 Kilometer und ist einer der bedeutendsten Schifffahrtsstraßen weltweit. Wegen des Öls…

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An diesem Morgen konnte ich in der Ferne die Küste des Iran erahnen. Ich wusste um die Reibereien, die es wegen seiner strategischen Wichtigkeit immer wieder um die Straße von Hormus  gibt. An diesem Morgen bekam ich einen Geschmack davon, wie fragil meine Welt, wie zerbrechlich unser Frieden ist. Zwischen diesem kaum sichtbaren Küstenstreifen und dem Traumschiff lagen nur wenige, offenbar so hochexplosive Kilometer, dass wir von kampfbereiten amerikanischen Kriegsschiffen Geleitschutz bekamen, um sicher durch das Nadelöhr zu kommen. Da kann es ein Mädchen aus der Provinz schon mal mit der Angst zu tun kriegen…

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…Dann sah ich sie: Zwischen den Kriegsschiffen und unserem Kahn tummelten sich zahlreiche Delphine! Sie schwammen verspielt durch das Wasser. Es schien, als würden sie tanzen… Wie nah Krieg und Frieden doch sind. Möglicherweise war es das Spiel der Delphine, dass mir klar machte, dass ich so nicht mehr weitermachen wollte. Ich wollte nicht mehr mit einem Mann zusammen sein, mit dem mich nichts verband, außer einer gewöhnlichen Freundschaft.

Ich wollte mehr. Ich wollte einen Partner. Einen Menschen, der mein Freund war. Und mein Vertrauter. Ich wollte wirklich lieben. Und ich wollte wirklich geliebt werden. Ich habe nur dieses eine Leben. Während ich den Delphinen zu sah, schickte ich einen tränenreichen und wie mir schien, wenig realistischen Wunsch ans Universum.

Liebes Universum…

Wieder zu Hause schlurfte das Leben wie gewohnt dahin. Ich weiß nicht, warum ich die Entscheidung, die ich zwischen Delphinen und Kriegsschiffen getroffen hatte, nicht umsetzte. Vielleicht fehlte mir auch schlicht der sprichwörtliche Tritt in den Allerwertesten.

Und den bekam ich an einem sonnigen Samstag bei einer Grillparty. Mein Freund wendete gelassen die Würste auf dem Grill, als ihm so ganz nebenbei das Handy aus der Tasche und leider direkt hinein in die Glut des Grills stürzte. Die umgehend eingeleitete Rettungsaktion konnte den Totalschaden nicht verhindern und nun war guter Rat teuer, denn kein Mann kann ein ganzes Wochenende überleben, ohne via whatsapp erreichbar zu sein. Glücklicherweise war ich seit wenigen Tagen in Besitz eines neuen schicken Telefons, vodafone sei Dank war das bei Vertragsverlängerung sozusagen inklusive. Nun ja.

Mein Freund jedenfalls machte sich am nächsten Morgen an die Wiederbelebung seiner SIM- Karte in meinem ausrangierten Handy. Ich dachte nur ganz kurz an einige pikante Geheimnisse, die ich von diesem Telefon aus gesendet und auch empfangen hatte… Der Empfänger der Nachrichten war jemand, mit dem mich ein tiefes Vertrauensverhältnis verband und der mir etwas schenkte, was meinem Leben einen Sinn zu geben schien. Er war mir wichtig, so wie ich ihm. Und ja, frau kann eine liebevolle Beziehung zu einem Mann haben, den sie nicht liebt. Wir beide wussten, dass eine Partnerschaft zwischen uns genau dies zerstört hätte und waren zufrieden mit dem Teil, den der andere zu geben hatte. Ich war also nicht besorgt, als ich dem Mann in meiner Küche das alte Telefon überließ. Whatsapp hatte Babsi noch am Grillabend gelöscht. Es gab keine Spuren…

…dachte ich, …

… als ich aus der Küche ab und zu leise Geräusche vernahm, die nach: „Na so was…“ klangen. Mein Freund kam mit dem Beweisstück A der Anklage aus der Küche. Es leuchtete eine Nachricht auf, die nun ja… eindeutig zweideutig war. Ein Name war der angegebenen Nummer nicht zuzuordnen und mein Freund hat nie erfahren, wer der Absender gewesen ist.

Ich schwankte in diesem Moment zwischen zwei Gefühlen. Das erste war: „Verdammt, nichts was via whatsapp jemals auf diesem Telefon geschrieben worden ist, ist wirklich weg.“ (Jedenfalls nicht, wenn man das Gerät nicht auf Werkseinstellungen zurücksetzt.) Das andere Gefühl war Erleichterung. Endlich war es vorbei!

Dachte ich.

