Alpha, Beta, Gamma, Delta … und die Katastrophe


Coronasommer Nummer Zwei. Die aktuelle Inzidenz im Landkreis Gotha dümpelt bei drei herum, derweil Nachrichtensender bereits wieder dazu über gegangen sind, dem Volk von steigenden Infektionszahlen zu berichten. Tatsächlich liegt die bundesweite Inzidenz bei der dramatischen Zahl von acht und ich muss mich an dieser Stelle schon wieder selber mahnen, meinen Ironiemodus auszuschalten. Denn das böse C, bzw. die Angst davor ist so fest in vielen Köpfen, dass ich mich bang frage, ob ich mit meiner Ansicht vielleicht doch völlig daneben bin…

Ist Journalismus ist nicht von Haus aus verpflichtet, die Wahrheit zu berichten? Zu informieren? Ich erkenne Information nur ganz selten. Man berichtet von steigenden Infektionszahlen, inzwischen dankenswerterweise nicht mehr in den Pflegeheimen, die Bewohner sind ja – unserer extrem weitsichtigen Regierung sei es gedankt – inzwischen durchgeimpft. Nein, nun propagiert man, dass hauptsächlich jüngere Menschen (also die unter 60jährigen) sich infizieren. Und ich suche die Information hinter der Information. Für mich liegt es auf der Hand, dass man Infektionen bei den Nichtgeimpften häufiger findet. Wir erinnern uns: Bis in den Juni hinein gab es eine Impfpriorisierung. Nach dieser wurden neben besonderen Berufsgruppen ausschließlich alte Menschen geimpft… Und ganz nebenbei ist infiziert auch im Sommer Nummer 2 mit dem fiesen C noch lange nicht erkrankt.

Lassen wir das.


Blöd wird es aus meiner Sicht an der Stelle, wo die Medien wieder einmal die „Schuld“ an der ach so schlimmen Deltavariante bei den jungen Leuten lässt. Weil die sich nicht an die Regeln halten. Weil sie reisen. Weil sie… nicht geimpft sind?!
Wer sich mit dem Thema Viren jemals auch nur ein bisschen befasst hat, weiß, dass Viren mutieren. Weil sie es können. Und weil sie sich anpassen müssen, um zu überleben. Das war immer so und wird immer so sein. Man wird sie nicht los, indem man Menschen mit einseitigen Informationen in Angst und Schreckensszenarien hält.
Das RKI veröffentlichte irgendwann im letzten Lockdown ein Papier, dass sich mit verschiedenen „Lockerungsschritten“ befasst hat. Die niedrigste dort angegebene Inzidenzzahl lag – meine ich mich zu erinnern – bei einem Wert von unter 35. Normales Leben war auch in dieser Stufe in diesem Papier nicht vorgesehen… Und obwohl die Basiszahl 35 seit Langem deutlich unterschritten ist, gehen wir noch immer brav verhüllt einkaufen, Bahn fahren oder Pipi machen im Restaurant. An vielen Orten zwingt man den braven Bürger sogar noch immer zum Tragen einer FFP2 Maske. Warum? Keiner scheint es zu wissen.

Neulich beim Besuch der Siegessäule in Berlin:

Es war ein sehr warmer Sonntagvormittag und die Goldelse war nur spärlich besucht. Als brave Bürger zogen wir eine medizinische Maske über die Gesichter, wir sind ja keine Querulanten. Doch die Empfangsdame war gnadenlos und verweigerte uns den Zugang zu Berlins Wahrzeichen, weil wir nicht vorschriftsmäßig verhüllt waren. Während MC einigermaßen angefressen zum Auto zurück marschierte, um das geforderte Kleidungsstück zu holen, fragte ich die Dame, ob das Tragen von FFP2 Masken angesichts des kaum erwähnenswerten Inzidenzwertes überhaupt noch zeitgemäß sei? Doch sie hob die Achseln und sagte leise, dass einfach keine Anweisung zur Veränderung dieser Kleiderordnung vorliegen.

