Dreißig Tage Urlaub


Unvergesslich reisen, aber wie?

Es war ein furchtbar heißer Tag im Juli 2015 und ich war nur einer von ungezählten Pauschaltouristen, die am heißen Strand von Side in der Sonne der nächsten Mahlzeit am AI Buffet entgegen dösten.
Als ich mich matt von meiner Liege erhob, um Ausschau nach meinem Lieblingskind zu halten, dass vermutlich vergeblich nach Abkühlung im viel zu warmen Mittelmeer suchte, bot sich mir ein verwirrendes Bild: Am Ufer verstreut lagen unzählige Schuhpaare und die dazugehörigen Köpfe trieben auf dem Meer…
Dankenswerterweise war das nicht etwa das grausame Szenario von den Überlebenden einer Schiffskatastrophe oder nach einem Flugzeugabsturz. Nein, ich befürchte, dass dies der Alltag in den Touristenburgen für Pauschalurlauber fernab von Land und Leuten ist. Man döst in der Sonne und rafft sich vielleicht zu dem einen oder anderen Tagesausflug auf. Meistens jedoch wird der AI- Tourist nur dann wirklich beweglich, wenn die nächste Mahlzeit ansteht. Selbstverständlich ist diese Art von Urlaub völlig in Ordnung, aber mir wurde in diesem denkwürdigen Moment schlagartig klar, dass ich so nie mehr Urlaub machen wollte.

Ich bin gerne unterwegs, aber mir war immer klar, dass es einer gewissen Unabhängigkeit bedarf, um individuell reisen zu können. Und die beginnt leider schon im Geldbeutel. Nicht jeder ist mit dem sagenhaften Silberlöffel im Mund geboren worden und die meisten von uns sind nicht beim richtigen Arbeitgeber beschäftigt, um ein Sabbatical aushandeln zu können. Auch kraxelt es sich mit einem Kind im Rucksack nur bedingt leicht an den Felsen von Etretat.

Natürlich faszinieren mich die Berichte von Menschen, die alle Zelte hinter sich abgebrochen und jahrelang auf eigene Faust die Welt entdeckt haben. Aber für mich wäre das nichts. Zum Einen, weil ich meine Scholle liebe und zum Anderen hält mich trotz aller Neugier am Weltenbummeln hier zu viel, dass ich nicht aufgeben mag. Alles hinter sich zu lassen, hat aus meiner Sicht viel mit Flucht zu tun und mich beschleicht der Gedanke, dass das, wovor ich flüchten würde, trotzdem immer mitreisen würde.

Work and Travel wäre genau mein Ding, aber aus dem Alter bin ich leider raus. Meine beste Zeit als Rucksacktouristin war auch eine andere.

Motorradreisende finde ich persönlich besonders interessant, weil sie auch noch verwegen aussehen. Allerdings sehe ich mich keinesfalls als taffe Bikerbraut und erst recht nicht als klammerndes Gepäckstück. Fahrrad? Mal davon abgesehen, dass es mit diesem Fortbewegungsmittel ziemlich langsam voran geht, erscheint mir diese Art von Reisen ein bisschen zu minimalistisch.

Bleibt die Idee mit dem Camper. Auf diese Weise ist frau mobil und unabhängig und das mit dem Luxus eines eigenen Bettes.

So kam über einige Umwege ein schicker Camper namens Paulchen Camper in unseren Dienst und dies sind seine Eindrücke von unterwegs. Sie spiegeln ausschließlich meine Wahrnehmung von der Welt und haben keinerlei Anspruch auf Allgemeingültigkeit.

Wenn ich mich an frühere Urlaubsplanungen erinnere, so waren da neben dem bereits beschriebenen Dilemma um die beste Art zu reisen vor allem sehr kurze Zeitfenster zu bedenken, in denen ich Urlaub nehmen durfte. Denn als ich unabhängig genug war, um unabhängig zu reisen, stand mir mit schöner Regelmäßigkeit der Personalschlüssel vom grünen H im Weg, der Urlaub von mehr als zwei Wochen bereits im Vorfeld zum Traumurlaub machte.

Manchmal fügen die Dinge sich …

Das grüne H ist Vergangenheit und in diesem Jahr hielt ich einen genehmigten Urlaubsschein über 30 – dreißig – Tage Urlaub in der Hand.

Was würde ich damit alles anfangen können? Was würde ich damit anfangen?

Seit MC die männliche Hauptrolle im Film meines Lebens inne hat, stellen sich derlei Fragen nicht wirklich. MC hat kurzerhand Paulchen Penner in unser Team aufgenommen und den Rest haben wir von Wetter und den derzeit gültigen äußeren Umständen abhängig gemacht. Wir beschlossen, die französische Atlantikküste entlang des Ärmelkanals zu erkunden und brachen in den letzten Augusttagen in Richtung Normandie auf.

Wenn es beim Reisen überhaupt irgendwelche negativen Momente gibt, dann ist es der ewig lange Weg zum Ausgangspunkt der eigentlichen Entdeckungstour. Auch wir tuckerten knapp tausend Kilometer über endlose Autobahnen. Weder Holland noch Belgien interessierten sich für das Reinlichkeitszertifikat, das meinen Infektionsstatus dokumentierte. Wir gelangten unbehelligt über beide Grenzen und entschieden uns dafür, die erste Nacht mit Paulchen dem Camper auf einem Autobahnparkplatz irgendwo in Belgien zu verbringen…

In diesem Zuhause auf Rädern kann frau es sich richtig kuschelig machen, egal wo es gerade steht und so war es auch in dieser kühlen Nacht irgendwo in Belgien, bis …

… ich mitten in der Nacht von wüsten Schreien und Geräuschen geweckt wurde, die sehr nach Schlägerei klagen. Der Typ in meinem Leben schlief neben mir tief und traumlos, während ich überlegte, was die Kerle da draußen mitten in der Nacht so geräuschvoll zu klären hatten.

Ich werde es vermutlich nie erfahren, denn ich bin wieder eingeschlafen um gefühlte Minuten später von laut kichernden Frauenstimmen erneut geweckt zu werden. Es war eine Nacht mitten in der Woche. Mussten die Belgier nicht am nächsten Tag wie alle anderen auch zur Arbeit? Während ich noch darüber nachdachte, fiel mir wieder das weiße Auto ein, dass etwa zeitgleich mit uns auf dem Parkplatz angekommen war. Zwei junge Frauen saßen darin. Als es weg fuhr, war die Beifahrerin weg … War ich in dieser Nacht etwa unfreiwillige Zeugin einer Schicht im horizontalen …

Lassen wir das.

Die Nacht ging ohne weitere Zwischenfälle zu Ende und im Licht des Morgens ertippten wir unser Ziel des Tages großzügig mit dem Finger auf der Landkarte: Le Treport


Ich war atemlos vor Staunen. Hingerissen. Ehrfürchtig? Demütig?


Es sind gigantische Kreidefelsen, die das Festland von der Küste trennen. Sandstrand? Keine Spur. Aber das macht gar nichts. Die Steine sind von den Wellen glatt und rund gewaschen. Es ist wunderschön, hier zu sein. Wir sind stundenlang staunend am Strand entlang gelaufen, haben wunderschöne Steine in seltsamen Formen und mit geheimnisvollen Einschlüssen gesammelt und die Klippen ehrfürchtig bewundert.
Unser Traum vom Aufwachen mit Blick aufs Meer und Kaffee in der Hand ist leider geplatzt. Das freie Campen ist entlang der gesamten französischen Atlantikküste streng verboten, was angesichts der Verschmutzung, die zweifelsfrei manchen Reisenden zuzuordnen ist, verständlich erscheint. Andererseits musste ich gestehen, dass ich mich nach zwei Tagen nach einer Dusche sehnte. Ich glaube, dass ich weit davon entfernt bin, eine Tussi zu sein. Aber nach zwei Tagen fühlte ich mich ein bisschen wie etwas, was man aus dem Müll gezogen hat. Vielleicht roch ich auch so? Unverschämterweise packte der Typ in meinem Leben in diesem Moment den Akkurasierer aus und nahm seinem Aussehen in Null Komma Nix das Verlotterte. Da hört doch alles auf!

Paulchen Penner parkten wir kurze Zeit später nahe der winzigen Ortschaft Flamanville.
Dieser Campingplatz war besonders. Ohne im Geringsten besonders zu sein. Paulchen Penner parkte auf einem Anwesen mit Herrenhaus, dass sich Campingplatz nennt. Außer uns und einem belgischen Dauercamperpaar gab es dort nur Madame und Monsieur. Um uns herum himmlische Ruhe und ein paar Kühe. Die sanitären Anlagen sind nix für feine Frauen, aber die Herzlichkeit, mit der wir hier aufgenommen worden sind, hat mich sehr berührt. Unser französisch beschränkt sich auf die wichtigsten Umgangsformen und auf dem Herrensitz spricht keiner ein Wort deutsch oder englisch, aber die Handvoll frisches Obst, dass mir Madame statt viel Geschwätz in die Hände gelegt hat, braucht auch keine Sprache. Der kleine Ort hier erinnert ein bisschen an das Drovers Run von Mc Leods Töchtern, außer unendlichen Weiden und ab und an mal einem Häuschen gibt es hier nix. Überhaupt erscheint mir die Normandie sehr ländlich. Man kommt an endlosen Rinderweiden oder riesigen Mais- oder Kohlfeldern vorbei. Die Ortschaften sind verschlafen, die Häuser aus grauen gehauenen Steinen und die Kirchen riesig.

Am nächsten Morgen weckte uns die Sonne und ich erlebte eine Lektion von Achtsamkeitstraining, als ich barfuß im taufeuchten Gras spazieren ging.

Kinner nee!

An diesem Tag eroberten wir Etretàt, genauer gesagt, eroberte der Ort uns… Die Kulisse der mächtigen Kreidefelsformationen ist so beeindruckend, das mir die Worte gefehlt haben, dafür ein paar Tränchen gerollt sind. Die gigantischen Klippen rahmen die kleine Gemeinde Etretàt ein. Wir haben den sonnigen Tag genutzt, um die Felsen zu besteigen. Felsen Nummer Eins ist der mit dem ausgewaschenen Teil, der wir ein Tunnel aussieht. Es war gigantisch, diese Laune der Natur von ganz oben zu betrachten. Die scharfen Kanten der Felsen zeugen von dauernden Abbrüchen der Felsen und flößten uns großen Respekt ein. Ein Schritt zu weit…
Felsen Nummer Zwei ist fast schwerer zu erklimmen und das obwohl da oben ein Kirchlein auf Besucher wartet. Wir waren neugierig auf das, was im Gelände hinter der Kirche verborgen war. Und das war wirklich atemberaubend! Es waren sogar Stufen in die Klippen gehauen und wir überlegten nicht lange, ob die ollen Knochen oder falsches Schuhwerk den Abstieg behindern könnten. Es gibt Situationen im Leben, da macht frau einfach. Über denkwürdige Stufen und halsbrecherische Absätze gelangten wir auf die andere Seite der Felsen. Uns erschloss sich eine atemberaubende Landschaft, die man nur entdeckt, wenn frau die ausgetretenen touristischen Pfade verlässt. Es war eine der Situationen, in denen ich die Entscheidung, an diesem Tag auf meine Wanderschuhe zu verzichten, wirklich bereut habe. Meine ausgelatschten Birkenstöcke waren nicht das geeignete Schuhwerk, um im felsigen Morast, den die Ebbe zurückgelassen hatte, unterhalb der Klippen weiter zu wandern.

Rouen, an der Seine gelegen. Hauptstadt der Normandie, Stadt der Kathedralen. Der Ort, an den Jeanne d’Arc, vielen besser bekannt als Johanna von Orléon und von OMD besungen als Maid of Orléons, am 30.5.1431 auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden ist. Sie wurde später heilig gesprochen und wird bis heute als Nationalheldin verehrt. Die Stadt mit ihrem mittelalterlichen Stadtkern soll eine Augenweide sein. Kein Wunder, dass sie auf unserer „Unbedingt zu besuchen“ Liste ganz oben stand und wir uns neugierig ins Getümmel geworfen haben.