Mein (Ex)Freund war offenbar praktischer veranlagt und fragte nur, ob er sich Sorgen machen müsse. Und falls nicht, bestünde für ihn auch kein Grund für übereiltes Handeln. Das folgende Gespräch konnte man kaum als solches bezeichnen, denn ich führte einen Monolog darüber, dass zwischen uns schon lange das Wesentliche verloren war. Da war keine Liebe, kein Kribbeln, nicht einmal Freude. Alles was uns geblieben war, war langweiliges Einerlei. Ich war überzeugt, dass der andere Mann keinen Fuß in die Tür unserer Beziehung bekommen hätte, wenn diese Beziehung glücklich gewesen wäre. Dieses Ende einer Beziehung tat mir aufrichtig leid. Aber ich war unendlich erleichtert, dass diese Farce endlich vorbei war.

(Aus „Die Bandbreite des Lebens“)

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Update oder


Ich gebe zu, ich bin bedrückt. Traurig. Mutlos. Eigentlich wollte ich in diesen Tagen am alten Leuchtturm in Warnemünde sitzen und je nach Wetterlage mit einem süffigen Heißgetränk oder einer grünen Dose in der Hand Schiffe gucken…

Eigentlich ist eine Geschichte.

Die Wirklichkeit wird von Schlagwörtern wie „Inzidenzzahlen“ und „Mutanten“ bestimmt. Jawoll, Corona ist Teil unseres Lebens, so wie Influenza, Krebs, Herzkrankheiten und Depressionen übrigens auch. Dass die keine Rolle mehr spielen, ist leider auch eine traurige Tatsache, aber lassen wir das …

Seit mehr als drei Monaten dösen wir in einem Lockdown dahin, über dessen Sinnhaftigkeit der denkende Mensch sich angesichts zahlreicher völlig unterschiedlicher Auslegungen, Regelungen und Verboten innerhalb der verschiedenen Bundesländer macht.

Während der alles entscheidende Messwert in der ersten Coronawelle noch „Reproduktionswert“ hieß, heißt das Zauberwort von heute: „Inzidenzwert“ Und der muss …

…Ja wo muss der eigentlich liegen, damit Deutschland das soziale Leben reanimieren darf? Er wurde mal eben ganz fix von 50 auf 35 reduziert, während das verhungert anmutende Männlein unter Muddi Angelas Getreuen nicht müde wird, in jede zur Verfügung stehende Kamera zu wimmern, das Dauerlockdown die einzige Möglichkeit ist, um Corona zu besiegen. Erst wenn die Inzidenzzahl gen Null tendiert, sei an Lockerungen zu denken.  

Vergleicht man die momentanen Inzidenzwerte übrigens mit dem ausgemusterten Reproduktionswert, kommt der gewiefte Rechner übrigens auf eine Zahl, die im letzten Sommer auf die vom RKI als erstrebenswert angegebene, damit das soziale Leben lebenswert bleibt. Nämlich etwas über 1. Aber der Reproduktionswert ist von gestern, ähm vom letzten Jahr und neuerdings zittern wir vor dem Inzidenzwert, den besagtes Männlein unter 10 haben möchte, bevor man lockern kann …

Was weder das Männlein, noch Mudddi Mergl und wer sonst noch die „No- Covid- Strategie“ verfolgt, uns beantworten, ist die Frage, was das Virus wohl macht, während wir eingesperrt sind? Es wird schon deshalb nicht mit dem nächsten Flieger Richtung Nirgendwo verschwinden, weil es ja gerade keine Flieger gibt. Ironiemodus aus!

Sachlich betrachtet, wird kein Virus verschwinden, bloß weil wir uns aus Angst oder Verbot daheim verstecken. Herdenimmunität wäre noch immer das Zauberwort. Und die erreicht man entweder durch aktive Immunisierung, oder durch Impfung. Regierungs haben sich für die Impfung entschieden, zu der der gemeine Bürger keineswegs gezwungen, aber mit Sicherheit genötigt wird. Muddi Mergl höchstselber schämte sich neulich keineswegs, in einer Talkshow zu verkünden, dass der Bürger, der sich nicht impfen lassen möchte, „…gewisse Dinge eben nicht mehr machen darf.“ Und während manche von uns ob dieser Aussage Schnappatmung kriegen, springen erste namhafte Unternehmen auf eben diesen Zug auf. Es verwundert also kaum, dass eventim nur Geimpfte an seinen Veranstaltungen teilnehmen und alltours nur Immunisierte in seinen Hotels schlafen lassen will. 

Nur nebenbei sei erwähnt, dass rein hypothetisch gesehen die Kunden von eventim und alltours all jene sind, denen die Regierung auf absehbare Zeit  kein „Impfangebot“ machen kann, weil der rare Impfstoff den älteren Menschen vorbehalten ist. Deutschland hat es flächendeckend versäumt, für Impfwillige, die noch lange Zeit zu den Steuerzahlern gehören, genügend Impfstoff zur Verfügung zu stellen. Die Ironie des Dilemmas wurde mir kürzlich schmerzhaft bewusst, als ich meine spätsiebzigjährige Mama Mausi fragte, ob sie denn inzwischen einen Impftermin habe und sie pikiert sagte: „Ich bin  noch lange nicht dran mit der Impfung. Ich bin viel zu jung.“

Listen wir an dieser Stelle doch mal auf: Von all den Impfstoffen, die ziemlich zügig auf den Markt geschmissen wurden, weiß man eigentlich nur, dass man über Wirkungsweise, Zuverlässigkeit und Langzeitfolgen nichts weiß. Und dass es nicht genug davon gibt.