Wie geht das?! Sind Regierungs überhaupt daran interessiert, dass der brave Bürger zur Normalität zurück findet? Ich erinnere mich vage an diverse Berichte von unendlichen Mengen an FFP- 2 Masken, die im Auftrag der Regierung angeschafft worden sein sollen und die müssen vielleicht endlich unters Volk. Papperlapapp, ich wieder mit meinen Gedanken…

Wir beugten uns also zähneknirschend der fehlenden Formalie bezüglich der Verhüllungsanordnung und kletterten in sommerlicher Mittagshitze die 285 Stufen der Goldelse hinauf. Fast hätte ich hyperventiliert, aber der Entenschnabel auf meinem Schnabel erlaubte derlei Unverschämtheiten nicht. Was denken sich die Verantwortlichen eigentlich? Da wird aus Todesangst vor einer Virusvariante das Atmen durch Masken erschwert und stattdessen das Risiko von gefährlichen Kreislaufproblemen billigend in Kauf genommen. Wo bitte ist hier der Bezug zur Wirklichkeit?
Wollen wir das so?! Wenn ich darüber nachdenke, scheint die Antwort nur ja lauten zu können.
In meinem Umfeld erlebe ich immer wieder, dass vorbildlich durchgeimpfte Mitmenschen nach wie vor nur maskiert unterwegs sind. Weil sie die Ungeimpften schützen müssen. Aha…
Neulich fragte ich eine Bekannte, wie denn der Urlaub war. Sie begann sofort einen langen Monolog darüber, wie gut die Coronamaßnahmen am Urlaubsort umgesetzt worden seien. Ich unterbrach den Vortrag irgendwann mit dem Hinweis, dass ich mich eigentlich eher für ihren Urlaub interessierte. Sie sah mich kurz an und erklärte mir ausführlich, dass sie und ihr Mann ja komplett geimpft seien und es ihr sehr gefallen hat, dass überall Testzelte standen. Ich ging frustriert aus dem Gespräch, ohne erfahren zu haben, wo die Bekannte Urlaub gemacht hatte, oder wie Wetter und Essen gewesen sind. Vielleicht weiß die Dame das selber nicht? Ihr Fokus lag bei den Coronamaßnahmen und sie war offenbar voll auf ihre Kosten gekommen.


Was stimmt nicht mit mir?


Die Inzidenz im Landkreis Gotha liegt unter fünf. In den meisten anderen Landkreisen Thüringens ist das nicht anders. Aber ändert sich irgend etwas? Mitnichten. Im Gegenteil. Man geht dazu über, mit sprichwörtlichen Fingern auf andere Länder zu zeigen, in denen derzeit die Masken endlich fallen dürfen. Man diskutiert in Deutschland sehr kontrovers über die Aussage des Außenministers, das spätestens im August die rechtliche und politische Rechtfertigung zu Maskenzwang und anderen Einschränkungen nicht mehr gegeben sind und lässt neben Dauerangsthase Karlchen ausschließlich jene Menschen zu Wort kommen, die jegliche Lockerungen für verfrüht halten. Ich lese in sozialen Netzwerken von Nutzern, die sich bejubeln und beglückwünschen, weil sie nun endlich geimpft sind. Eine schrieb, sie habe ihre erste Impfung endlich erhalten und es fühle sich an wie Weihnachten. Eine andere schrieb, wie dankbar sie sei, endlich vollständig geimpft zu sein.

Bitte sehr. Meinetwegen. Ich finde, jeder sollte das Recht auf eigene Weltanschauung haben.

Aber bitte nicht nur dann, wenn sie dem Mainstream folgt. Ich habe tausend Fragen, fühle mich an vielen Stellen ver… Was stimmt nicht mit mir?

Wenigstens in Sachsen sollen in diesen Tagen endlich die Masken fallen. Vielleicht gibt es doch noch Hoffnung, dass Eigenverantwortung und Selbstbestimmung irgendwann über Diktatur stehen?