Nun ja…

Unbestritten ist der mittelalterliche Stadtkern mit den vielen, teils windschiefen Fachwerkhäusern wunderschön und sehr sehenswert. Aber dort hin zu gelangen, entpuppte sich leider als die Herausforderung des Tages. Ungezählte Fahrzeuge schlängelten sich im Schneckentempo durch engste Sträßchen, Parkplatz Fehlanzeige. Nach gut einer Stunde entnervender Suche fanden wir schließlich ein Plätzchen in einem Parkhaus, dass nach deutschen DIN-A-schieß-mich-tot-Normen längst zur Todesfalle erklärt worden wäre. MC schlängelte sich mit einer Grazie aus der fast geschlossenen Autotür, die seinem Ärger über angebliche Überpfündchen Lügen strafte. Denn dick darf man in diesem Gruselkabinett nicht sein…

Sei es drum…

Wir marschierten frohen Mutes ins Städtchen und bestaunten Kathedralen, Kirchen und uralte Häuschen.
Bestimmt liegt es an uns, das uns all die umher wuselnden Menschen zu viel, zu laut und zu schnell erschienen. Da war keine Beschaulichkeit, keine Sekunde, um zu verweilen …
Es war nur das Tüpfelchen auf dem i, dass Restaurants, Museen und Türme in der Stadt einen Pass sanitaire verlangen, bevor sie Einlass gewähren. Nun ja, das Eclaire vernaschte sich im Sonnenschein sehr entspannt und MC und meine Wenigkeit ziehen selbst Gegrilltes in Jogginghosen am Campinggrill jederzeit einem Restaurant mit Anstandsregeln vor. Rouen ist bestimmt ein hübsches altes Städtchen mit mittelalterlichem Charme, ich jedoch fragte mich angesichts der verschmutzen Parks und verstopften Straßen, was aus der französischen Leichtigkeit geworden ist? Mir wurde in den leichten Tagen dieses Urlaubs schmerzhaft bewusst, dass Frankreich einen Teil seiner Leichtigkeit gegen den allgegenwärtigen Pass Sanitaire eingetauscht zu haben scheint. Daran ändern auch die zahlreichen Demonstrationen gegen all die Maßregelungen bezüglich des bösen C nichts. Frankreich geht mit Corona scheinbar noch wesentlich unentspannter um, als ich es von Zuhause kenne. Ich werde nie verstehen, warum Menschen an leeren Stränden ihre Atemluft mittels Maske filtern. Aber so ist es…

Fast ein bisschen wehmütig haben wir unsere Zelte bei Madame und Monsieur abgebrochen und sind 150 km weiter südlich nach Courseulles- sur-mer gezogen. Ich muss gestehen, dass ich nach den feinen Tagen auf dem Herrensitz ein bisschen geschockt von dieser Gegend war. Der Campingplatz ist direkt am Meer gelegen. Leider empfingen uns verdreckte Toiletten und schmutzige Strände. Monströse Sch… Haufen von großen Hunden mitten im Weg…
Dem gegenüber auch auf dem Campingplatz die verpflichtende Vorlage vom Pass Sanitaire, sollte man den keimigen Campingplatzkiosk betreten wollen… Hygiene also nur, wenn es um das böse C geht. Ich war frustriert…
Der Sonnenuntergang auf der Höhe der Flut versöhnte mich mit den äußeren Umständen und ich schlief mit der Hoffnung ein, dass der neue Tag neues Glück bedeutet…

Und tatsächlich, der Besuch der sanitären Anlagen im Licht der aufgehenden Sonne ließ hoffen: Was noch nicht sauber war, wurde gerade geputzt. Apropros sanitäre Anlagen: Davon gibt es dankenswerterweise in Frankreich wirklich viele. Aber wer hier heimatliche Standards sucht, wird enttäuscht: Hier gilt: Wer öffentliche Klos aufsucht, rechne bitte weder mit einer Klobrille, noch mit Papier oder gar Seife. Und falls frau in einem Restaurant aufs Örtchen muss, sollte sie immer damit rechnen, dass das Pissoir neben der eigentlichen Toilette unverhüllt alles offenbart, was dort passiert…

Wir verlebten einen traumhaft faulen Tag mit Picknick am Strand. Und als ich mit nackten Füßen durch den warmen Sand geschlendert bin, lagen da überall diese wunderschönen weiß – bis rosafarbenen Jakobsmuscheln herum. Die Wellen ließen sie einfach so im Sand zurück und brachten unbedarfte Zeitgenossen wie mich zu Ausrufen kindlicher Freude. Alle sind so groß wie Handteller und ich glaube, wenn man sie daheim rumliegen hat, sind sie fast schon wieder kitschig. Dabei wollte ich eigentlich den Mädels welche mitbringen…
Die Ebbe ließ den Strand gefühlt minütlich größer werden. Es war eine herrliche Zeit, um einfach nur dumm zu gucken. Während ich gedankenverloren am Strand entlang gelaufen bin, hab ich mich fast verlaufen, weil das Ufer plötzlich so viel weiter weg von unserem Liegeplatz war. Kurz, es war einfach schön.
Aber der schönste Moment in diesen Tagen war der, als MC nachts das Fenster, unter dem wir schlafen, geöffnet hat. Wir hatten freien Blick auf den wolkenlosen Sternenhimmel, der vom Leuchtfeuer des nahen Leuchtturms erhellt worden ist. Geht es romantischer?

Wenn man in der Normandie ist, dann kommt frau nicht drum herum, die Landungsstrände der Alliierten zu besuchen. Jeder weiß, dass am 6. Juni 1944 mit der Operation Overlord die Landung alliierter Streitkräfte in der Normandie begann. In dem kleinen Städtchen Arromanches sieht man die Reste einer schwimmenden Hafenanlage. Die Panik und die Angst der Bewohner waren für mich fast spürbar … Man stelle sich vor, frau wohnt in einem der verspielten Häuschen direkt am Meer und plötzlich tobt vor dem eigenen Fenster eine der erbittertsten Schlachten der Geschichte …
Spätestens am Pointe du Hoc kommt auch eine Frau wie ich nicht mehr drum herum, die strategischen Aspekte des Atlantikwalls zu bemerken. Die Klippen dort könnten gut und gerne hundert Meter hoch sein und bestimmt ist es ausgeklügelten Strategen geschuldet, dass man ausgerechnet an diesem unzugänglichen Küstenabschnitt die Operation Overlord durchgeführt hat… Bis heute ist die Landschaft von ungezählten Bombenkratern rund um die Geschützbunker an dieser Stelle zerklüftet und ich will gar nicht über die ungezählten Seelen nachdenken, die …


Lassen wir das.


An dieser Stelle der Normandie verehrt man bis heute zu Recht die gefallenen Alliierten. Es scheint ein Ritual zu sein, dass an jedem Laternenmast ein Bild mit Namen eines Gefallenen und der Bildüberschrift „Never vorget“ hängt. Um die Kriegsschauplätze herum, haben die Alliierten ihre Toten begraben und die Friedhöfe sind – auch wenn Urlaub ist – Pflicht in unserem Reiseplan.

Der amerikanische Friedhof ist gigantisch, sehr gepflegt und gleicht vermutlich bis ins Detail allen anderen amerikanischen Heldenfriedhöfen. Von einem etwas höher gelegenen Plateau mit einer männlichen Figur, die vielleicht den Sieg über den Krieg darstellen könnte, schaut man über ein rechteckiges Becken mit Seerosen direkt auf ein unendlich großes Feld aus weißen Marmorkreuzen. Dazwischen befindet sich immer mal wieder eine ebenso große Sternenfigur. Beeindruckend. Bedrückend.

Den deutschen Soldatenfriedhof aufzusuchen hatte für uns auch etwas mit Menschlichkeit zu tun. Graue Formationen aus jeweils fünf Steinkreuzen verteilen sich über ein großes Feld und werden fast tröstlich von großen deutschen Eichen beschattet. Auf dem gesamten Feld die grauen Steinplatten mit den Namen der Toten. Das alles überwachen zwei steinerne Figuren von der Mitte des Platzes, auf deren Schultern ein großes Kreuz ruht … Das Kreuz der Schuld, dass Deutschland bis in alle Ewigkeit tragen wird?

Dieser Tag ließ mich bedrückt zurück. All diese jungen Menschen. Getötet in einem sinnlosen Krieg.

Es wurde mal wieder Zeit, die Sachen zusammenzupacken und weiterzuziehen. Darin liegt der Sinn vom Herumstromern. Dennoch gebe ich an dieser Stelle auch zu, dass mir Aufbrüche generell nicht leicht fallen, wenn ich gerade an einem schönen Ort bin. Reisen sind nicht nur Abenteuer, sondern immer auch Aufbrüche ins Ungewisse. Wir entdecken immer wieder wundervolle Orte und landen an verträumten Plätzen, hinter jedem Felsen entfährt uns ein neues glückseliges „Hach!“ Manchmal kann ich all die Fülle gar nicht erfassen und komme mir vor, wie ein Kind unterm Weihnachtsbaum. Wenn wir zu einem weiteren unbekannten Ziel aufbrechen, dann wartet da immer neue Verheißung, neue Glückseligkeit, neues „Mehr“. Und manchmal frage ich mich ehrfürchtig, ob ich all diese Geschenke auch verdient habe? Was ist, wenn der nächste Ort uns enttäuscht? Kann frau schöner Erlebnisse überdrüssig werden?

Noch während ich all diese Gedanken denke, kommen wir am nächsten Ziel an. Saint Benoit des Ondes. Ein Ort direkt am Ufer des Atlantiks. Le Mont Saint Michel ist in der Ferne zu sehen. Hach!“ Wieder so ein wunderbarer Ort. Ich könnte vor Dankbarkeit platzen.

Das Wetter war entgegen allen Vorhersagen wunderbar. Es war Ebbe und der Schlick leuchtete in der Sonne. Wir marschierten los. Allerdings nicht besonders weit, denn der Schlick war zäh und klebrig und erinnert an Beton. Die Menschen, die im Schlick umherwanderten, trugen ausnahmslos Gummistiefel. Und sie hatten Eimer voller Muscheln, die sie vermutlich in einer Weißweinsoße anrichteten und im Sonnenuntergang verspeisen wollten.

Den Rest des Tages träumten wir bei Meeresrauschen im Sonnenschein vor uns hin.

Der nächste Tag war wieder voller „Ah!“ und „Oh!“, als wir Le Mont Saint Michel besucht haben. MC behauptet immer, dass man die schönsten Orte zweimal besucht haben muss, denn beim ersten Mal staunt man nur und beim zweiten Mal schaut man genauer hin. Das mag sein, aber ich finde,dass frau schon beim ersten Mal ganz genau aufpassen muss, weil kein Leben lang genug ist, um jeden wunderbaren Ort dieser Welt zweimal zu sehen. Le Mont Saint Michel haben wir zum zweiten Mal besucht und ich muss zugeben, dass MC Recht hat. Als ich den Berg samt Dörfchen und Kloster zum ersten Mal gesehen habe, war ich einfach verzaubert. Man stelle sich vor: Umgeben vom Atlantik ist da ein Felsen im Wasser, der bis auf den letzten Millimeter von einer Art Festung bebaut ist – was entlang der tosenden französischen Atlantikküste keine Seltenheit ist. Aber dies ist keine Festung. Es ist ein Dorf, in dem weniger als fünfzig Menschen leben. Je weiter man die Felsen hinauf steigt, umso deutlicher wird die eigentliche Bedeutung.

Es war einmal ein Felsen namens Mont Tombe irgendwo im Wald von Scissy. Der galt einst bei den alten Kelten als Zentrum druidischer Rituale. Dann kamen die Christen. Und das Meer. Das Meer vertrieb den Wald und die Christen vertrieben die Kelten. Aus dieser zweifelsohne sehr leidvollen Entwicklung ist etwas Einzigartiges zurückgeblieben:

Das Kloster Le Mont Saint Michel. Der Blick von ganz oben hat etwas Heiliges. Aber anders als bei unserem ersten Besuch schauten wir bei diesem Zweiten sozusagen in die Ecken. Wir erklommen den Weg zur Abtei über schmale Gässchen, entdeckten bezaubernde kleine Gärtchen und sonnenbeschienene verwunschen wirkende Plätzchen, die zum Verweilen einluden. Welt, du bist wunderbar!

Nur am Rande sei bemerkt, dass Le Mont Saint Michel auch die Grenze zwischen der Normandie und der Bretagne bildet.

Unser nächster „Waypoint“ war die alte, von einer hohen Granitmauer umgebene Hafenstadt Saint Malo. Hier hat frau endlose Möglichkeiten, den Tag zu verbringen. Man kann auf der besagten Granitmauer die Stadt umrunden. Zahlreiche Türmchen lassen dennoch die Möglichkeit, entweder in die Stadt zu gehen oder an einem der Strände zu verweilen. Die meisten davon sind ziemlich felsig, aber wir fanden einen mit schönem Sand und einem einzigartigen Schwimmbecken. Dieses wird bei Flut sozusagen gefüllt. Dank der Beckenmauern bleibt das Wasser bei Ebbe im Becken und voilà: Sport frei! Wir nutzten die Ebbe für eine Wanderung zu einer der kleinen Festungsinseln, die nur bei Ebbe zu erreichen sind und ein Picknick inmitten der stillen Natur auf dem Inselchen.

Weil das Wetter so schön war, beschlossen wir, erst einen Tag später als geplant weiterzuziehen und statt dessen Cancale zu erkunden. Und das war einer der Höhepunkte dieser wunderbaren Reise. Cancale ist ein Fischerort, der berühmt für seine Austernbänke ist. Sämtlichen C- Verordnungen zum Trotz sieht man hier an jeder freien Stelle die Menschen sitzen, entweder in den zahlreichen Restaurants, oder so wie wir mit einer köstlichen Flasche französischen Weins und über dem Wasser baumelnden Beinen.

Kinner nee, die Welt ist wunderbar!

Wir genossen den Wein und den Sonnenschein und beobachteten dabei die fleißigen Austernbauern, die mit riesigen Traktoren im Sand umher fuhren und die Austernnetze begutachteten. Austern brauchen zum Wachsen nämlich viel Aufmerksamkeit. Sie lungern vier bis sechs Jahre in ihren Metallnetzen herum, bevor sie erntereif sind. Die schweren Netze müssen regelmäßig gewendet werden, damit die köstlichen Meeresfrüchte sich gut entwickeln können. Der Schließmuskel einer Auster öffnet sie bei Flut. Dann nimmt Frau Auster Plankton aus dem Meerwasser auf, welches die lebenswichtigen Nährstoffe enthält. Geerntete Austern müssen mittels scharfer Messer aufgebrochen werden. Dies ist der Garant für eine lebende Auster.

Wenn man in Cancale weilt, muss frau Austern kosten. Das ist Ehrensache. So kam es, dass zwei ziemlich skeptische Thüringer sich mit einem halben Dutzend verschiedener Austern zu anderen Austernschlürfern an eine gigantische Treppe setten, die zum Meer führt. Wir beträufelten den labberigen Inhalt der geöffneten Austern großzügig mit Zitronensaft und schütteten ihn ins eigene artig geöffnete Schnäuzchen. Dann schmeißt man mit Schmackes die leere Austernschale auf die Treppenstufen zu unseren Füßen, wo sie sich in allerbester Gesellschaft mit Millionen anderer Austernschalen wiederfanden. Man kann sie mögen, frau muss das aber nicht zwingend tun. Die Austernbauern mögen mir vergeben, aber ich kann mit dieser Delikatesse nicht viel anfangen. Wie sie schmecken? Keine Ahnung. Das glibberige Stückchen Irgendwas flutscht sozusagen ungekaut vom Mund in den Magen. MC fand sie köstlich. Ich hielt mich lieber an den Wein und freute mich am Klirren der Austernschalen, wann immer jemand eine davon die Treppe hinunter schmiss.