Herr Spahn kündigte kürzlich kostenlose Schnelltests für alle an und wer schon aufatmen und erleichtert darüber nachdenken wollte, dass diese die Türen zu Restaurants und Kinos öffnen könnten, wurde umgehend bestraft, denn Spahn verpasste seinem vollmundigen Versprechen flugs ein Update. Die Tests werden keinerlei Änderungen im Lockdowngeschehen bewirken, dafür aber mindestens eine Woche nach dem ursprünglich angedachten Termin bei Discountern erhältlich sein. Nun, ob Discounter die Tests kostenlos abgeben, dürfte fraglich sein.

Ich betone an dieser Stelle nochmals ausführlich, dass ich weder Querdenker, noch rechts bin. Aber ich frage mich immer öfter, was hier gespielt wird? Wem nützt dieses von ganz oben angeordnete Waterloo?

Nach mehr als drei Monaten Lockdown sinkt der berüchtigte Inzidenzwert nicht mehr nennenswert. Dafür steigen die Zahlen der leeren Verkaufsflächen, vernichteten Existenzen und desillusionierter, frustrierter Menschen. Die Unruhe wächst…

Nächste Woche ist die nächste Ministerpräsidentenkonferenz und wir dürfen gespannt sein, welche skurillen Pläne uns dann wieder verklickert werden, um die nächste „Welle“ der Pandemie zu „brechen“. Witzigerweise scheinen die hochkarätigen Virologen der ersten Stunde allesamt von der Bildfläche verschwunden zu sein. Der ängstliche Bürger sieht sich fast allabendlich neuen hochkarätigen Wissenschaftlern gegenüber, die alle vom nahenden Weltuntergang predigen, sollte man nicht mittels strikter Lockdownverlängerungen die Inzidenzwerte unter die Nachweisgrenze drücken können.

Tatsache ist: Mutationen gehören schon immer zum Infektionsgeschehen. Nehme man nur die längst vergessene Influenza, deren Impfstoff all die Jahre wieder an die aktuellen Mutationsformen angepasst worden ist. Stubenarrest, Strafen und Sanktionen werden keine Mutante dieser Welt an der Mutation hindern.

Mutationen machen mir persönlich lange nicht so viel Angst, wie die Angst, die bewusst geschürt wird. Schon jetzt ist unsere Gesellschaft gepalten. Die einen haben Angst und die anderen setzen auf Selbstbestimmung. Seltsamerweise werden die Kritiker von den anderen in die rechte Ecke sortiert. Ein regionales Beispiel:

Neulich fand eine kleine Demo gegen die Coronamaßnahmen in Erfurt statt. Die Stadt informierte darüber via soziale Netzwerke. Als Veranstalter  wurde eine querdenkende Gruppierung genannt. Der erste Kommentar in den sozialen Netzwerken dazu kam von einem seriös aussehenden Erfurter, der schrieb: „… Dass man diese Menschen überhaupt mit Denken in Zusammenhang bringt… “ Hat dieser seriös anmutende Mann vergessen, dass freie Meinungsäußerung ein verbrieftes Grundrecht ist? Die Fähigkeit des Denkens von einem andersdenkenden Mitmenschen abgesprochen zu bekommen, halte ich persönlich für eine sehr gefährliche Mutation des gemeinen Gutmenschen. Herr Sowieso hat seinen wenig wertschätzenden Kommentar dankenswerterweise entfernt. Aber ein anderer Kommentar war noch befremdlicher. Der lautete nämlich: „Und als Gastredner Herr Höcke…“

Sagt mal Leute: Geht es eigentlich noch?!


Natürlich darf Herr Sowieso denken, was er eben denkt. Doch könnte man nicht von ihm dasselbe erwarten?  
Kommenden Montag sollen in Thüringen die Schulen öffnen. Dies „Lockerung“ wird schon seit der Ankündigung sehr kontrovers diskutiert und von „namhaften Wissenschaftlern“ als so verfrüht bezeichnet, dass sie als Bestrafung für diesen Leichtsinn schon jetzt – Wochen vor Ostern – die Osterferien gefährdet sehen.