Denn nach Delta kommt Epsilon. Und danach Zeta und Eta. Das griechische Alphabet ist lang. Und die Kreativität und das Durchhaltevermögen der Coronaviren auch.

Während ich diesen Text in die Endfassung zu bringen versuche, versinken Teile Deutschlandes in nie gekannten Wassermassen. Menschen sterben, Staudämme drohen zu brechen, ganze Ortschaften werden zerstört. Der Klimawandel… Eine Katastrophe nie da gewesenen und für mich unvorstellbaren Ausmaßes. Den Menschen im Katastrophengebiet gehört mein ganzes Mitgefühl.

Und mir fällt auf, wie sich plötzlich alles relativiert. In den Nachrichten von heute wurde Corona höchstens in Nebensätzen erwähnt.

Es geht weiter!


Kinner nee, ich freue mich so! Ich freue mich, weil ich endlich wieder das machen darf, was ich so liebe. Ich freue mich, weil ich das in einem solchen Schmuckstückchen von Bibliothek machen darf. Am meisten freue ich mich auf euch!

Wann? Morgen, 18.30 Uhr

Wo? Theodor Neubarer Park, Bad Tabarz, am Brunnen 🙂

Liebe, Vertrauen und das Ding mit dem Ex


Der Mann den ich liebe, gehört zu der unabhängigen Sorte. Das ist eine seiner Eigenschaften, die ihn für mich von Anfang an so besonders gemacht haben. Ich stehe nun mal auf blitzende Augen, wenn ein Mensch mir von Abenteuer XY in einem fernen Land berichtet. Mich fasziniert die Begeisterung, mit der jemand etwas zu sagen hat. Mich begeistern Bilder von einem Menschen vor Hintergründen, über die nur er etwas zu berichten hat. An Strand Z liegen kann schließlich jeder.

Die Herausforderung, mit einem unabhängigen Menschen zu leben liegt vielleicht auch darin, dass frau nicht unbedingt jedes Abenteuer des Liebsten hautnah miterleben muss. Wenn die Ferne lockt, kann ich MC mit Motorrad und seinen Mannen ziehen lassen und vertraue darauf, dass er gesund und fröhlich wieder kommt…

Ich vertraue.

Eine Angewohnheit, die nicht selten Erstaunen in meinem Umfeld hervorruft. Was alles passieren kann! Und mit wem?!

Mhm… Ich bin blauäugig. Aber ich vertraue. Trotz allem. Ist mir noch zu helfen?

In einem anderen Leben war mein Mann ein biederer Mensch, der morgens zur Arbeit ging und erst spät nach Hause kam. In der Garage zischte er mit den Kumpels gerne das eine oder andere Feierabendbierchen, samstags legte er Würstchen auf den Grill und sonntags gab es Formel Eins. Leider war er nicht zu bewegen, dem heimischen Kirchturm weiter als ein paar Kilometer den Rücken zu kehren und so kam es, dass ich gar nicht merkte, wie sehr das Leben an mir vorbei ging. Während ich mich um Haus und Hof kümmerte, ging er seiner Leidenschaft nach: Jagen. Es dauerte eine Weile, bis ich dahinter kam, dass seine Flinte eher in Richtung zweibeiniger Rehe zielte. Damals beschloss ich, nie wieder zu vertrauen…

Später wurde ich für einen anderen Menschen die Beste. Dennoch war ich wohl nicht gut genug, denn eine andere war besser. Und ich fragte mich verzweifelt: „Was hat sie, was ich nicht habe?“ Diese Frage kann der vernünftig denkende Mensch mit drei Buchstaben beantworten: „Ihn!“ Mehr gibt es dazu nicht zu sagen, aber das Ding mit dem Vertrauen wurde erneut zum Thema. Ein blöder Kalenderspruch besagt, dass man sich immer zweimal im Leben sieht und so war es auch in diesem Fall. Man traf sich wieder. Alles war wie damals, so wunderbar, so leicht, so …

… Die andere Frau war immer noch da. Und was blieb, war dieses leicht bittere Geschmäckle von Rache. Und während er in der Gewissheit, dass „alles, was im Camp passiert, auch dort bleibt“ zu ihr zurückkehrte, stellte ich mir schon wieder die Frage, was die andere Frau wohl hat, was mir fehlt.