Wir fuhren weiter die Küste der Bretagne entlang und vorbei an malerischen kleinen Städtchen mit den charakteristischen grausteinernen Häuschen und riesigen Kirchen aus grauem Stein, wo selbst die Kirchtürme gemauert zu sein scheinen. Überhaupt ist Küstenregion am Ärmelkanal eine sehr ländliche, voller Weiden und Felder. Man scheint hier entweder hochherrschaftlich in imposanten Villen oder sehr bescheiden zu leben. Aber egal in welcher Umgebung die Menschen leben, die Landschaft ist atemberaubend. Bizarre Felsformationen werden von tosender Brandung umspült und gleich daneben findet der neugierige Besucher verträumte und von den Felsen geschützte Buchten voll von weißem Sand. Wir gelangten in das winzige Städtchen Plougrescant. Dieses Örtchen ist besonders. Denn es hat die uralte Kirche mit einem furchtbar schiefen Kirchturm, der so aussieht, als hätte man ihm eine spitze Mütze schief aufgesetzt. Plougrescant ist das Städtchen mit dem wunderbaren Campingplatz Le Varlen, der uns nun schon zum zweiten Mal Heimat auf Zeit geboten hat. Hier sind die Menschen besonders freundlich, die große Pinien spenden Schatten und Ruhe und zum Meer gelangt man durch ein blaues Türchen. Von dort aus ist es eine kleine Wanderung vorbei an einsamen Austernbänken und in der Ebbe verlassen herum liegenden Schiffchen nach Le Gouffre, dem Schlund. Hier befindet sich das vermutlich berühmteste Fotomodel der Welt: Das Häuschen, dass sich in die Felsen zu kuscheln scheint. Ich kann das Gefühl nicht beschreiben, was mich erfasste,als ich auf den Klippen stand, während unter mir der Atlantik getobt hat. Aber ich weiß noch genau, welcher Frieden mich erfasst hat, als wir wenige Tage später bei absoluter Ebbe an dergleichen Stelle saßen und bei einem Glas Wein der Sonne beim Untergehen zugeschaut haben.

Kinner nee…

Weiter ging die Fahrt mit Paulchen Camper die bretonische Küste entlang an unseren Sehnsuchtsort Saint Efflam. Und wie damals kullern ein paar Tränchen, weil das Schöne so viel ist, wenn man diese Weite sieht…

Unendlicher weißer Sandstrand und irgendwo weit weg und doch ganz nah der Atlantik. Strandwandern. Muscheln sammeln. Seele baumeln lassen. So fühlt sich angekommen sein für mich an.

Wir verbringen die Tage am Meer, schauen den Wellen zu und sind ganz bei uns. Außer uns kaum Menschen hier.

Absoluter Frieden.

Ich denke in diesen unvergleichlichen Tagen oft an meine liebe Freundin Ms.B, die einst Urlaub mit der großen Liebe ihres Lebens in Saint Efflam gemacht hat und die uns den Weg zur fast vergessenen Quelle des heiligen Efflam verraten hat. Ein bisschen abseits und versteckt hinter Büschen und Bäumen fanden wir den vergessenen Tempel, den ich als besonderes Geschenk von Ms. B empfunden habe.

Ebbe und Flut zu beobachten und zuzuschauen, wie das Meer das Land erobert, hatte für uns in Saint Efflam etwas wunderbar Kindliches. Wir beobachteten die ankommenden Wellen und überlegten lachend, welche davon wohl unsere Füße umspielen würde. Das machten wir ausgelassen so lange, bis die Flut allmählich wieder zur Ebbe wurde.

Leichtigkeit geht so leicht!

Wir erkundeten die Gegend bis zur Landzunge Point de Primel, in der Bucht von Baie de Morlaix und stromerten durch die seltsame alte Stadt Morlaix. Das mittelalterliche Stadtbild wird von einer gigantischen Eisenbahnbrücke durchgeschnitten. Einmal war wir im ebenso mittelalterlich schönen Städtchen Lannion und saßen dort als willkommene Gäste in einem Straßenkaffee. Mir wurde klar, wie anders Urlaub in diesem Jahr ist. Auch, wenn man beschließt, gewisse Dinge nicht groß werden zu lassen…

In Saint Efflam grillten wir allabendlich Leckeres auf dem Grill, denn so wie überall in Frankreich bestand man auch hier in allen Restaurants auf dem Pass sanitaire, den einer der Teilnehmer der Reisegruppe Paulchen Camper renitenterweise nicht vorweisen konnte. Und wie überall saßen wir allabendlich mit einem Glas Wein am Strand und sahen der Sonne dankbar beim Untergehen zu. Eine einsame Person mit Wanderschuhen und weitem Umhang gesellte sich zu uns und verwickelte uns in ein deutsch – französisch – englisches Schwätzchen. Ich werde diese große schlanke Frau mit der riesigen Narbe im Gesicht und den wachen Augen und dem gewinnenden Lächeln nie vergessen. Ich glaube nämlich, dass Nationalität und Sprache keine Rolle spielen, wenn es darum geht, sich wirklich zu begegnen.

Tage später kam ich nicht mehr umhin zu bemerken, dass sich in mir so etwas wie Urlaubsmüdigkeit breit zu machen begann. Trotz des Sonnenscheins war mir viel zu oft kalt. Ich komme an dieser Stelle nicht umhin zuzugeben, dass ich ordinäres Heimweh hatte.

Ich vermisste meine Katze. Ich sehnte mich nach frischer Bettwäsche und meinem kuscheligen Sofa. Und nach meiner Badewanne. Bestimmt werde ich das in vier Wochen so gar nicht mehr verstehen, aber es war genau so…

Die andere Seite von Frankreich begann, mir aufzufallen. Die zauberhaften kleinen Städte sind an vielen Stellen vernachlässigt und wirken heruntergekommen. Viele Geschäfte sind geschlossen und den niedlichen Straßen fehlt das Leben. Das bedrückte mich. Obendrein ist das böse C hier noch spürbarer als daheim. Masken sind hier auch im Freien oft Pflicht, selbst an menschenleeren Stränden begegneten uns häufig maskierte Menschen. Ungeimpften ist die Teilnahme am öffentlichen Leben untersagt. Ich dachte immer, dass mir das nichts ausmacht. Aber es macht den Urlaub weniger leicht, wenn du weißt, dass du nicht bei einem Glas Wein im Restaurant sitzen oder einfach einen Kaffee genießen darfst.
Ich bin sehr dankbar für die schönen Tage hier. Aber allmählich möchte ich mal wieder wirklich ungestört auf einem Klo mit Brille und Klopapier hocken. Ohne Gänsehaut am Allerwertesten. Dreißig Tage Urlaub schenkten mir die Erkenntnis, das frau sich auf Zuhause freuen kann. Das ist auch so ein Ding beim Reisen, das mir wichtig ist: Der Ort, an den ich heimkommen kann, wenn ich mich nach dem Luxus einer Badewanne sehne. Der Mensch kann Wurzeln und Flügel haben. Das Eine schließt das Andere nicht aus.

In Liebe, Pauline

Das grüne Herz


Letzten Sonntag wählte das Volk einen neuen Bundeskanzler. Doch wer nun meint, mit dem Einwurf des Wahlzettels in die Urne und der Auszählung der Stimmen sei der Fall erledigt, ist gewaltig auf dem Holzweg. Irgendwie scheint mir, als geht der Zirkus nun erst richtig los. Zwar gibt es einen Wahlsieger – haarscharf zwar – aber im Sport geht es ja auch nicht selten um Hundertstel Sekündchen. Warum also sollten bei einer Wahl nicht einzelne Prozentchen ausreichen? Der Verlierer sieht das ganz und gar nicht so und sondiert nun die Lage in alle Richtungen. Ist da nicht vielleicht doch der eine oder andere Teilnehmer, mit dem zusammen er doch noch König … ähm Kanzler werden kann? Die Kleinen freuts, dass sie plötzlich mitreden dürfen. Irgendwie wird frau in diesen Tagen das Gefühl nicht los, dass da ein Lascherl bockig im Sandkasten sitzt, weil ein anderer mit dem grünen Bagger spielt. Das Gerangel um den hohen Posten wird wohl noch ein Weilchen dauern, denn keiner weiß so richtig, mit wem er nun (Kanzler) kann, oder will…

Gehts eigentlich noch?

Um es vorweg zu nehmen: Der Mann, dem ich mein Vertrauen und meine Stimme gegeben habe, hat den Einzug in den Bundestag am letzten Sonntag leider nicht geschafft. Die, deren Namen man besser nicht nennt, wenn frau nicht in die braune Ecke gestellt werden möchte, hatten nun mal mehr Stimmen. Und auch wenn mir wie vielen anderen auch, diese Entwicklung nicht passt, so hat doch ein großer Teil Thüringens so entschieden.
Das Geschrei, was seit her durch alle Medien geht, finde ich mindestens ebenso schockierend. Von „Fremdschämen“ liest man und davon, „… dass das grüne Herz Deutschlands jetzt braun ist… „ In dem Zusammenhang komme ich nicht umhin, mich zu fragen, wer von uns das mit der Demokratie nicht verstanden hat. Denn als bei der letzten Landtagswahl in Thüringen aus einer Ecke sogar Blumensträuße geflogen sind, weil die Dame sich so gar nicht damit anfreunden konnte, dass mit den Stimmen der unfeinen Partei eine Minderheit den Ministerpräsidenten gestellt hätte, hat sich kein Mensch beschwert. Auch nicht darüber, dass dieses Parlament sich nicht wie vereinbart im Juli aufgelöst hat, um eine demokratische Neuwahl zu ermöglichen.

Ich kann Diskussionen um den Wahlausgang nur bedingt nachempfinden. Fremdschämen würde ich mich am ehesten bei dem Gedanken, dass ein (beachtlicher) Teil der Wähler diffamiert und beleidigt wird, weil er eine Wahl getroffen hat, die viele für falsch halten. Lebt Demokratie nicht von der Vielfalt der Meinungen? Wahlergebnisse sind aus meiner bescheidenen Sicht ein Indiz für Vertrauen. Und das verspielen Jene, die mit Meinungsfreiheit, Selbstbestimmung und dem Geld der Bürger nicht besonders wertschätzend umgehen. Ich persönlich wünsche mir, dass der Wahlsieger mit dem Vertrauen der Wähler sorgsam umgeht. Und was die Unausprechlichen betrifft: Nun ja, sie besetzen ziemlich viele der viel zu vielen Sitze im Deutschen Bundestag. Vielleicht sollten sich alle Volksvertreter mehr als in den letzten Jahren bewusst machen, dass jeder einzelne dieser Sitze durch Bürgerwillen besetzt wurde. Auch ihr eigener. Möglicherweise stellen sich unsere Volksvertreter sogar ihrer Verantwortung und stehen zu ihren Versprechen, durch die wir – die Wähler – ihnen erst den Platz im Bundestag verschafft haben. Dann werden die Unaussprechlichen in vier Jahren ganz bestimmt von der Bildfläche verschwinden. Aber was weiß ich schon…

Das Herz Thüringens ist nicht braun. Es ist grün. Weil wir Thüringer die sind mit den schönen Wäldern, den mittelhohen Bergen, den vielen Talsperren, den Dichtern, Denkern und den mittelalterlichen Städten. Thüringen bleibt auch deshalb grün, weil dies die Farbe der Hoffnung ist. Auch darauf, dass in unseren Landtag die Demokratie zurückkehrt.

Bis die Tage, Pauline

Ein ganz normaler Freitag?


Über einen Mangel an Freizeitangeboten kann der Mensch an diesem Woche nicht klagen. Und das bei allerbestem Sommerwetter Ende September. Fast könnte frau meinen, dieses Wochenende sei ein ganz normales … Und beinahe hätten wir Mädels unsere Petticoats angezogen und hätten das Wochenende in der Schorfheide gerockt. Wäre da nicht die Kleinigkeit mit den 3 G`s. Manche von uns können sich einfach nicht damit anfreunden, gewissermaßen auf Verlangen ein Reinheitszertifikat vorweisen zu müssen, wenn sie an öffentlichen Spektakeln teilnehmen wollen.

So kam es, dass zwei fröhliche Frauen an diesem Freitag zu einem gewöhnlichen Weiberabend aufgebrochen sind. Wie früher! So weit der Plan…

Doch schon auf dem Weg dort hin wurde uns klar, dass es kein „wie früher“ mehr gibt: Vollsperrung stadteinwärts. Blaulicht und herumstehende Polizeibeamte ließen Schlimmes befürchten. Dann wurde Musik hörbar und laute Parolen. Ich atmete unbewusst auf: „Bloß eine Demo.“ Es war schließlich Freitag (for future?). Es folgte ein schier endloser Zug zumeist junger Menschen, die neben zahlreichen Spruchbannern auch altes Zeug über den Gagarinring schleppten. Was sollte das? Das Banner mit der Aufschrift: „Wir haben nur eine Erde!“ ist in seiner Aussage absolut eindeutig und dass dieser eine Planet vom Menschen besser behandelt werden muss, predigen nicht erst die Jünger von Greenpeace. Auch mit dem Plakat: „Plastikfrei im Supermarkt“ kann ich was anfangen, aber wieso tut es Not, im gleichen Demonstrationszug ein olles Sofa herumzuschleppen? Auf mich wirkte das Ganze eher chaotisch als organisiert und ich gebe unumwunden zu, dass mich eine leise Angst erfasste, während ich in meinem Auto hockte und darauf wartete, dass dieser Zug an mir vorüberzog. Ich dachte mit einem gewissen Schaudern: „Wenn alle diese Demonstranten am Sonntag Grün wählen, steht uns eine harte Zukunft bevor.“ Sie demonstrieren für Ökostrom und E – Autos und verdammen vermutlich alles, was in der westlichen Welt so Standard ist. Vom gemeinen pupsenden Rindvieh bis zum nicht nachhaltig produzierten Pulli. Schnitzel war gestern, Tofutaler werden die Welt retten. Ich bezweifle allerdings, ob die Friday for Future Kids sich darüber Gedanken machen, wie das Eine überhaupt zu dem Anderen passen kann. Aus meiner Sicht muss frau kein Genie sein, um dahinterzukommen, dass es mit dem Ökostrom für die Elekrokarren so eine Sache ist, wenn der Wind schwach ist, oder aus der falschen Richtung kommt, oder wenn die Sonne, wie in diesem Sommer nachhaltig bewiesen, nicht scheint. Da ist nicht guter Rat teuer, sondern vor allem der Atomstrom auf Frankreich. Ich bezweifle ebenso, dass das Verbot von Plastikverpackungen in deutschen Supermärkten diese unsere einzige Erde retten könnte. Auch hier würde ein Blick über den eigenen Tellerrand möglicherweise die Erleuchtung bringen: Nachbarland Frankreich beispielsweise sieht nicht einmal die Notwendigkeit von Flaschenpfand für Plastikflaschen. Dort schmeißt man Plastikflaschen und andere reichlich vorhandenen Umverpackungen zusammen mit der Zeitung von gestern in dieselbe Tonne. Bestimmt geht Beides auch durch denselben Schornstein…

Aber bitte sehr, liebe grüne Jugend. Demonstriert gegen Plastik und fossile Brennstoffe. Nur überlegt auch, woher eure Jeans, eure Fahrräder und Handys kommen. Und wenn ihr schon dabei seid: Denkt darüber nach, wie ihr eines Tages die eigene vegane Bude geheizt bekommt.