Dennoch wird der Ruf nach Plänen aus dem Lockdown immer lauter. Und ich war schon vorsichtig erfreut, als ich gestern einen Vierstufenplan des RKI zum Ausstieg aus dem Lockdown im Netz gefunden habe. Allerdings währte mein Enthusiasmus nur kurz, denn dieser Stufenplan endet bei der „Basisstufe“ Und diese ist erreicht, wenn die Inzidenz unter 10 liegt. Selbst wenn diese utopische Zahl erreichbar wäre, stellt sich nach dem Willen des RKI damit keine Normalität ein: Zwar ist dann (vermutlich strengsten Auflagen) alles geöffnet, aber in geschlossenen Räumen sind nur Veranstaltungen mit maximal 100 Teilnehmern erlaubt und im Freien dürfen maximal 1000 Menschen zusammen kommen. Tja, liebes eventim. Das werden dann verdammt kleine Konzerte. Ade Festivals und große Fussballveranstaltungen…

Traurige Tatsache ist: Die Menschen sind am Ende. Wir brauchen Perspektiven, Hoffnung und Normalität. Wir brauchen endlich einen Plan. Seit einem Jahr lautet die einzige zugelassene Devise: „Wir bleiben Zuhause.“ Wie lange noch? In unseren leeren Innenstädten wird das Sterben schon sichtbar. Und den meisten Menschen geht das „Stay home, stay save“ nicht nur auf die Nerven, sondern zunehmend auf die Hüften. Körpernahe Dienstleister warten seit November vergeblich auf zugesagte Hilfen, während Lufthansa, Karstadt und wie sie sonst noch heißen mögen Milliardenhilfen einstecken. Dem Wirtschaftsminister entlockte diese anklagende Aussage einer verzweifelten Unternehmerin neulich bei Frau Illner auf ZDF zunächst nichts als ein sanftes Lächeln. Ich habe die Glotze ausgeschaltet, bevor ich die Antwort des Herrn hören musste.

Unser aller Bodo scheint die Nöte seiner Schäfchen immer wieder gerne mit Füßen zu treten. So verkündete kürzlich bei der Socialmediaplattform „Clubhouse“, dass „ … der Sinn des Lockdowns darin bestehe, die Mobilität der Menschen zu beschränken.“ … Angeblich hat er selber veranlasst, dass die Mobilität der Thüringer auf Basis von Funkzellendaten ausgewertet wird, was jeden Nutzer eines Mobiltelefons betrifft. (Quelle: FB, Thomas L. Kemmerich, FDP) Davon abgesehen bewegt sich in Thüringen gerade gar nichts. Wir verharren im coronalen Dauerkoma. Ein Zustand, der mich schon aus ganz banalen Gründen zunehmend zermürbt.

Und dann sehe ich fast zeitgleich an mehreren an sich unscheinbaren Orten in Gotha das Spruchband: „Bitte denken sie selbst!“

Vielleicht würde genau das schon helfen: Bevor man der Tagesschau oder den Nachrichten von RTL bedingungslosen Glauben schenkt, kann es vielleicht hilfreich sein, kritisch zu hinterfragen und anders lautende Meinungen wertschätzend anzuhören. In diesem Sinne:

Bleiben Sie kritisch, oder wie es so passend geschrieben steht: „Bitte denken sie selbst!“

Herzlichst Pauline

Eine Woche im Februar


Als mein Lieblingswetterfrosch Christian H. aus K. vor etwas mehr als einer Woche eine eisige Wetterlage prognostizierte, entlockte mir diese Ankündigung ein mildes Lächeln. Arktische Kälte? Na und. Es ist Februar, da darf es ruhig mal arktisch werden …

Es begann zu schneien, juchei! Ich habe es schon immer geliebt, meine Fußspuren in frisch gefallenem Schnee zu hinterlassen. Dieser Frieden! Wie schön, dass mein Lieblingskind (fürs Protokoll: Lieblingskind = Singular. Verpönt, aber nicht verboten…) an diesem Wochenende in der Heimat war, um sich vom mütterlichen Sofa aus die Seele streicheln und den Bauch verwöhnen zu lassen. So kam es, dass wir zwei wie damals, als ich noch jung und das Kind noch klein war, mitten in der Nacht durch den fallenden Schnee spazierten. Es war stürmisch und Frau Holle war wohl in besonderer Stimmung, denn sie schüttelte die Betten mit einem Schwung, den frau in unseren Breiten schon gar nicht mehr kannte. Wenn es schneit, dann ist mir immer, als wird die Welt mit einem besonderen Frieden berieselt. So war es auch in dieser Nacht. Es war so still, dass ich meinte, den Schnee fallen zu hören. Wir tanzten durch die Nacht, fingen wie die Kinder die Schneeflocken ein und fühlten diesen Frieden auch in uns. Das innere Kind war frei…

Im trüben Licht des nächsten Tages war der Schneefall schon nicht mehr ganz so heilig. Frau Holle schien nachzuholen, was sie in den letzten zehn Jahren versäumt hatte. Denn es schneite ohne Pause. Mit dem ersten fühlbaren Ergebnis, dass die Bahn – zuverlässig wie sie nun mal auf Schnee reagiert – den Betrieb einstellte. Man wolle die Passagiere nicht der Gefahr einer Evakuierung aussetzen. Nun ja …        

An Heimkommen war für das Lieblingskind nicht zu denken.

Wir machten es uns dick eingemummelt mit einem Glühwein auf dem Balkon gemütlich und sahen dem Schneetreiben zu.