Stop !

Statt erneut an mir selber zu zweifeln, änderte ich meinen Blickwinkel und versuchte, mich in die Rolle der Anderen hineinzuversetzen. Diese Frau, die ihn, den Mann, den sie liebte, vertrauensvoll mit den Kumpels losziehen ließ. Bestimmt beinhaltete ihre Vorstellung von Vertrauen nicht die Erlaubnis, dass er die Vergangenheit auskostete, weil die ihm beim gleichen Event zufällig über den Weg gelaufen ist. Und ganz sicher würde sie das Anbaggern der Ex des Liebsten nicht mit seiner Erklärung entschuldigen, dass er überrascht und erfreut war, die Verflossene zu treffen und die Ausgelassenheit seiner Männerrunde ihn beschwingt habe, zu testen, ob die Ex noch immer die Beste sei. Auch dem Teufel Alkohol einen Teil der Verantwortung für gebrochenes Vertrauen zu überantworten ist sicherlich nicht Teil der Vorstellung von vertrauensvollem Männerurlaub in der Vorstellung der anderen Frau.

Bei derlei Überlegungen wurde mir bewusst, dass dieser Frau mein ganzes Mitgefühl gehörte. Mir wurde klar, dass sie gerne behalten kann, was ich nicht habe. Ihn. Ich werde nie erfahren, was diesen Menschen zum Betrug an seiner Frau brachte und es ist mir auch wurscht. Aber ich bin überzeugt davon, dass man den Partner tatsächlich vertrauensvoll mit den Kumpels ziehen lassen kann, wenn die Partnerschaft funktioniert und das Ding von Partner, Freund und Vertrautem mehr als Geschwätz ist.

Ich habe den Partner, den Freund, den Vertrauten im meinem Leben. Wenn MC mit Kumpel Klaus wochenlange Motorradreisen macht, dann vertraue ich, dass die Liebe, die uns verbindet, keinen Platz für Dritte lässt.

Wie diese andere Frau vertraue ich…

Und hoffe, dass mir nie widerfährt, was sie nie erfahren wird. Und falls doch, nun… Ich würde es wissen wollen. Auf gar keinen Fall will ich die andere Frau sein. Ich möchte nicht Teil einer Beziehung sein, wo einer vielleicht nie zufrieden und immer auf der Suche nach einer Besseren ist. Oder nach Bestätigung? Ich möchte niemanden in meinem Leben haben, der eigentlich lieber woanders wäre.

Die Überlegung, was die Andere hat, was ich nicht habe, ist die Energie nicht wert. Ich habe den Partner. Den Freund. Den Vertrauten. Ich vertraue.

In Liebe

Pauline

Maskerade


Ich gebe ohne rot zu werden zu, wie schmerzlich ich im letzten halben Jahr das gute alte Shopping vermisst habe. Ich bin eine Frau und wie die meisten meiner Artgenossinnen habe ich ab und zu das Bedürfnis, mit den Mädels durch die Läden zu bummeln, das eine oder andere Teilchen anzuprobieren und die meisten davon gleich darauf verschämt „Meine Güte, das betont ja wirklich alles!“ oder milde empört „Welche Frau trägt denn so was?!“ wieder auf den Bügel zu hängen.
Männer können nur selten nachvollziehen, was uns Frauen bewegt, wenn eine von uns mit den Freundinnen bummeln geht. Shopping hat für uns weniger mit dem Erwerb neuer Kleidung zu tun, denn das könnten wir notfalls online erledigen. Genau genommen hat jede von uns genug Klamotten, um die nächsten drei bis fünf Lockdowns locker zu überstehen. Aber wenn wir uns für eine Shoppingtour verabreden, dann geht es um einen wichtigen sozialen Aspekt: Austausch. Natürlich wollen wir wissen, was frau gerade so trägt. Aber wir Mädels sind erwachsen genug, um zu wissen, dass wir nicht jede Mode mit machen müssen. Aber die modischen Abenteuer in den Läden anzuprobieren und kichernd zu verwerfen lässt uns erkennen, dass unsere Modesünden von damals entweder gar nicht so schlimm, oder was noch viel schlimmer ist, gerade wieder up to date sind. Wir wollen schnatternd angucken, anfassen und anprobieren, was da so abhängt. Und nur wenn ein Teilchen laut zu uns spricht, dann muss es mit. Falls es dann noch von einem roten Schildchen geziert wird, ist weibliches Glück vollkommen.
Anschließend besprechen wir unsere Käufe und alles andere, was unser Leben gerade bunt macht, bei unserem Lieblingsitaliener.