Kurz bevor meine Laune den Siedepunkt erreichte, war die Straße endlich frei und ich kam kurz vor knapp am vereinbarten Treffpunkt an. Und während wir Mädels dann schnatternd beim Essen saßen, fiel mir auf, dass etwas ungewöhnlich war:

Der Abend war so lau, wie im gesamten Sommer nicht und die Stadt war voller Menschen. Die lachenden Gesichter vermittelten das Gefühl von Leichtigkeit, dass ich schon fast vergessen habe. Und als sich eine Gruppe fröhlicher Männer unserem Mädelstisch anschloss und mit uns bis in die Nacht hinein ausgelassen quatschte, da hatte ich die Hoffnung, dass vielleicht doch alles wie früher werden könnte, als die Freitage den Beginn fröhlicher Wochenenden mit Konzerten, Kino und Festival bedeuteten, wo G – Regeln unbekannt und Rücksicht noch nicht für Abstand, Impfausweis und Maske stand. Ich lehnte mich zurück und habe ganz bewusst die Augenblicke von Leichtigkeit und Lebensfreude gefühlt.

Es steht zu befürchten, dass Mädelsabend, Oktoberfest und Festival zusammen mit Leichtigkeit und Lebensfreude selten bleiben werden. Genießen wir sie. Hier und Jetzt.

Herzlichst Pauline

Geschichten aus dem Nähkästchen, die achte… Zurück zu den Wurzeln, Brechdurchfall und die gemeine Grippe


Ein Text, vor Jahren geschrieben, in den Untiefen meines Klapprechners wieder entdeckt und als aktueller als je zuvor empfunden …

Ich bin auf dem Land aufgewachsen. Und zwar in einer Zeit, als der Postbote die Post noch mit einem gelben Fahrrad ausgefahren hat. Die Zeitung bekam meine Oma Stock manchmal erst am Nachmittag. Aber das machte nichts. Herr Poster versorgte die Leutchen im Dorf neben der Zeitung auch immer zuverlässig mit dem Zeitgeschehen im Dorf. Wir hatten – was für eine luxuriöse Angelegenheit – eine Gemeindeschwester, die ebenfalls mit Fahrrad und Medizinkoffer unermüdlich im Einsatz für das Wohl der Einwohner unterwegs war. Und wir hatten unsere Doktorin. „Frau Doktor bitte! So viel Zeit muss sein, ich habe hart für diesen Titel gearbeitet!“, rügte die lederhäutige hagere Frau im blütenweißen Arztkittel jeden, der so unvorsichtig war, den Doktor unter den Tisch fallen zu lassen. „Wo sie Recht hat, hat sie Recht. „, sagte ich mir und so kam es, dass ich von frühester Jugend an gelernt habe, auf Titel vor dem Namen all jener zu achten, die ein Stethoskop tragen.

Wie auch immer, meine Kindheit war eine behütete. Die Welt war in Ordnung, die Sommer sonnig und die Winter voller Schnee.


Ist es da verwunderlich, dass ich irgendwann zurück kam in den friedlichen Ort meiner Kindheit?
Ich zog in das Haus meiner Mama Mausi. Genauer gesagt, bezog ich die Wohnung genau über ihr. Und ich schlug erfolgreich jede Warnung in den Wind, ignorierte jede hoch gezogene Augenbraue, wenn ich vom Umzug in die unmittelbare Nähe von Mausi berichtete. Blondi redete mir damals eindringlich ins Gewissen. Sie erinnerte mich daran, dass ich Single und niemandem mehr Rechenschaft schuldig sei. Ich sei endlich frei und könne meine prüde Erziehung hinter mir lassen. Sie spielte damit auf die Tatsache an, dass mein erster Freund auch mein Ehemann wurde. Ich war schockiert: „Was ist denn falsch daran, den ersten festen Freund zu heiraten?“ Blondi hielt inne und schluckte sichtlich bemüht ihre Antwort hinunter, bevor sie mir verklickerte: „Nun, Orgien wirst du in diesem Schlafzimmer definitiv nicht feiern. Mausi schläft schließlich genau unter dir und glaub mir: Sie hört alles.“ Nun war es nicht so, dass ich in meiner Wohnung gerne Orgien gefeiert hätte. Aber im Großen und Ganzen behielt Blondi Recht. Mama Mausi war immer im Bilde was mein Privatleben betraf und leider sparte sie nicht mit Kommentaren zu ihrer Sicht auf meine Dinge. Falls sie mal nicht Bescheid wusste, verschaffte sie sich notfalls auch Zutritt zu meiner Wohnung, um sich einen Überblick zu verschaffen.

Einmal lag ich, geschafft von einer schwierigen Arbeitswoche ermattet in der Badewanne, als es klingelte. „Mir egal.“, dachte ich bockig und tauchte ab. Kurze Zeit später klingelte erst das Festnetz. Mausi. „Wer sonst?“, dachte ich seufzend und stellte mich tot. Da klingelte mein Handy. So ging es abwechselnd. Dann hämmerte es an der Tür. Ich sprang aus der Wanne und riss tropfnass die Tür auf. Dankenswerterweise stand tatsächlich Mama Mausi draußen und empörte sich, warum ich nicht öffne, wo ich doch daheim bin? Ich raffte das Handtuch über der Brust zusammen und kratzte alle Contenance zusammen, die ich in meinem schaumfeuchten Zustand finden konnte und sagte: „Mausi, wenn ich weder auf Klingeln, noch Anruf oder Klopfen reagiere, kann das nur zweierlei bedeuten: Entweder, ich bin tot, was unwahrscheinlich ist, denn ich erfreue mich allerbester Gesundheit. Also bleibt nur Möglichkeit Nummer zwei: Ich möchte nicht gestört werden. Kannst du das bitte akzeptieren?“ Sie konnte nicht und so kam es immer wieder zu Szenen zwischen uns, die nur von außen betrachtet komisch wirkten.

Einmal saß ich mit meinen Journalistenkollegen beim Arbeitsfrühstück, als Mausi plötzlich am Küchentisch auftauchte, um sich zu vergewissern, dass es bei den vielen Männerschuhen vor meiner Tür auch mit rechten Dingen zuging…

Die lederhäutige Dorfärztin zählte auch nach meiner Rückkehr in Mausis Reich zu den Institutionen im Ort. Sie war eine resolute Persönlichkeit, deren ärztliche Fähigkeiten allgemein als überdurchschnittlich galten. Es war Grippezeit und mir fiel ein, dass ich wieder einmal die Grippeschutzimpfung vergessen hatte. Nun bin ich kein besonders ängstlicher Mensch und kann die allgemeine Aufregung nicht nachvollziehen, mit der manche Menschen dem Ruf der Medien folgen, die immer wieder gerne fürchterliche Krankheiten vorhersagen, gegen die nur ein Pieks helfen kann. Ich dachte immer wieder belustigt, dass ich die Erste wäre, die sich gegen Brechdurchfall impfen lassen würde. Aber so ein bisschen Grippe…

Über die gemeine Influenza denke ich ein bisschen anders, seit ich sie hatte:

Einst kam ich ziemlich beschwingt nach Hause und fühlte ich mich von einer Minute zur anderen krank. Also so richtig. Ich war so schlapp, dass ich kaum die Augen offenhalten konnte. Dazu kamen rasende Kopfschmerzen. Und Fieber. Ich sank auf die Couch, die ich an diesem Wochenende nicht mehr verließ. Statt des miesen Brechdurchfalls haute mich die gemeine Influenza im. Ob sie mit Vornamen nun A oder B hieß, ist nicht überliefert und es war mir auch wurscht. Ich wollte an diesem Wochenende einfach nur sterben. Und zwar allein. Wider Erwarten ging es mir eine Woche später wieder besser und ich setzte die Influenzaimfung auf die Liste mit den wirklich wichtigen Impfungen.

So kam es, dass ich an einem sonnigkalten Januartag im lichtdurchfluteten Wartezimmer von Frau Doktor saß und mich augenblicklich wieder genauso fühlte, wie damals mit fünf. Trotz meiner Erinnerung an die kindliche Angst vor Spritzen war es ein schönes Gefühl und hatte irgendwas von Heimat: Es roch nach Äether und im Raum war geschäftige Ruhe, die immer mal wieder vom Bellen der Frau Doktor unterbrochen wurde.
Die Praxis war eine helle Ansammlung freundlich eingerichteter Zimmer. An der Tür auf der Stirnseite war noch immer dieses Fensterloch in der Tür, ähnlich wie damals in der Schulspeisung. Dahinter saß noch dieselbe Schwester wie damals und regelte mit freundlicher Miene die Formalitäten. Wie damals bewunderte ich die Frau, die etwa in Mausis Alter sein musste. Denn Frau Doktor bellte nicht selten durch ein kleines Schiebefenster auch die Dame in der Anmeldung an, das Telefon klingelte noch immer im Sekundentakt und die Patientenschlange vor dem Fenster schien nie abzureißen. Doch die Schwester lächelte gelassen ein stilles Lächeln und befriedigte die Wünsche von Frau Doktor, dem Telefon und allen Patienten. Direkt neben dem Anmeldezimmer lag das Reich von Frau Doktor. Daneben war die sogenannte „Mitte“. Dort hin verfrachtete Frau Doktor höchstpersönlich die nächsten drei bis fünf Patienten, die dann nebeneinander darauf warteten, dass Frau Doktor sie entweder ins Sprechzimmer rief, oder aber direkt und vor den Augen der anderen Anwesenden untersuchte. In dieser Praxis nahm man den Grundsatz: „Die Reihenfolge der Patienten bestimmt der Arzt!“ wörtlich und so war es nicht verwunderlich, dass Frau Doktor kurze Zeit später in meine Richtung bellte: „Pauline, in die Mitte!“ Da saß ich nun und mein Herz klopfte so ängstlich wie damals, als ich ein Kind war und fürchterliche Angst vor Frau Doktor hatte. Die Verbindungstür zum kleinen Sprechzimmer stand offen und ich konnte nicht verhindern, Zeugin des darin stattfindenden Gesprächs zu werden: Ein älteres Ehepaar wurde von Frau Doktor informiert, dass er um die Operation nicht herum kommen würde. Bedrücktes Schweigen, Frau Dr. erläuterte den Fall und empfahl auch gleich die passende Klinik. Die Ehefrau fragte schüchtern, ob Bad Berka nicht vielleicht… „Rothenburg ist besser!“ bellte es zurück. Widerspruch schien zwecklos und das Paar fügte sich. Doch dann piepste die Ehefrau: „Frau Doktor, wie ist es denn mit der Grippeschutzimpfung… “ Weiter kam sie nicht, Frau Doktor bellte: „Das ist nicht dein Ernst! Seit September impfe ich und jetzt, wo es in England die ersten Opfer gibt, kommst du und willst die Impfung. Pech gehabt. Ich habe keinen Impfstoff mehr.“ Das Ehepaar verließ zerknirscht das Sprechzimmer und es bellte: „Pauline!“ Ich beeilte mich, dem Ruf zu folgen. Kaum war ich im Zimmer, als sie mich nach meinen Sorgen fragte. Trotz ihrer furchteinflößenden Art mochte ich Frau Doktor. Mir gefiel, wie sie mit den Leuten umging. Sie hörte zu. Unqualifizierte Selbstdiagnosen duldete sie nicht. Und Widerspruch auch nicht. Äußerlich hart, aber wenn es darauf ankam, scheute sie keine Hürden, um für ihre Patienten da zu sein. Sie duzte ausnahmslos jeden. Und sie ließ keinen Zweifel daran, wer hier der Arzt war und etwas zu sagen hatte. Ich druckste ein bisschen wegen meines Anliegens herum: „Naja, die Grippeschutz… “ Weiter kam ich nicht. Sie sah mich mit ihren klaren Augen, die in dem dunkel gebräunten Gesicht wie Laternen leuchteten an und bellte: „Also das gibt es ja nicht! Du arbeitest den ganzen Tag mit Kranken und bist noch nicht geimpft?“ Sie schimpfte noch ein bisschen mit mir, während sie in einer Schublade zu hantieren begann – und zack! – war ich geimpft.

Impfung ist eines der Reizthemen zwischen Mama Mausi und mir. Während Mausi sich brav jeden Pieks abholt, der in den Medien als lebensrettend angepriesen wird, leiste ich mir den Luxus, zu überlegen, welche Impfung ich wirklich brauche. Ich glaube nämlich fest daran, dass mein Immunsystem durchaus in der Lage ist, mit Diesem und Jenem selber fertig zu werden. So erschließt sich mir der Sinn einer Hepatitis A Impfung nicht und als es um die gefährliche Schweinegrippe ging, muss ich wohl den Aufruf zur Impfung verpasst haben, denn erst als Mausi mir stolz von ihrer Impfung berichtete, habe ich realisiert, dass eine todbringende Seuche vorher gesagt war. Eine Seuche übrigens, die nie gekommen ist. Dafür sickern jetzt, Jahre später immer wieder Gerüchte von der Schädlichkeit des Impfstoffs durch. Allerdings hielt der Schaden an Leib und Seele sich damals in Grenzen, weil offenbar viele so dachten wie ich. Die Regierung kippte den Impfstoff nämlich später millionenfach sprichwörtlich ins Klo.
Andererseits war ich ganz vorne dabei, als es darum ging, meinen blonden Nachwuchs gegen das Papillomavirus impfen zu lassen. Und Hepatitis B. Und Meningokokken. Tetanus. Masern. Darüber diskutierte ich auch nicht. Impfungen sind eine segensreiche Erfindung. Jedenfalls so lange, wie die Gewinne nicht über dem Allgemeinwohl stehen.