Montag. Es schneite noch immer. Frau Holle hatte immerhin zehn Jahre ordentlichen Hausputz nachzuholen. Häuser, Bäume und Autos schlummerten unter einer dicken weißen Decke und da, wo Straßen sein müssten, war nichts als weißer Frieden. Traumhaft schön eigentlich, wäre da nicht die klitzekleine Tatsache, dass es sich um einen gewöhnlichen Montag handelte und der gewissenhafte Deutsche seiner systemrelevanten Tätigkeit nachgehen müsste.

Systemrelevant wurde in dieser Woche auf eine Berufsgruppe reduziert: Den Winterdienst.

Und während wir am Montag noch vollstes Verständnis dafür hatten, dass der Winterdienst zunächst alle Schaufeln voll mit der Räumung der Autobahnen zu tun hatte, kamen mir am Dienstag schon erste Zweifel an der Existenz dieser Berufsgruppe. Gibt es den Winterdienst eigentlich noch? Ich weiß nicht, in wie weit diese Frage schon wieder ketzerisch verstanden werden könnte, aber Deutschland versagt ja gerne auf ganzer Linie, wenn es um systemrelevante Berufsgruppen geht. Man sieht es am Pflegedienst, dessen Systemrelevanz ganz plötzlich zum Thema wurde, als ein Virus um sich griff.

Der Winterdienst hatte zugegebenermaßen in den letzten Jahren nicht besonders viel zu tun. Vielleicht hat irgendein findiger Politiker ja irgendwann den Geistesblitz gehabt, diese Berufsgruppe wegzurationalisieren und eingesparte Gelder in andere Taschen fließen zu lassen.  Vielleicht mussten irgendwelche Diäten erhöht werden?

Dem Universum sei es gedankt, dass die Deutsche Bahn an diesem Montag dem Winter trotzte und es schaffte, einen ICE von Berlin aus in Richtung Rhein zu schicken. Dieser eine Zug hielt an allen möglichen und unmöglichen Bahnhöfen. Auch am peinlichsten, den die Bahn sich leistet, nämlich in Gotha. Und während nirgends sonst noch Straßenbahnen fuhren, dankte ich still jenen Menschen, die trotz bewiesener Unwirtschaftlichkeit den Betrieb der Thüringer Wald- und Straßenbahn aufrecht erhalten haben. Die Züge mögen noch aus tiefen DDR- Zeiten stammen und vermitteln den Eindruck, von den Aktivisten Honeckers aus einem Stück gefeilt worden zu sein, aber diese Bahn trotzte der Witterung! Die alten Tatrazüge schnallten sich einen Schneepflug vorne dran und ratterten zuverlässig vom Hauptbahnhof Gotha bis ins tief verschneite Bad Tabarz. Der rettende Winterdienst war wahrscheinlich irgendwo vom Winde verweht, mein Auto hoffnungslos eingeschneit, aber die Bahn, die fuhr …

… Bis zu der Kreuzung direkt vor unserer Tür. Dort musste sie sich in jener Stunde den Schneemassen geschlagen geben, als wir zum Hauptbahnhof aufbrechen wollten.

So kam es, dass zwei Mädels mal wieder im frisch gefallenen Schnee unterwegs waren. Wir wanderten an diesem Montag mit roten Backen durch hüfttiefen Schnee. Wir sahen liegen gebliebene LKWs und kaum fahrenden Autos. Uns begegnete kein einziges Räumfahrzeug, aber mehrere todesmutige Krankenschwestern, die auf dem Weg in die nahe Klinik zu ihrem systemrelevanten Arbeitsplatz waren.

Uns saß die Zeit im Nacken, denn der einzige Fernzug würde nicht auf uns warten, nur weil unsere Fellstiefel in den Schneemassen stecken blieben. Aber wir hatten Glück, denn die Abfahrtszeit des Rettungszuges verzögerte sich bei jedem Blick auf die App der Bahn und so kamen wir früh genug am Weltbahnhof Gotha an, um uns noch mit einem süffigen Heißgetränk aus der vorsorglich eingepackten Thermoskanne aufzuwärmen. Das Kind landete sicher irgendwann an diesem Abend im wenig verschneiten RLP.

Die Nachrichten hatten in dieser Woche endlich mal ein anderes Thema und das hieß: Horrorwinter. Und ich kam wieder einmal nicht um die Frage herum, was aus objektiver Berichterstattung geworden ist? Ist es wirklich notwendig, jede Nachricht mit möglichst dramatischen Adjektiven aufzupeppen, damit der Ottonormalbürger sich dafür interessiert? Es ist Februar, da war es schon immer mal sehr kalt. Die Nachrichten berichteten ausführlich von diesem schrecklichen Wintereinbruch und zeigten kilometerlange Staus auf deutschen Autobahnen, auf denen flächendeckend nichts mehr ging. Und ich kam angesichts der gestrandeten Autoschlangen nicht um die Überlegung herum, was wohl passiert, falls es zu einem solchen Wintereinbruch kommt, wenn die Welt voll von den ach so umweltfreundlichen Elektoautos ist? Denen würde vermutlich ganz schnell der Saft …ähm … die Batterie ausgehen. Ich hoffe sehr, Gretchen und ihre Jünger tüfteln im stillen Kämmerlein bereits an einer umweltfreundlichen Lösung für dieses Dilemma.