Kinner nee, was war das Leben schön damals…

Ich gestehe geknickt, dass ich im letzten Jahr selbst ordinäre Lebensmitteleinkaufstempel nur dann betreten habe, wenn die Mäuse vor meinem Kühlschrank dem Hungertod nahe gewesen sind. Das lag nicht etwa an übergroßer Angst vor einer todbringenden Seuche, aber seit der Mund-Nase- Schutz das wichtigste Kleidungsstück seit der Erfindung der Unterwäsche geworden ist, fühle ich mich schlecht angezogen. Maskierung verursacht bei mir Beklemmung und ich erinnere mich noch gut an vergangene Urlaubsreisen in Länder, wo Frauen verschleiert leben müssen, weil ihr Glauben, ihr Mann oder sonst wer das so vorschreibt. Voller Mitgefühl überlegte ich damals, wie sich eine Frau wohl fühlen mag, deren Mimik hinter einem Lappen verborgen ist. Abgegrenzt? Mundtot? Inzwischen weiß ich, wie es mir selber hinter dem Lappen geht. Doch der Mensch gewöhnt sich an alles und auch ich komme nicht umhin, das Ding, das mir die Sicht auf die Körpersprache anderer nimmt und verbale Kommunikation erschwert, widerstrebend zu akzeptieren. …

Aber dann, der Jahreszeit – oder meinetwegen unserer weit vorausschauenden Regierung – sei es gedankt, gingen die Inzidenzwerte endlich runter und mancherorts wurden Freudentränen vergossen, weil Menschen mit den drei G und Termin endlich wieder Zutritt zu den gängigen Shoppingtempeln gestattet wurde. Doch so leid uns Mädels die Gothaer Einzelhändler auch taten, wir wählten diese Art von Freizeitvergnügen sofort ab. Keine von uns wollte ausprobieren, wie entspannt Bummeln mit Termin wohl sein kann. In meiner Vorstellung wäre Shoppingqueen die reinste Butterfahrt im Vergleich mit dem Run von einem Laden zum nächsten, Uhr und Terminplan immer im Auge. Danke. Aber nein, danke.

So kam es, dass ein Baumarktbesuch bis vor wenigen Wochen für mich das intensivste Shoppingerlebnis des Jahres war und entsprechend eindringlich bat ich MC, dass er mich beim Bestaunen verschiedener Armaturen, Paneele und allerlei Gartengeräte um Himmels Willen nicht stören solle.

Schließlich kam der seltsame Tag, an dem wir Mädels nach langen Monaten der Abstinenz zu einer Shoppingtour aufgebrochen sind, die eigentlich war, wie so viele in den letzten Jahren. Und doch war nichts genau so…

Der erste Laden, dessen Türe einladend geöffnet war, war eine Tchibo – Filiale. Lotta fragte die Dame, die uns freundlich herein winkte, ob man denn wirklich alles kaufen dürfe? „Nicht, dass frau nur Kaffee kaufen darf und alles andere eigentlich vor begehrlichen Blicken verhängt sein müsste…“, versuchte sie mit Bezug auf diverse Erlebnisse in Schuhgeschäften einen Scherz, doch die Verkäuferin versicherte gut gelaunt, dass alles, was wir sehen auch zu haben sei. „Denken Sie sich:“, kicherte sie: „In den ersten Tagen nach der Eröffnung fragten die meisten Kunden nach Unterwäsche!“ Lotta nuschelte ungerührt: „Nach einem halben Jahr im Lockdown sind die alten Buxen nun mal durchgesessen.“