Das Zusammenleben mit Mausi unter einem Dach jedenfalls ist ein spannungsreiches Thema geblieben. Ihre Weltanschauung und meine Vorstellungen von meinem Leben gehen bis heute oft ziemlich auseinander. Immer wieder rufe ich mich zur Ordnung und denke: „Wer weiß, wie ich in dem Alter bin!“ Die Wahrheit ist aber, dass Mausi in meinem Alter kein bisschen anders war, als heute. Wo sie ist, ist vorne. Basta.

So war es auch als ich eines kalten Wintertages nach Hause kam und erschrocken festgestellt habe, dass Mausi flach lag. Ein paar Tage schon, wie sie piepsend zu gab. Brechdurchfall
Nun ist Brechdurchfall eine Angelegenheit, die ich liebend gerne gegen eine schnöde Erkältung eintausche, weil es für mich ein Graus ist, mit dem Kopf über dem Waschbecken zu hängen, während…

… Lassen wir das.

Ich bot Mausi besorgt an, schnell Cola und Salzstangen zu besorgen, aber sie lehnte für ihren Zustand ziemlich barsch ab: „Immer dieser neumodische Firlefanz. Ich will dir nicht zur Last fallen. Ich trinke meinen Tee und falls du zufällig einkaufen gehst, wäre es sehr schön, wenn du mir eine Banane mitbringen würdest!“ Situationen wie diese bringen mich an den Rand des Wahnsinns. Regelmäßig. Eine Banane?! Singular! Sie lag seit Tagen flach, weil sie wegen des Flüssigkeitsverlustes eben nicht auf die Beine kam. Um Hilfe bat sie nie. Niemals. Helfen ließ sie sich genau so selten. Eine Banane war das äußerste, worum sie bitten würde. Ich marschierte ziemlich stinkig zum Supermarkt um die Ecke, um die gewünschte Banane zu besorgen und zusätzlich widerrechtlich auch Cola und Salzstangen, die Mausi selbstverständlich verschmähte. Ich versuchte ihr zu erklären, dass sie Elektrolyte brauchte und Flüssigkeit, um wieder auf die Beine zu kommen. Schließlich kochte ich Kartoffelbrei, den ich großzügig salzte. Ich hörte schaudernd das Geräusch von Mausis Zähnen auf der Gabel, bevor sie: „Der ist mir zu salzig. Ich kann das nicht essen.“ sagte. Was sollte ich machen? Ich ließ sie in Ruhe und als ich am nächsten Morgen nach ihr sah, lag sie bleich im Bett, ohne die Cola auch nur angerührt zu haben. Sie gab sogar zu, dass es ihr nicht besonders gut ging. Der Blutdruck lag bei kaum messbaren 69 zu irgendwas. Doch Mausi hauchte angriffslustig: „Wer weiß, ob du überhaupt den Blutdruck messen kannst. Du bist ja kein Arzt!“ Das konnte sie haben! Ich rief in meiner Not Inga an. Inga ist eine große Frau und sie ist Notärztin, begnadete Reiterin und obendrein meine Freundin. Sie flog gefühlte Minuten später mit samt Rettungsausrüstung in Mausis Schlafzimmer ein, bestätigte meine Blutdruckmessung und wies Mausi streng an, meine Anweisungen zu befolgen. „Morgen früh schaue ich wieder nach dir und wenn es nicht besser ist, bestelle ich den RTW und liefere dich höchst persönlich im Krankenhaus ab. Also trinke Cola, so viel wie rein geht und iss Salzstangen.“ Den Anweisungen einer echten Ärztin beugte sich Mausi widerspruchslos. Leider musste sie dennoch in die Klinik eingewiesen werden. Denn Brechdurchfall ist tatsächlich eine heikle Angelegenheit und wenn man den richtigen Zeitpunkt verpasst, kann der Körper die Flüssigkeit nicht mehr so schnell aufnehmen, wie er sie verliert. Mausis Kreislauf hatte ziemlich gelitten. Ihre Nieren leider auch. In der Klinik war sie in guten Händen und man würde sie richtig aufpäppeln.

Und ich kam wieder einmal nicht umhin, an die Warnungen von damals zu denken, als es darum ging, im Elternhaus einzuziehen. Ich liebe meine Scholle und meine Mama Mausi ebenso, aber manchmal wünschte ich, eine Jacke anziehen zu müssen, wenn ich Mausi besuchen gehe.

(Aus „Die Parade der Frösche“ /2017)

Bleibt schön gesund!

Pauline

Verwirrung im Saftladen


Ich gebe zu, dass ich verwirrt bin. Schon wieder. Oder immer noch?

Heute in einem Monat wählen wir einen neuen Bundeskanzler(auf das *in verzichte ich sehr bewusst. Ich finde nämlich, dass dieses Gendergesterndl meine Muttersprache zerstört und außerdem flüssiges Lesen erheblich erschwert. Die Dame, die ins Kanzleramt will ist bestimmt selbstbewusst genug, sich auch ohne das abgehackte …in angesprochen zu fühlen. Aber was weiß ich schon…

Die aktuelle Regierung hinterlässt aus meiner Sicht außer Genderwahnsinn und dem Slogan „Wir schaffen das.“ nicht besonders viel Nachhaltiges. Mir werden die Damen und Herren als Menschen in Erinnerung bleiben, die viel zu oft überrascht gewesen sind. Viel zu oft für Verwirrung gesorgt haben. Angst schüren. Und in entscheidenden Situationen zuverlässig die Lage falsch einschätzen. Sei es die Fehleinschätzung der Klinikbettenzahlen, diverse Automobilherstellerskandälchen, die Machenschaften von Wirecard, die Flutkatastrophe und zuletzt das furchtbaren Desaster von Afghanistan. Die Liste der Ahnungslosigkeit scheint mir ellenlang. Ganz aktuell bezahlen Menschen mit ihrem Leben dafür, dass Regierungs „die Lage falsch eingeschätzt haben“.

So gesehen wird es dringend Zeit für Veränderung. Weg mit den alten Latschen und her mit neuen Schuhen. Doch halt. Schon wieder bin ich verwirrt. Wen soll, kann, darf ich mit gutem Gewissen wählen?

Kandidatin Nummer Eins, einst hoch gehandelt und medial als Siegerin ums Kanzleramt schon Monate vor dem Stichtag gefeiert. Die Frau, die um jeden – selbstverständlich von uns, den Wählern zu zahlenden – Preis zurück zur Natur will, aber angeblich nicht genau weiß, was Heizöl gerade kostet, oder dass Kobolde eher nicht in Autobatterien… Lassen wir das. Sie will dem Klimawandel begegnen. Wer will das nicht? Aber ich frage mich bang, wie Deutschland das so ziemlich alleine bewältigen will? Natürlich kann man den Wünschen dieser Partei gemäß fossile Brennstoffe unendlich verteuern. Ich wage aber zu bezweifeln, dass dies OttoNormalPendler dazu bewegen kann, die vierzig Kilometer (einfache Fahrt) zum Arbeitsplatz mit dem Fahrrad zu strampeln. Die Vorstellung, dass Lieschen Müller und Oma Meier im Winter drei Pullover übereinander ziehen, weil fossile Brennstoffe unbezahlbar sind, scheint mir da realistischer. Also nein. Diese Partei fällt schon mal weg.

Nehmen wir Kandidat Nummer Zwei. So leid es mir tut, ich kann diesen Mann nicht ernst nehmen. Egal, wo er auftritt, ich werde nie das Gefühl los, dass seine Gliedmaßen an irgendwelchen Fäden hängen. Gut gelaunt verkündet er jedem, der es hören will, dass er … nichts! zu sagen hat. Der Kollege, gegen den er intern den Kampf verloren hat, dillert in seiner Gegenwart inzwischen auch lieber auf dem Handy rum. Nein, Kandidat Nummer Zwei geht auf gar keinen Fall.

Bleibt Kandidat Nummer Drei. Das Tempo, mit dem der ruhige Mann unauffällig an seinen hippen Kollegen vorbeigezogen ist, ist an sich schon bemerkenswert. Er wirkt ruhig, überlegt und – ja, ich gestehe es nur ungern – vertrauenswürdig. Und als er neulich in diesem Zusammenhang gestand, immer demütig zu bleiben, da hatte er meine Stimme. Doch dann fiel mir ein, dass in seinem Fahrwasser leider Weltuntergangskarlchen von Long Covid jammert. Also geht diese Partei auch nicht.

Herrgott! Ich bin verwirrt. Manchmal wünsche ich mir, Kohls, Genschers und Schmidts zurück. Ich komme nicht drum herum zu überlegen, ob die sich wohl angesichts des Desasters im Land ruhelos in ihren Gruften wälzen…

Und dann kam das Ding mit den Saftflaschen, dass mich vollends zweifeln lässt, dass irgendwie alles gut werden könnte:

Da ist ein Saftladen, der seine Säftchen vielleicht auch deshalb so gut verkauft, weil er provoziert. Da sind immer irgendwelche markigen Sprüche auf die Flasche gedruckt. Und neuerdings haben die Werbestrategen dieser Firma die so witzige wie schlaue Idee gehabt, die politischen Neutrums wie meiner Wenigkeit in Sachen Parteien ein bisschen auf die Sprünge helfen. Die stellen sozusagen die Wahlprogramme der größeren Parteien vor, bedrucken Flaschen damit und bauen in jedes Parteiprogramm zwei Fakten ein, die erstunken und erlogen sind. Spässle sozusagen. Während frau am Smoothie nuckelt, kann sie noch was lernen. Genial!

Und was passiert? Supermarkt XY schmeißt medienwirksam eine der Partei- ähm Saftsorten aus dem Regal, weil rechts kein Platz ist. Da frage ich mich unumwunden, was aus der guten alten Demokratie geworden ist? Denn ob es uns nun passt oder nicht: Ein Teil der Bevölkerung hat diese Partei demokratisch gewählt. Wie kann es sein, dass diese dann nirgends mitspielen darf? NEIN, ich bin kein Anhänger der Partei. Aber so viel ist sogar bei mir hängen geblieben: Demokratie funktioniert nun mal mit der Vielfalt der Meinungen, mit den Stimmen der Bürger, mit Opposition. Und auch wenn es politisch nicht korrekt ist, so muss ich unumwunden zugeben, dass mir der Saft aus eben jener verpönten Flasche am besten schmeckt… Ich mag rote und grüne Smoothies nun mal nicht so gerne.

Ich sage ja: Ich bin verwirrt. Über Geschmack sollte man nicht streiten. Über Politik besser auch nicht. Meinungsvielfalt wäre ein passendes Zauberwort…

Ich wünsche mir, dass im September nicht nur im Bundestag ein Umdenken einsetzt. Ich wünsche mir eine Regierung, die anpackt. Egal, welche Krise gerade gemeistert werden muss. Ich wünsche mir eine Regierung, für die wir, die Bürger an allererster Stelle stehen. Und ich wünsche mir eine Regierung, die zu ihren Wahlversprechen steht und notfalls Konsequenzen zieht.

Herzlichst Pauline

Die Insel


Es heißt ja, dass Reisen tödlich ist – für Vorurteile!

Wenn ich ehrlich bin, muss ich verschämt zugeben, dass ich trotz aller Bemühungen auch nicht frei von Vorurteilen bin. Eines davon betrifft die Insel Rügen…

Wann immer die größte deutsche Ostseeinsel zum Thema wurde, hatte ich Assoziationen von vollen Straßen und überfüllten Badeorten vor Augen. Und wirklich waren meine Erinnerungen an frühere Besuche der Insel genau so. Ich wurde nie das Gefühl los, dass der Verkehr auf der Insel sich bis zum Rügendamm staute, wenn in Binz eine Ampel auf „Rot“ stand. Unvergessen die kilometerlangen Staus zu Zeiten der Vogelgrippe, als sämtliche Autos durch Desinfektionswannen fahren mussten, um ihre Reifen zu desinfizieren. Und ich erinnere mich noch an den ketzerischen Gedanken, den ich in dieser Situation hatte: Ich fand das ganze Bohei schlicht irre, denn die Vögel, die zumindest dem Namen nach ja die Vogelgrippe auf die Insel und zurück brachten, die flogen ungehindert von A nach B.

Einst lebte ein „Pflegekind“ in unserer Familie. Und das kam so: Wie so oft im Leben hatte auch bei dieser Familie das klassische Modell von Vater, Mutter und Kind nicht dauerhaft funktioniert und so beschloss eine Bekannte, auf der Ostseeinsel neu anzufangen. Bedauerlicherweise schien das Kind der Bekannten für den Neuanfang eher hinderlich zu sein und so kam es, dass sie mich ohne Umschweife um Hilfe bat. Ein Umstand, der mich so wohl ehrte (Die Mutter schien mich für einen guten Menschen halten, warum sonst würde sie ihr einziges Kind in die Obhut eines fast fremden Menschen geben?), als auch befremdetet hat (Ich würde um keinen Preis mein Kind auf unbestimmte Zeit bei anderen Leuten parken!) Unser Familienrat entschied sich trotz dieser widersprüchlichen Überlegungen für den Familienzuwachs. Vielleicht auch deshalb, weil ich selber immer eine große Familie haben wollte und mein Lieblingskind sich immer Geschwister wünschte. Das Experiment funktionierte von außen betrachtet sogar ziemlich gut. Das Pflegekind war so angepasst, dass es gar nicht weiter aufgefallen ist und ich werde nie erfahren, was in ihrem Inneren vorgegangen ist. Ich hoffe bis heute, dass beide Kinder das Abenteuer „Geschwister auf Zeit“ in diesem Experiment gesehen haben.