Am nächsten Tag musste ich meine Feuertaufe über verschneewehte Bundesstraßen in Richtung meines nicht besonders systemrelevanten Arbeitsplatzes bestehen, was übrigens auch an Tag Drei des Wintereinbruches noch immer eine enorme Herausforderung darstellte. Der Winterdienst …

Wo Gotha sich bei unaufgeregter Wetterlage drei Spuren einer Straße gönnt, teilen sich Hartgesottene wie ich derzeit eine dick vereiste Spur … Zur Ehrenrettung des unsichtbaren Winterdienstes sei erwähnt, dass die Fahrt über Land nicht lebensbedrohlicher war, als an anderen Tagen, denn die Straßen waren frei.

Im Kleinstädtchen LSZ erwartete mich eine lobenswerte Überraschung: Hier war die Feuerwehr damit beschäftigt, die Kreuzungen von Schnee und Eis zu befreien und den Verantwortlichen in anderen Städten zu zeigen: Es geht doch!

Angesichts des weißen Lockdowns in Thüringen geriet die Meldung des Tages fast in den Hintergrund, dass Mama Mergl und ihre Jünger den anderen Lockdown bis weit in den März hinein verlängert haben. Die Überraschung daran war für mich, dass dies bereits mittags gesendet wurde, obwohl sich die Jungs und Mädels um Muddi Mergls Tisch erst nachmittags zur Tagung trafen.

Ich bin kein Schelm und will mir nichts Böses dabei denken.

Ich will nicht an die bemützte und FFP2 Maske tragende vermutlich junge Frau denken, die mir neulich auf menschenleerer Straße begegnet ist. Denn dann würde ich verzweifeln bei der Vorstellung, dass unsere Zukunft nach dem Willen unserer Regierung genau so aussieht: Menschen, die jeden Ausdruck, jede Mimik und jede Regung hinter Masken verstecken. Willkommen in der Welt der Schnabeltiere …

Dann stellte eine liebe Kollegin eine große Schüssel voller Pfannkuchen auf den Tisch und mir wurde traurig bewusst, dass Weiberfasching war. Ich bin nie ein großer Faschingsfan gewesen. Aber Karneval war nun mal die Jahreszeit, der frau sich nie entziehen konnte. Die Narren waren los. Wie lange ist es her, dass unsere Welt fröhlich war?

Es sind traurige Gedanken, die zunehmend meinen Tag bestimmen.

Und dann stehe ich bei strahlend blauem Himmel an einer der vielen Talsperren in meiner Heimat und betrachte glücklich das Schauspiel, dass Mutter Natur jedem bietet, der den Hintern vom heimischen Sofa kriegt und raus geht: Durch die zahlreichen Felswände im Thüringer Wald drückt zu jeder Jahreszeit das Grundwasser. Und eben jenes bildet bei der derzeitigen Wetterlage fantasievolle Eisformationen. Meterlange Eiszapfen hängen oder stehen überall am Berg herum.

Das Leben ist schön. Punkt

Geschichten aus dem Nähkästchen, die Vierte


… Winter ist gar nicht so neu und doch schafft er es alle paar Jahre mal wieder, uns zu verblüffen. Mutter Natur sitzt vielleicht am längsten Hebel.

Ich habe im Nähkästchen gekramt, und diese Geschichte gefunden, die ich in irgendeinem Winter für den „Oscar am Freitag“ schreiben durfte:

Winterdienst im Winterschlaf

Selbst militant gläubige Erderwärmungsfanatiker kommen in diesen Tagen nicht umhin zu bemerken, dass es Winter ist in Thüringen. Guter alter Winter, wie man seit  Menschengedenken im Januar erwarten kann.

Wie leider zu befürchten war, hält der städtische Winterdienst auch in diesem Januar offenbar ausgedehnten Winterschlaf. Oder fiel er etwa wegen der Erderwärmungsprognosen sozusagen schon vorsorglich irgendwelchen Sparmaßnahmen zum Opfer und wurde einfach wegrationalisiert?

Ich persönlich bin ja ein Freund der weißen Pracht, was mir regelmäßig hochgezogene Augenbrauen und missbilligendes Kopfschütteln seitens meiner Umwelt beschert. Mein allwissender Lieblingswetterfrosch Christian H. hat ja schon seit Tagen einsetzenden Schneefall und arktische Temperaturen vorhergesagt. Ein Umstand, der mich veranlasst hat, Kleider und schöne Schuhe vorläufig in die Tiefen meiner Schränke zu verbannen und stattdessen auf ausgelatschte Jeans und ordentlich befellte Yetistiefel umzusteigen. Zusammen mit der fetten Daunenjacke fühle ich mich wie Michelinfrau persönlich. Aber was solls? Alle anderen sehen genau so aus. Von Blondi mal abgesehen. Wie schafft sie es nur, auch bei diesem Wetter seidenstrumpfig und in schicken Kleidern unterwegs zu sein, ohne Frostschäden davonzutragen?