Die Mama jedenfalls lud mich im folgenden Winter zum Urlaub in ihre neue Heimat ein. Damals führte der Verkehr vom Festland auf die Insel ausschließlich über den Rügendamm. Und der war selbst im Winter ziemlich stockend, weil die alte Brücke stündlich hochgeklappt werden musste, damit Schiffe den Strelasund passieren konnten. Ich wollte gar nicht wissen, wie lang der Stau in den Sommermonaten war…

… Ich fand Rügen in diesem Winter bezaubernd. Es war so kalt, dass die Gischt am Strand gefroren war. Die Badeorte waren menschenleer und ich konnte lange einsame Spaziergänge am Strand machen.

Im folgenden Sommer besuchten wir die Insel erneut und dieses Mal fand ich alle meine Befürchtungen in einem Maß bestätigt, dass ich mir sagte: „Nie wieder!“

Nun ja…

Reisen sind in diesem zweiten Coronasommer schwierig und man tut gut daran, im eigenen Land zu bleiben, wenn man Urlaub macht. Wer hat schon Lust auf Schnelltests, plötzliche Einruppierung des Urlaubsziels in gefährliche Ansteckungsgebiete, die niemand ihnen jemals zugetraut hätte und all den anderen Schnödeldrö, der Aus- und Einreise zu einem Erlebnis macht, dass wir seit 1989 zu den deutschen X- Akten gelegt zu haben glaubten. Vor diesem Hintergrund kam MC in diesem Juli auf die schockierende Idee, man könne doch die Insel Rügen mal ein paar Tage erkunden…

So kam es, dass wir an einem ungewöhnlich warmen Sonntag Anfang Juli in Richtung Ostseeküste aufgebrochen sind. MC voller Vorfreude auf das, was Rügen für alle Neugierigen bereit halten mochte und ich zugegebenermaßen ein bisschen weniger erfreut. Die Erinnerung…

Wie um mich zu versöhnen, umrundete MC nicht via Autobahn Berlin, sondern steuerte mit mir unbekanntem Ziel mitten hinein in die Hauptstadt.

Kinner nee…

… Über die berüchtigte AVUS! Dieses Stückchen Autobahn wurde 1921 gebaut und bis 1940 als Renn- und Teststrecke genutzt. Bis 1988 wurde das Stückchen Straße zwischen Funkturm und Grunewald noch gelegentlich als Rennstrecke genutzt. Leider ist heute bestenfalls der Zustand der Stadtautobahn noch legendär. Die alten Holztribünen sind in bedauernswertem Zustand und zum größten Teil vor den mitleidigen Blicken Vorbeifahrender verhängt. Jedenfalls kurvte MC zielsicher die Straße des 17. Juni entlang in Richtung Brandenburger Tor. Das Ziel hieß Siegessäule.

Die Siegessäule ist eines der Wahrzeichen Berlins und wurde zwischen 1864 und 1873 zu Ehren des siegreichen Preußens in verschiedenen Kriegen erbaut. Das goldene Mädchen, was von oben über Berlin schaut, ist Viktoria, die Siegesgöttin aus der römischen Mythologie. Was viele nicht wissen ist, dass das Bauwerk ursprünglich 1,6 km vom heutigen Standort , nämlich auf dem Königsplatz stand und im Zuge geplanter Umgestaltung in der NS Zeit auf den Großen Stern im Tiergarten versetzt. Obama hat 2008 an der Siegessäule eine Rede gehalten. Ob er die 285 Stufen hinauf gestiegen ist, ist nicht überliefert. Für mich hat sich bisher ein Aufstieg leider nie ergeben. Doch jetzt parkte MC den Brummer in fußnaher Entfernung zur Goldelse. Wir marschierten übermütig in Richtung des goldenen Mädchens. Leider wurde unser Aufstieg von der Kassiererin behindert, die unsere Gesichtsbedeckung als unzureichend einstufte. Zwar lag die Berliner Inzidenz an diesem Tag im nicht erwähnenswerten Bereich, doch die Dame hob bedauernd die Schultern und gestand, dass für diese Art Inzidenztrend leider keine Anweisung vorliege und darum stur an FFP2 Verhüllung festzuhalten sei. Nun ja, ich wollte da hoch, meinetwegen auch bei 30° und Vollvermummung.
Der Aufstieg hat sich wirklich gelohnt und der Blick über das satte Grün des Tiergartens zu Fernsehturm und Brandenburger Tor war wunderschön.

Dann ging es ohne weitere Pause weiter Richtung Ostsee. Ich stellte mich vorsorglich auf den zu erwartenden Megastau in Richtung Rügen ein und wurde sehr überrascht, denn wir überquerten den Strelasund ungehindert und ziemlich zügig über die ziemlich neue und ziemlich gigantische Rügenbrücke und waren in Null Komma Nix auf er Insel.

Unser Häuschen befand sich in dem Dörfchen Moordorf, dass scheinbar so winzig ist, dass nicht einmal Wikipedia mehr darüber zu sagen hat, als dass es ein Teil der Gemeinde Ummanz ist.
Na gut…
Für uns jedoch steht Moordorf für Urlaub fern von jeglichem Tourismus, für „morgens mit der Kaffeetasse in der Hand den Fröschen zuhören“ und vor allem war das Örtchen ein ziemlich zentraler Punkt auf der Rügenkarte, von dem aus wir so ziemlich jeden erkundenswerten Ort leicht erreichen konnten.
Wir waren schon mehrere Tage Gast in diesem Idyll, als mich Lotta anrief und fragte, wo in aller Welt ich denn nun schon wieder unterwegs sei. Meine Schwärmerei von unserem Aufenthaltsort wurde von ihrem Geschrei erstickt, kaum dass ich „Moordorf“ gesagt hatte. Es stellte sich heraus, dass Lotta in einem anderen Leben genau in diesem 20 Seelendorf und im Haus nebenan unvergesslich schöne Tage verlebt hatte.
Ist die Welt etwa doch ein Dorf oder kommen die schönsten Dinge zu dem, der die Augen offen hat?

Auf der Suche nach Essbaren fuhren wir zurück in Richtung Festland und zwar über den guten alten Rügendamm. Es gibt sie nämlich noch, die gute alte Zugbrücke. Noch heute wird der alte Damm mehrmals täglich hochgeklappt und öffnet lautlos die Wasserstraße, die Rügen mit Stralsund und damit dem Festland verbindet.
Stralsund. Hach, was habe ich die zauberhafte kleine Hafenstadt im Stillen um Verzeihung gebeten, hatte ich sie doch von früher aus unerfindlichen Gründen als trostlos als in Erinnerung. Doch die Stadt ist verträumt und wirklich schön. Ohne an dieser Stelle den Stadtfühermodus einschalten zu wollen, möchte ich schwärmerisch erwähnen, dass man sich bei einem süffigen Kaltgetränk am Markt mit Blick auf das Rathaus ganz wunderbar auf eine altstädtische Entdeckungstour einstimmen kann. Das Rathaus in seiner Architektur erscheint mir wie ein Prachtbau aus dem Märchen. Das muss frau einfach gesehen haben. Und wo wir schon bei süffigen Kaltgetränken sind: Im Hafen von Stalsund liegt die Gorch Fock l vor Anker. Und genau gegenüber kann man in einer gewollt

gammelig anmutenden Hafenkneipe eben jenes wunderbar genießen.

Man muss schon über den alten Rügendamm auf die Insel fahren, damit einem auffällt, dass frau so ganz nebenbei auch die kleine Insel Dänholm passiert. Diese Kleinigkeit ist eigentlich nicht weiter erwähnenswert, jedenfalls nicht, wenn frau nicht zu den Seglern gehört, aber das Fleckchen Erde wollte ich bei dieser Gelegenheit nicht unter den Tisch… ähm ins Wasser fallen lassen. Das Inselchen sieht sich als Geburtsstätte der Preußischen Marine und beherbergt standesgemäß ein Marinemuseum und eine Außenstelle vom Nautineum.
Unbestritten ist Kap Arkona als nördlichster Punkt der Insel Rügen ein Ort, an dem frau unbedingt gewesen sein muss, wenn sie schon mal auf der Insel ist. Wir ersparten uns die kurvenreiche Landstraße und nutzten stattdessen die Wittower Fähre, um an den Inselmagneten zu gelangen.

Die beiden Leuchttürme am Kap Arkona sind ganz nett. Viel schöner fand ich die ungezähmte Strandlandschaft und die fast unberührte Natur, zu der frau von der Steilküste aus über ungezählte Stufen gelangt.


Sassnitz ist als Stadt weder erwähnens- noch besuchenswert. Finde ich jedenfalls. Na gut, dort wird der leckere Rügenfisch in Konserven gepackt und außerdem dient der Ort als Ausgangspunkt für den Nationalpark Stubbenkammer, der auch den berühmten Kreidefelsen namens „Königstuhl“ beherbergt. Erstaunliches Detail meiner Recherchen war, dass Sassnitz tatsächlich erst 1957 das Stadtrecht erhielt. Nun ja…
Unser Besuch der piefigen Kleinstadt fiel den gefühlten Hektolitern eisigen Regens zum Opfer, der kübelweise über uns nieder ging, als wir gerade auf der Hängebrücke standen, die vom Hafen aus in Richtung Stadt führte. So kam es, dass ich den berühmten Königstuhl noch immer nicht aus der Nähe gesehen habe, denn der nächste Tag versprach einer dieser ganz seltenen Sommersonnentage zu werden und den wollte ich faul am Strand verträumen.

Binz ist wohl einer der ganz bekannten Badeorte auf Rügen mit dem Kurhaus als Wahrzeichen. Der Strand war feinsandig, das Wetter fein und doch fand ich, dass drei Stunden Sonne satt genug sind. Möglicherweise lag mein Gemäkel auch an den Menschenmassen, die inzwischen flächendeckend am Sandstrand hingestreckt lagen. Weiter ging es nach Prora. Nun ja…
Dort kann man mal gewesen sein, muss frau aber nicht. Denn: Von diesem kilometerlangen (Größen)Wahnsinnsbauwerk aus NS – Zeiten stehen fast nur noch Ruinen und die sind nicht begehbar. Mich persönlich hat das nicht weiter gestört, ich finde diese Schandmale einfach scheußlich und frage mich, wieso sich keiner findet, der ein paar Milliönchen nach dem Problem schmeißt und die Landschaft von den Ruinen…

Lassen wir das.

Vermutlich ist die Kosten-Nutzen-Analyse eher negativ zu bewerten und so wird die kilometerlange Betonwüste vermutlich auch kommenden Generationen noch Zeugnis dunkelster deutscher Geschichte aus NS – und DDR- Vergangenheit ablegen.
Eigentlich wollten wir in Sellin den Sommertag fröhlich ausklingen lassen. Die Seebrücke weist nicht nur die beachtliche Länge von 394 m auf, das ursprünglich Anfang des 19. Jahrhunderts errichtete Bauwerk blickt auch auf eine bewegte Geschichte zurück. Ihre Feinde waren Packeis, Feuer und zuletzt Vernachlässigung. Ihre Überreste dümpelten unbeachtet in der Ostsee herum, bis in den frühen 90 Jahren ein Bundespräsident sich der Sache annahm und den Wiederaufbau angekurbelt hat.


Die von der steilen Küste über zahlreiche Treppen erreichbare Brücke ist tatsächlich einen Besuch wert. Leider war an diesem halbwegs lauen Sommerabend sämtliche Gastronomie auf der Seebrücke geschlossen und so blieb die Idee von einem Aperölchen im Sonnenuntergang ein Traum. Das Reh, dass unbeeindruckt von den nahen Menschen in einem Garten frisches Gras zupfte, war mein schönstes Erlebnis von Sellin.

Der nächste Tag war einer dieser grau verregneten, wie es sie in diesem Sommer so viele gibt. Dem Geheimtipp meiner Freundin Ashton folgend, machte wir uns zum südlichsten Zipfel der Insel auf. In Palmer Ort findet man neben Verfall und Einöde auf der Landseite unberührte, wunderschöne Natur und menschenleeren Strand. Während wir den Südzipfel noch im Regen erreichten, lachte die Sonne auf unserem Rückweg und wir verlebten einen sonnigleichten Nachmittag bei einem romantischen Strandpicknick.

Kinner nee, wie ist die Welt schön.

Angeblich soll Rügen ja ein eigenes Wetter haben und das kann ich nur bestätigen. Sonnige Vormittage wurden von ergiebigen Regennachmittagen abgelöst und umgekehrt. Wetter macht nun mal was es will und für das Novemberwetter im Juli kann die Insel ja nichts. Rügen ist voller wunderschöner Fleckchen und nicht alle davon sind voller Menschen.

Das „System“ Familie und der Schwiegertiger


Familie ist etwas, worin wir aufgewachsen sind und was wir im besten Fall mit Liebe und Geborgenheit verbinden. Familie gibt uns Heimat und schenkt uns Geborgenheit. Dieses System hat uns zu dem Menschen gemacht, der wir sind. Aber es heißt nicht umsonst, dass man sich die Familie nicht aussuchen kann. Wir werden hinein geboren, aber den richtigen Platz zu finden, bedeutet auch Kampf und Tränen und Abgrenzung. Wir müssen lernen, uns zu behaupten. Wenn wir dann später eine andere Familie heiraten, beginnt alles von vorne. Wir werden Teil eines weiteren Systems und ob wir dort unseren Platz finden, hängt nicht nur von uns ab …

… Ich glaube, dass die erste Begegnung mit der Schwiegermutter wegweisend für die gesamte Beziehung ist. Möglicherweise bewahrheitet sich hier auf besondere Weise die Tatsache, dass es für den ersten Eindruck keine zweite Chance gibt. Genau genommen ist der neue wichtigste Mensch im Leben des eigenen Kindes ohne Zweifel Konkurrenz für jede Mutter. Und nicht immer kommt Mutti damit zurecht.
Mutterliebe ist einzigartig und bedingungslos. Also eigentlich. Wenn die Kinder klein sind…
Aber wenn aus Kindern große Menschen werden, neigen Mütter mitunter dazu, das eigene Kind zu idealisieren. Wenn es gut läuft, dann drückt Mutti das Schwiegerkind mit dem Wunsch, dass sich hier wie in Platons Geschichte vom Kugelmenschen zwei Halbe zu einem Ganzen verbinden werden, herzlich an die Mutterbrust. Doch viel zu oft meint Mutti, dass ihr Kind doch eigentlich was Besseres verdient hätte… Davon zeugen unendlich viele Erzählungen von diversen Schwiegermonstern. Andererseits wissen auch viele große Kinder, dass es nirgends so schön ist wie bei Mutti.


Ich begegnete meinem Schwiegertiger in einem Sommer irgendwann im letzten Jahrtausend und zu einer Zeit, da Wranglerjeans in und Vokuhila gerade wieder out waren. Ich schwöre, dass ich keine Ahnung

davon hatte, welche Bedeutung die erste Begegnung mit dem Schwiegertiger für meinen Lebensweg hatte. Ich war jung und blauäugig …

Mein Freund jedenfalls hatte mir seine Mutti stets als „cool“ beschrieben und sein Kumpel Dünn hatte das mehrfach mit meckerndem Lachen bestätigt. An einem gewöhnlichen Wochentag lümmelten mein Freund, Kumpel Dünn und meine Wenigkeit auf dem Schlafsofa und waren ganz versunken in Springsteens neuestes Album, als die Zimmertür geräuschvoll geöffnet wurde. Eine große, kräftige Frau mit Kittelschürze und blondem Kurzhaar stürmte herein. Sie balancierte zwei dampfende Teller in den Händen und reichte den einen Kumpel Dünn mit den Worten: „Iss was Dünni, du kannst es vertragen!“ und den anderen drückte sie meinem Freund in die Hand. Mit einem fröhlichen: „Lasst es euch schmecken Jungs!“ knallte sie die Tür wieder zu.


Ich war wohl unsichtbar…


Die Jungs machten sich lachend über das Essen her. Keiner erwähnte die Szene mit einem Wort. Ich war verletzt. Nicht etwa, dass ich den ziemlich schlapp in seiner weißlichen Mehlsoße schwimmenden Blumenkohl gerne gekostet hätte, aber mich zu ignorieren fand ich doof. Mein Freund jedoch verteidigte seine Mutti gegen jede Kritik und als wir später unsere erste eigene Wohnung bezogen haben, stand er noch lange Wochen allabendlich am Fenster und schaute sehnsüchtig hinüber in Muttis hell erleuchtetes Wohnzimmerfenster.

Mutti war einfach seine Beste. Das habe ich spätestens begriffen, als er mich eines Tages traurig fragte, warum ich nicht so kochen konnte, wie seine Mutti? Über Geschmack kann man ja sagen, was man will. Aber der von Mutti war absolut nicht der meine. Ich hielt nun mal nichts von tot gekochtem Gemüse, matschigen Kartoffeln und fettem Schweinefleisch. Und meine Weihnachtsgans würde ich auf gar keinen Fall im Backofen ertrinken und weichkochen lassen.


Der Eindruck, den mein Schwiegertiger von mir hatte, schien auch nicht der beste gewesen zu sein. Denn als wir ihr verkündeten, demnächst heiraten zu wollen, kommentierte sie dies mit einem erstaunten: „So was. Ich dachte immer, du heiratest mal die Beate.“ Die Enttäuschung über die Wahl ihres Jüngsten hinderte sie jedoch nicht daran, das Hochzeitsbuffet abzuräumen: „Es soll ja nichts umkommen!“ Und als wir ihr vom zu erwartenden Nachwuchs berichteten, quittierte sie diese Neuigkeit mit einem verständnislosen: „Muss das denn sein?“

Wenn sie in unsere Wohnung kam, dann fahndete sie gerne mit dem Zeigefinger nach möglichen Stäubchen auf den Möbeln.

Kurz gesagt, wir haben nie ein inniges Verhältnis aufbauen können.

Dennoch mochte ich meinen Schwiegertiger. Mir gefiel die resolute Art, mit der sie die Dinge anpackte. Sie sagte einmal: „Ich sage immer, wenn mir was nicht passt. Ich sterbe nicht an Herzdrücken!“ Ich kann nicht beurteilen, wie es um ihr Herz bestellt war, aber ich kann bestätigen, dass sie mir immer unverblümt mitgeteilt hat, was ihr an meiner Wenigkeit nicht gepasst hat. Auch sonst war sie eine gefürchtete Frau, denn sie fahndete viele Jahre lang gnadenlos im offiziellen Auftrag nach Ordnungswidrigkeiten.


Ich habe die Art bewundert, mit der sie mein ewig schreiendes Baby an ihren gewaltigen Busen gedrückt und in ihren Armen in den Schlaf gewiegt hat. So geht Oma!

Und als mein Lieblingskind den ersten großen Sieg ihres Lebens gefeiert hat, weinte der Schwiegertiger hemmungslos an meiner Schulter. Nicht aus Stolz und vielleicht auch nicht aus Liebe. Sondern vielmehr aus Scham, weil sie als einzige dieses anderen Familiensystems dem Triumphzug des Kindes beiwohnte.

Ich glaube, dass mein Schwiegertiger ein großes Herz hatte, aber andere bestimmten, wer dort hinein durfte. Ich bin irgendwann aus diesem Familiensystem ausgestiegen.

Es hat lange gedauert, bis ich dahinter gekommen bin, dass auch der Schwiegertiger in eigenen Ängsten gefangen war und andere die systemischen Fäden in der Hand hielten.

Und doch fühle ich in diesen Tagen, dass ich noch immer auf seltsame Weise mit diesem System verbunden bin. Wenn ein Mensch Teil unseres Leben war, dann bleibt irgend was. Es bleiben die guten Erinnerungen. Und es bleibt der Schmerz über die Dinge, die ungeklärt bleiben.

Mögest du in Frieden ruhen.

Pauline

Was weiß ich schon…


Sonntag Nachmittag, 1. August, die Außentemperatur liegt bei kuscheligen 14° Grad Celsius. Ich war an diesem Tag nicht etwa auf Spitzbergen unterwegs, die frostigen 14° zeigte das Thermometer auf meiner Terrasse irgendwo im südlichen Thüringen an. Das Aperölchen im Glas vor mir wurde dank der arktischen Temperaturen zwar nicht warm, verlor aber zusehends an Spritzigkeit, weil süffige Kaltgetränke bei spätherbstlichen Temperaturen nun mal nur halb so gut schmecken.


Ich bin ein positiver Mensch und überzeugt davon, dass nichts ohne Grund, aber alles passiert, weil es gerade dran ist. Alles fließt…


Ich bin weder rechts, noch quer, trage keinen Aluhut und meine Speisen lasse ich auch nicht vorkosten. Aber ich mache mir schon in dem Wissen, dass ich eigentlich nichts weiß, gerne meine Gedanken.

Momentan komme ich einfach nicht drum herum, mich zu fragen, wo der Sinn bei so ziemlich jedem Thema liegen könnte, dass in den Medien gerade durchgehechelt wird. Dabei denke ich keineswegs an die aktuellste Busenversion von Sternchen X oder die neueste Schwangerschaft von Influencerin Y. Im Ernst: Wen interessiert das?!
Andererseits liegt vielleicht in der Antwort auf diese Fragen schon der Grund für das aktuelle Dilemma: Der gemeine Mensch scheint widerspruchslos alles aufzusaugen, was die Medien ihm zum Fraß vorwerfen. Je ekliger, skandalöser und blutrünstiger, umso besser. Wir glauben diskussionslos, was die Glotze ausspuckt. Sind wir alle verrückt geworden? Hinterfragen wir eigentlich überhaupt noch hin und wieder, was in unserem Land passiert?

Dass Thüringens Regierung vor Jahren sozusagen durch Sandkastenkloppereien entstanden ist, fand ich ziemlich peinlich, ist aber Schnee von gestern. Doch die Jungs von damals setzen jetzt noch einen drauf: Wir erinnern uns: Damals wurde der Thomas mit den Stimmen derer, mit denen keiner im selben Sandkasten sitzen wollte, zum Ministerpräsidenten gewählt. Die Folge waren fliegende Blumensträuße und beleidigte Teilnehmer auf allen Seiten. Thomas trollte sich, Bodo blieb Chef in der Sandkiste und versprach für dieses Frühjahr Neuwahlen. Dann verschob er das Ganze – Corona war schuld – auf September. So weit der Plan. Neulich ging es dann um die Auflösung des Parlaments. Ein Procedere, dass für demokratische Neuwahlen unabdingbar ist, doch – o Wunder – plötzlich wollten einige der Volksvertreter der verschiedensten Parteien sich an diese Abmachung nicht mehr halten, während die Stimmen anderer Teilnehmer keinesfalls zur Abstimmung hinzugezogen werden sollten. Das Parlament bleibt bestehen und Thüringen bis 2024 von einer Regierung geführt, die so eigentlich nie gewählt worden ist. Ich bin politisch gesehen ein absolutes Neutrum. Mir ist es grundsätzlich wurscht, wer in der Staatskanzlei hockt. Aber ich komme nicht um die Frage herum, ob Demokratie so funktioniert? Dies muss wohl so sein, denn Regierungs scheinen dieses Vorgehen kommentarlos durchgewunken zu haben. Vielleicht ist das ja der Lohn für Bodos Wandlung vom coronalen Querulanten zu Mamas treuestem Fan? Hach mein Kopfkino aber auch. Was weiß ich schon?


Überhaupt Corona… Die allein seligmachende Inzidenz lag am Montag im Landkreis Gotha bei mageren 1,3… Doch ändert diese kaum erwähnenswerte Zahl irgendwas an den gültigen Ge – und Verboten? Mitnichten. Scheinbar hat die Inzidenz nur dann Bedeutung, wenn sie so richtig schön hoch ist. Muss man ein Schelm sein, wenn frau sich leise fragt, wer der Gewinner dieses Desasters ist?
Manche Nachrichten berichten gar zögerlich von einer gewissen Impfmüdigkeit unter den Deutschen. Skandalös! Aus diesem Grund werden die Mutanten das Land erobern. Sonneberg lockte die Impffaulen neulich mit Gratisbratwurst. Juchhei! So billig lässt der Mensch sich kaufen.
Angeblich liegen momentan in Großbritannien ganze Wirtschaftszweige lahm, weil es täglich zahllose Neuinfizierte gibt, die alle in Quarantäne müssen. Aber waren die Briten nicht längst durchgeimpft? Wenn die Impfung Schlimmeres verhindert, wozu dann das ganze Bohei?! Was weiß ich schon?

Mir graut vor dem Herbst, denn unsere Medien werden nicht müde, von ständig steigenden Inzidenzen zu sprechen und Hochrechnungen anzustellen, was im Herbst passieren wird. Wegen der ungeimpften Kinder. Und der Reiserückkehrer. Und der rücksichtslosen Menschen, die ihr Impfangebot nicht wahrnehmen…. Nun ja, Großbritannien scheint uns vorzuleben, was scheinbar auch für vorbildlich Geimpfte unvermeidbar ist. Und während sich die Pharmaindustrie lachend auf die Schenkel haut, spalten die Medien fleißig die Gesellschaft.
Völlig überraschend kamen die zahllosen Experten der weitsichtigen Bundesregierung letzte Woche zu dem Schluss, dass rücksichtslose Reiserückkehrer ihre Schnelltests künftig selber zahlen müssen. Hach ja. Hat da etwa einer die Bundeskasse auf dem Schoß gehabt und einen Kassensturz mit niederschmetterndem Ergebnis gehabt? Ist die Staatskasse etwa leer und Regierungs haben keine Idee mehr, wie sie das verzapfte Desaster weiter finanzieren sollen? Da liegt doch nahe, dass jeder für sich selber verantwortlich ist. Also jedenfalls dann, wenn er ungeimpft ist. Aber was weiß ich schon.

Wie um das ganze Dielmma zu untermauern, saßen wir gestern Abend frierenderweise bei einem sehr netten Italiener hinterm Berg. Frierend nicht allein wegen der arktischen Temperaturen, nein offene Türen und Fenster sorgten dafür, dass keinem der Anwesenden warme Gedanken kamen. Lüften ist ja das neue gesund. Wen interessiert es, dass frau sich sich in derlei Umgebung schnell mal den Charakter verkühlt, oder man sich anderweitig den Tod holen kann? Es lauern überall Keime, denen unsere unterbeschäftigten Immunsysteme möglicherweise unbewaffnet gegenüberstehen könnten, denn dank Maskenwahnsinn und anderen Zwangsmaßnahmen hatte unsere Abwehr in den letzten Monaten nicht viel zu tun und könnte beängstigend schlimm aus der Übung sein. Aber was weiß ich denn schon…
Ich hatte den Gedanken nicht zu Ende gedacht, als ein älteres Paar – sie gehbehindert – durch den strömenden Regen zur weit offenen Tür herein kam. Der Pizzamann verneinte ihre Frage nach einem freien Tisch. Doch die Frau hinkte an einen nahen Achtertisch, an dem zwei rüstige Rentner saßen und fragte höflich, ob sie sich dazu setzen dürften. Die am Tisch sitzende Matrone keifte: „Da will ich ihren Negativtest sehen!“ Das Paar war sichtlich schockiert und er begann in seinen nassen Jackentaschen zu wühlen, vermutlich hatte er den Wisch tatsächlich in greifbarer Nähe. Seine Frau jedoch hatte mehr Stolz und sagte bestimmt: „Nein danke…“ und das Paar zog ab. Ich habe diese Szene erschüttert beobachtet. Was ist aus Menschlichkeit geworden? Wo ist die Nächstenliebe? Und ganz nebenbei fragte ich mich auch, ob die Keifende überhaupt berechtigt war, einen Test von einer Privatperson zu verlangen? Aber was weiß ich schon. Privatsphäre und Datenschutz sind vermutlich gerade nicht besonders zeitgemäß.