Als neulich der Schnee unaufhörlich zu fallen begann, steckte ich mitten in der Arbeit. Bedauernd hob ich von Zeit zu Zeit meine rote Frostnase aus dem fetten Rollkragen und wünschte mir, ich könnte hinaus auf die stillen Straßen, um im frisch gefallenen Schnee spazieren zu gehen. Babsi ermahnte mich rüde, ich möge von meiner nostalgischen Wolke herunterkommen, wo offenbar jeder mit Bommelmütze und roten Backen Schlitten fahre und stattdessen an die armen Menschen denken, die in diesen Stunden auf verschneiten und vermutlich ungeräumten Straßen unterwegs waren. Ich gab ihr seufzend Recht und tröstete mich mit dem Gedanken, dass ich auf dem Heimweg noch ausgiebig Gelegenheit für meinen Winterspaziergang haben würde.

Vorfreudige Stunden später packte ich mich in die Schichten meines Michelinfraukostüms und marschierte los. Die Freude auf den Winterspaziergang wandelte sich binnen kürzester Zeit in echte Herausforderung: Es schneite so sehr, als wolle Frau Holle die Flocken eines ganzen Winters an einem einzigen Tag auf uns schütteln. Straße und Wege waren von einer dicken weißen Decke verhüllt. Räumdienst Fehlanzeige. Seufzend zog ich meine Bommelmütze tiefer in die Stirn und stapfte weiter. Einsam zog ich meine Spur durch den unberührten Schnee. Mir begegnete zu dieser späten Stunde keine Fußgängerseele. Dafür ganze sechs wahnwitzige Autofahrer, die nicht drum herum gekommen waren, sich bei diesem Wetter auf die Straße zu begeben.

Fünf von diesen sechs Autos haben angehalten und mir ihre Hilfe angeboten!

Ein Umstand, der mich rührte, denn mir schien es, dass diese Autofahrer viel mehr Hilfe nötig hatten als ich. Und doch ließen sie mich in dieser verschneiten Nacht nicht im Schneegestöber stehen und ich kam sicher nach Hause.

Dasselbe hoffe ich für all Jene, die in diesen Tagen nicht so wie ich ihre Autos stehenlassen können und sich täglich aufs Neue auf den Winterdienst verlassen müssen, der doch bitte irgendwann und vielleicht noch vor Beginn des nächsten Frühjahrs aus seinem Winterschlaf erwachen möge.

(aus Provinzgeschnatter 2013)

Geschichten aus dem Nähkästchen, die Dritte


Bestellt und nicht abgeholt

Mehr aus langer Weile schaute ich noch immer ab und zu auf der online Plattform vorbei, wo sich angeblich alle elf Minuten ein Single verliebt. Immerhin bezahlte ich für die fragwürdige Mitgliedschaft auf diesem Portal. Zynisch überlegte ich, was denn wohl der zweite Single tat, während sich Single Nr. Eins verliebte?

Ich hatte mal wieder ein Date. Eines von der halbherzigen Sorte. Ich fand ein Date an einem gewöhnlichen Samstag um dreizehn Uhr vollkommen ungefährlich. Mittags um Eins ist definitiv keine Zeit, in der romantische Gedanken aufkommen.

Er war ein nicht ganz uninteressanter, einigermaßen gut aussehender Mann passenden Alters, der ganze Sätze mit Subjekt, Prädikat und Objekt zu schreiben in der Lage war. Und die hatten sogar noch Sinn. Er passte also perfekt in mein Beuteschema. Ich kannte Alter, Beziehungsstatus und seinen Beruf: Er war Ingenieur  und justierte bei N3 allen Ernstes Flugzeugtriebwerke. Vielleicht war dieser Beruf der Grund, warum ich ihn kennenlernen wollte. Denn das Justieren von Düsentriebwerken war unter uns Mädels ein geflügeltes Wort und umschrieb unausführbare Tätigkeiten. Und nun erfuhr ich, dass es tatsächlich eines Hochschulabschlusses bedarf, um Triebwerke justieren zu dürfen.

Kinner nee…

Lars und ich waren in Erfurts Innenstadt direkt am ClamottenAugust verabredet. Meine punktuell auftretende Freude auf den Düsentriebwerker erhielt allein wegen dieses Treffpunktes einen herben Dämpfer. Wollte der Kerl mich ernsthaft mit einer Shoppingtour bei C&A beeindrucken? Meine Stimmung wurde nicht besser, als ich die vorbeieilenden Menschen betrachtete. Die wenigsten sahen fröhlich aus, viel häufiger sah ich in genervte oder teilnahmslose Gesichter. Ich fühlte mich unangenehm an ein ähnliches Erlebnis erinnert. Auch damals war ich mit einem Mann verabredet und beobachtete die vorbeilaufenden Menschen, während ich wartete. Diese Begenung sollte der Beginn der intensivsten Zeit meines Lebens werden. Mein Herz hatte gelacht und meine Seele war geflogen. Vom folgenden Absturz hatte ich mich noch nicht ganz erholt. Manchmal hatte ich immer noch das Gefühl, zu fallen. Wollte ich mir das wirklich erneut antun? Ich zwang mein Hirn zu anderen Gedanken. Die Gefahr, dass sich das Erlebnis von damals wiederholte, tendierte gegen Null. Selbst wenn frau offen für große Gefühle ist, begegnet ihr die große Liebe eher selten. Ich hatte nichts zu befürchten. Zur Flucht war es sowieso zu spät. Ein Mann steuerte direkt auf mich zu. Mittelgroß. Schlank. Grauer Wollmantel, dunkler Schal. Nettes Gesicht. Lars schüttelte mir freundlich die Hand, bevor er meinen Arm nahm und mich galant in das kleine Lokal in unmittelbarer Nähe des C&A führte: „Ich habe mir erlaubt, einen Tisch im „Mathildas“ für uns zu reservieren. Ich hoffe, das ist in Ordnung?“ fragte er höflich. Ich nickte gnädig, obwohl ein Restaurantbesuch definitiv nicht auf meiner Liste für Erste Dates stand. Es konnte ziemlich unangenehm werden, falls sich herausstellte, dass man sich nicht mochte, während das Essen noch auf dem Teller dampfte.

Lars merkte nichts von meinen ambivalenten Überlegungen und erzählte von sich. Allmählich fiel die Anspannung von mir ab und ich beschloss, mich auf mein Gegenüber einzulassen. Er war nett und ziemlich ernst. Jedenfalls lachte nur ich, als ich ein Anekdötchen aus meinem Leben zum Besten gab. Ich beschloss also, von komischen Themen vorerst Abstand zu nehmen.

Das Essen war köstlich und wir plauderten entspannt. Als vollendeter Kavalier bestand Lars darauf, die Rechnung zu übernehmen und sagte: „Es war so schön mit dir und ich möchte das ungern jetzt schon beenden.“ „Wow!“, dachte ich. „Der scheint wirklich interessiert zu sein.“ Und weil auch ich seine Gesellschaft genossen hatte, besuchten wir gemeinsam eine Ausstellung, bevor er vorschlug, den Abend in Jena zu verbringen. Wir düsten in seinem Luxusschlitten in die Studentenstadt, das Radio bis zum Anschlag  aufgedreht und aus vollem Hals mitsingend. Ich kaufte Karten für die Vorstellung von „Queen“ im Planetarium und tingelten im Anschluss noch durch die Innenstadt. Dieses erste Treffen hätte durchaus Anspruch auf das Prädikat „Traumdate“ haben können. Aber mein Herz blieb unberührt. Jenes andere Date, dass an einem Brunnen begonnen und mich irgendwann auch nach Jena geführt hatte, lag nicht lange genug zurück, um mich unvorsichtig werden zu lassen.

Lars und ich blieben dennoch in lockerem Kontakt und verabredeten uns kurze Zeit später erneut. Wieder hatte er ein besonderes Restaurant ausgewählt. Selbstverständlich hatte ich nie von dieser Location gehört und entsprechend keine Ahnung, wo es sich befand. „Macht nichts!“, dachte ich, wozu gab es Google & Co.KG? Ich recherchierte und entdeckte das fragliche Restaurant in Erfurts Bahnhofstraße. Zehn Minuten vor der verabredeten Zeit stand ich vor der Tür. Zwanzig Minuten später stand ich noch immer dort. Das Lokal war geschlossen und von Lars keine Spur. Was war hier los? Der gewissenhafte Lars machte auf mich nicht den Eindruck eines Mannes, dem ein solcher Fehler unterlaufen würde. Ich recherchierte erneut und erschrak: In Erfurts Innenstadt gab es dieses Restaurant zwei Mal! Mit fliegenden Fingern tippte ich die Nummer von Lars in mein Handy, doch ich erreichte ihn nicht. Also nahm ich die Beine in die Hand und flitzte von einem Ende der Innenstadt zum anderen, so schnell mich meine hohen Schuhe tragen konnten. Ich erreichte den Ort des Geschehens zehn Minuten später. Kein Lars. Aber im Lokal erwartete mich ein romantisch gedeckter Zweiertisch. Die Kerzen brannten noch. Auf dickem Büttenpapier stand sein Name… Aber wo war Lars? Das Telefon schien ausgeschaltet zu sein.

Ich hatte mein Auto schon fast erreicht, als er endlich anrief. Ich berichtete atemlos von meinem faux pas und bat ihn, zum Restaurant zurück zu kommen. Doch Lars war nicht mehr in Stimmung. Schließlich hatte er zehn Minuten vergeblich auf mich gewartet und war nun fast wieder zu Hause. Ich aber auch. Erklärungsversuche meinerseits waren so erfolglos wie geknickte Entschuldigungen. Diesen viel versprechenden Traummann musste ich nicht einmal küssen, bevor er zum Lurch wurde. Er verschwand ohne weitere Worte im nächsten Tümpel und ward nie mehr gesehen.

(Aus „Die Reise zu mir selbst“ 2016, Erscheinungstermin: Frühjahr 2021)