Was ist los mit uns?

Da greint ein vermutlich emotional unausgeglichener Teenager vor ein paar Jahren lauthals, dass wir (also vermutlich alle Lebenden) ihr die Zukunft gestohlen haben. Der Klimawandel… Friday for future. Und fortan ist Deutschland ganz vorne dabei, wenn es um Klimaschutz geht. Koste es, was es wolle.

Alles gut. Alles wichtig. Aber mir drängt sich der Gedanke an die gute alte Brechstange auf, mit der Deutschland sich gegen den Klimawandel stellt: Frei nach der Kanzlerin liebstem Satz: „Wir schaffen das!“ Damit scheinen allerdings hauptsächlich die Geldbeutel der Untertanen gemeint zu sein, denn die Spritpreise haben bereits schwindelerregende Höhen erreicht und ein Ende des Höhenfluges ist nicht in Sicht. Benzin und Diesel sind erledigt, wer das Klima schützen will, setzt verdammt noch mal auf E-Mobilität!

Ich will gar nicht darüber nachdenken, woher die ach so klimaneutralen Rohstoffe für die schicken E-Autos kommen und noch weniger darüber, ob und wie die zu entsorgen sind. Man sollte meinen, dass die hochbezahlten Experten bei Regierungs wissen, was sie machen. Aber mir stellt sich die Frage, wovon Ottonormalfrau ein solches politisch korrektes Gefährt finanzieren soll? Inzwischen hat jeder begriffen, dass fossile Brennstoffe schlecht fürs Klima sind. Aber ist die politische Verwandlung besagter Brennstoffe vom täglichen Bedarfsprodukt zum Luxusgut der richtige Weg? Denn was sollen die machen, bei deren monatlichem Einkommen nicht genug übrig bleibt, um mit steigender CO2 Steuer und gigantischen Brennstoffpreisen mithalten zu können? Wie kriegt Otto Normalfrau künftig bei frostigen Temperaturen die Bude warm?! Haben sich die Friday for future Jünger oder besser noch die Experten der Bundesregierung irgendwelche Gedanken darüber gemacht, wie die ehrgeizigen Ideen Deutschlands, die Welt fast im Alleingang zu retten, finanzierbar sind? Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass all die Experten bei Regierungs künftig mit dem (E)Bike in den Bundestag radeln. Wozu auch? Der Steuerzahler zahlt bestimmt den Sprit für ihren schicken Dienstwagen, koste er, was er wolle. Aber was weiß ich schon.


Die Medien verklickern dem braven Bürger, dass es unfein ist, Fleisch zu essen. Ich persönlich finde es viel unfeiner, dass Deutschland Tiere aus aller Welt importiert. Reichen die Viecher auf deutschen Weiden nicht? Oder geht es vielleicht auch hier nur ums Geld? Was weiß ich schon.

Bei Tageshöchsttemperaturen von 15° Celsius fällt es mir gerade schwer, im Klimawandel die eindeutige Richtung zu sehen. Statt Erderwärmung fühlt es sich gerade nach nahender Eiszeit an. Tatsache ist, dass das Klima sich ändert. Ich finde es fast unerheblich, ob der Mensch Schuld daran hat, oder ob Klima sich nun mal wandelt, wie es das – glaubt man den Grundlagen der Naturwissenschaften – immer getan hat. Ich persönlich würde es als wesentlich effizienter ansehen, wenn der Mensch, allen voran Politik und Industrie sich gemeinschaftlich der großen Herausforderung stellen würden, um dem Klimawandel zu begegnen. Vorbereitet zu sein auf Naturkatastrophen und knappe Wasservorräte, statt wie bisher und wie in jeder anderen Krisensituation völlig überrascht zu sein, wenn wirklich was passiert. Aber was weiß ich schon.

Ich gebe ohne Scham zu, dass ich im Gegensatz zu all den Politikern, Experten und sonstigen Durchblickern nur eins weiß: Nämlich dass ich nichts weiß.

Angesichts vieler unbewältigter Probleme in diesem Land erscheint es fast peinlich, dass noch immer Zeit für Gendergesterndl* bleibt. Könnte frau nicht annehmen, dass ein Mensch, der stark genug ist, sein Geschlecht zu ändern, auch selbstbewusst genug ist, sich bei geschlechterneutraler Anrede genauso angesprochen zu fühlen wie alle anderen? Meine Güte. Aber was weiß ich schon?

Ich wünsche mir die Gefühle vergangener Sommer zurück, diese unbeschwerten Tage voller Sonnenschein und Leichtigkeit, die Grillabende, als frau noch ohne Reue in ein Steak gebissen und keine Ahnung von Grillgemüse und Tofuburgern hatte. Ich träume von unverhüllt lachenden Gesichtern und sorglos genießenden Menschen.
Der Sommer in diesem Jahr scheint auf traurige Weise zu spiegeln, was in unserer Welt falsch läuft.

Aber ich bin ein positiv denkender Mensch und glaube fest daran, dass alles gut wird. Alles fließt und alles wandelt sich. Ich bin offen für Neues, aber ich will Antworten auf Fragen haben. Denn ich finde es nicht gut, nur zu wissen, dass ich nichts weiß…

Bis die Tage,

Pauline

Alpha, Beta, Gamma, Delta … und die Katastrophe


Coronasommer Nummer Zwei. Die aktuelle Inzidenz im Landkreis Gotha dümpelt bei drei herum, derweil Nachrichtensender bereits wieder dazu über gegangen sind, dem Volk von steigenden Infektionszahlen zu berichten. Tatsächlich liegt die bundesweite Inzidenz bei der dramatischen Zahl von acht und ich muss mich an dieser Stelle schon wieder selber mahnen, meinen Ironiemodus auszuschalten. Denn das böse C, bzw. die Angst davor ist so fest in vielen Köpfen, dass ich mich bang frage, ob ich mit meiner Ansicht vielleicht doch völlig daneben bin…

Ist Journalismus ist nicht von Haus aus verpflichtet, die Wahrheit zu berichten? Zu informieren? Ich erkenne Information nur ganz selten. Man berichtet von steigenden Infektionszahlen, inzwischen dankenswerterweise nicht mehr in den Pflegeheimen, die Bewohner sind ja – unserer extrem weitsichtigen Regierung sei es gedankt – inzwischen durchgeimpft. Nein, nun propagiert man, dass hauptsächlich jüngere Menschen (also die unter 60jährigen) sich infizieren. Und ich suche die Information hinter der Information. Für mich liegt es auf der Hand, dass man Infektionen bei den Nichtgeimpften häufiger findet. Wir erinnern uns: Bis in den Juni hinein gab es eine Impfpriorisierung. Nach dieser wurden neben besonderen Berufsgruppen ausschließlich alte Menschen geimpft… Und ganz nebenbei ist infiziert auch im Sommer Nummer 2 mit dem fiesen C noch lange nicht erkrankt.

Lassen wir das.


Blöd wird es aus meiner Sicht an der Stelle, wo die Medien wieder einmal die „Schuld“ an der ach so schlimmen Deltavariante bei den jungen Leuten lässt. Weil die sich nicht an die Regeln halten. Weil sie reisen. Weil sie… nicht geimpft sind?!
Wer sich mit dem Thema Viren jemals auch nur ein bisschen befasst hat, weiß, dass Viren mutieren. Weil sie es können. Und weil sie sich anpassen müssen, um zu überleben. Das war immer so und wird immer so sein. Man wird sie nicht los, indem man Menschen mit einseitigen Informationen in Angst und Schreckensszenarien hält.
Das RKI veröffentlichte irgendwann im letzten Lockdown ein Papier, dass sich mit verschiedenen „Lockerungsschritten“ befasst hat. Die niedrigste dort angegebene Inzidenzzahl lag – meine ich mich zu erinnern – bei einem Wert von unter 35. Normales Leben war auch in dieser Stufe in diesem Papier nicht vorgesehen… Und obwohl die Basiszahl 35 seit Langem deutlich unterschritten ist, gehen wir noch immer brav verhüllt einkaufen, Bahn fahren oder Pipi machen im Restaurant. An vielen Orten zwingt man den braven Bürger sogar noch immer zum Tragen einer FFP2 Maske. Warum? Keiner scheint es zu wissen.

Neulich beim Besuch der Siegessäule in Berlin:

Es war ein sehr warmer Sonntagvormittag und die Goldelse war nur spärlich besucht. Als brave Bürger zogen wir eine medizinische Maske über die Gesichter, wir sind ja keine Querulanten. Doch die Empfangsdame war gnadenlos und verweigerte uns den Zugang zu Berlins Wahrzeichen, weil wir nicht vorschriftsmäßig verhüllt waren. Während MC einigermaßen angefressen zum Auto zurück marschierte, um das geforderte Kleidungsstück zu holen, fragte ich die Dame, ob das Tragen von FFP2 Masken angesichts des kaum erwähnenswerten Inzidenzwertes überhaupt noch zeitgemäß sei? Doch sie hob die Achseln und sagte leise, dass einfach keine Anweisung zur Veränderung dieser Kleiderordnung vorliegen.

Wie geht das?! Sind Regierungs überhaupt daran interessiert, dass der brave Bürger zur Normalität zurück findet? Ich erinnere mich vage an diverse Berichte von unendlichen Mengen an FFP- 2 Masken, die im Auftrag der Regierung angeschafft worden sein sollen und die müssen vielleicht endlich unters Volk. Papperlapapp, ich wieder mit meinen Gedanken…

Wir beugten uns also zähneknirschend der fehlenden Formalie bezüglich der Verhüllungsanordnung und kletterten in sommerlicher Mittagshitze die 285 Stufen der Goldelse hinauf. Fast hätte ich hyperventiliert, aber der Entenschnabel auf meinem Schnabel erlaubte derlei Unverschämtheiten nicht. Was denken sich die Verantwortlichen eigentlich? Da wird aus Todesangst vor einer Virusvariante das Atmen durch Masken erschwert und stattdessen das Risiko von gefährlichen Kreislaufproblemen billigend in Kauf genommen. Wo bitte ist hier der Bezug zur Wirklichkeit?
Wollen wir das so?! Wenn ich darüber nachdenke, scheint die Antwort nur ja lauten zu können.
In meinem Umfeld erlebe ich immer wieder, dass vorbildlich durchgeimpfte Mitmenschen nach wie vor nur maskiert unterwegs sind. Weil sie die Ungeimpften schützen müssen. Aha…
Neulich fragte ich eine Bekannte, wie denn der Urlaub war. Sie begann sofort einen langen Monolog darüber, wie gut die Coronamaßnahmen am Urlaubsort umgesetzt worden seien. Ich unterbrach den Vortrag irgendwann mit dem Hinweis, dass ich mich eigentlich eher für ihren Urlaub interessierte. Sie sah mich kurz an und erklärte mir ausführlich, dass sie und ihr Mann ja komplett geimpft seien und es ihr sehr gefallen hat, dass überall Testzelte standen. Ich ging frustriert aus dem Gespräch, ohne erfahren zu haben, wo die Bekannte Urlaub gemacht hatte, oder wie Wetter und Essen gewesen sind. Vielleicht weiß die Dame das selber nicht? Ihr Fokus lag bei den Coronamaßnahmen und sie war offenbar voll auf ihre Kosten gekommen.


Was stimmt nicht mit mir?


Die Inzidenz im Landkreis Gotha liegt unter fünf. In den meisten anderen Landkreisen Thüringens ist das nicht anders. Aber ändert sich irgend etwas? Mitnichten. Im Gegenteil. Man geht dazu über, mit sprichwörtlichen Fingern auf andere Länder zu zeigen, in denen derzeit die Masken endlich fallen dürfen. Man diskutiert in Deutschland sehr kontrovers über die Aussage des Außenministers, das spätestens im August die rechtliche und politische Rechtfertigung zu Maskenzwang und anderen Einschränkungen nicht mehr gegeben sind und lässt neben Dauerangsthase Karlchen ausschließlich jene Menschen zu Wort kommen, die jegliche Lockerungen für verfrüht halten. Ich lese in sozialen Netzwerken von Nutzern, die sich bejubeln und beglückwünschen, weil sie nun endlich geimpft sind. Eine schrieb, sie habe ihre erste Impfung endlich erhalten und es fühle sich an wie Weihnachten. Eine andere schrieb, wie dankbar sie sei, endlich vollständig geimpft zu sein.

Bitte sehr. Meinetwegen. Ich finde, jeder sollte das Recht auf eigene Weltanschauung haben.

Aber bitte nicht nur dann, wenn sie dem Mainstream folgt. Ich habe tausend Fragen, fühle mich an vielen Stellen ver… Was stimmt nicht mit mir?

Wenigstens in Sachsen sollen in diesen Tagen endlich die Masken fallen. Vielleicht gibt es doch noch Hoffnung, dass Eigenverantwortung und Selbstbestimmung irgendwann über Diktatur stehen?

Denn nach Delta kommt Epsilon. Und danach Zeta und Eta. Das griechische Alphabet ist lang. Und die Kreativität und das Durchhaltevermögen der Coronaviren auch.

Während ich diesen Text in die Endfassung zu bringen versuche, versinken Teile Deutschlandes in nie gekannten Wassermassen. Menschen sterben, Staudämme drohen zu brechen, ganze Ortschaften werden zerstört. Der Klimawandel… Eine Katastrophe nie da gewesenen und für mich unvorstellbaren Ausmaßes. Den Menschen im Katastrophengebiet gehört mein ganzes Mitgefühl.

Und mir fällt auf, wie sich plötzlich alles relativiert. In den Nachrichten von heute wurde Corona höchstens in Nebensätzen erwähnt.

Es geht weiter!


Kinner nee, ich freue mich so! Ich freue mich, weil ich endlich wieder das machen darf, was ich so liebe. Ich freue mich, weil ich das in einem solchen Schmuckstückchen von Bibliothek machen darf. Am meisten freue ich mich auf euch!

Wann? Morgen, 18.30 Uhr

Wo? Theodor Neubarer Park, Bad Tabarz, am Brunnen 🙂