Wir haben an diesem Tag keine Unterhosen gekauft und auch sonst nichts. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass die Sommermode an unseren Geschäften vorbei gegangen ist. Ein schickes Kleidchen fand ich zwar, aber dem bedauernswerten Händler hatte man bei Bauarbeiten vor der Ladentüre das WLAN – Kabel gekappt und die Bank meines Vertrauens an der Ecke gleich nebenan bekam just an diesem Tag einen neuen Geldautomaten und ich kein Bares. Das Erlebnis „Shopping“ war also beim ersten Versuch nach dem langen Winterschlaf eher seltsam, was meiner guten Stimmung nicht schadete, denn die Sonne lachte zum ersten Mal in diesem Jahr ungehindert vom Himmel und verwöhnte unsere gekalkten Gebeine mit Wärme und unsere müden Seelen mit Hoffnung. Urlaubsstimmung machte sich breit.

Unseren jährlichen Mädelsurlaub hatten wir aus logistischen Gründen um eine Woche vorverlegt. Wettertechnisch hatten wir so den Hauptgewinn ergattert. So kam es, dass zweieinviertel Frauen und ein Hund einen Freitag früher als geplant ihr Quartier exakt am selben Ort wie immer, nämlich genau an der Grenze zwischen Brandenburg und Mecklenburg Vorpommern bezogen haben.

Kinner nee, was war das Kind in mir happy, als wir unsere Runden im sinnlosesten aller Kreisverkehre dieser Welt drehten. Was haben wir Mädels gekichert, als wir wie in jedem Jahr um die Wette geschaukelt haben und was war ich froh, dem WLAN und anderem weltlichen Schnödeldrö für ein paar Tage abschwören zu dürfen.

Nicht erreichbar sein. Was für ein befreiendes Gefühl. Da war nur die alte Hütte, die große Feuerschale, der See und ein allumfassender Frieden. Ich bin so froh, dass es diesen Ort gibt, an dem scheinbar alles noch beim Alten ist. Doch möglicherweise nicht mehr lange, denn dort munkelt man etwas davon, dass der Kopf einer berühmt – berüchtigten deutschen Band sich genau an diesem Ort niederlassen will…

Nun ja, solange er dort nicht nächtens die Bässe prüft, ist mir auch das ziemlich wurscht. Aber in jedem Gerücht soll ja angeblich ein bisschen Wahrheit stecken und so ist zu erwarten, dass der Wandel auch an der Ecke Schorfheide/Nirgendwo nicht stehen bleiben wird…

Tage später bretterten wir über staubige Straßen, die kein Navi kennt zum nächsten Bahnhof, denn den Abschluss meines Mädelsurlaubes machte in diesem Jahr ein Besuch bei meinem Lieblingskind. Der Kontrast zwischen der schorfigen Heide und einer Großstadt könnte nicht größer sein. „Was solls?“, dachte ich: „Universitäten gibt es nun mal nicht auf dem Dorf.“, und sprang irgendwo in Berlin aus dem Zug. Als ein erwachsener Kerl an uns Mädels vorbei lief und selbstvergessen: „Hup hup. Hup hup!“ machte, wurde mir klar, warum das Lieblingskind Berlin nicht ganz in dem Licht sieht, wie meine Wenigkeit es ganz gerne macht. Berlin ist laut und verrückt. Und es stinkt. Jawoll, alles richtig. Aber für Frauen meiner Generation hat Berlin noch immer einen ganz besonderen Zauber. Es ist das Berlin des legendären Springsteen – Konzertes, der Ort, der nicht mehr mitten „Unter den Linden“ endet, sondern der Ort, wo deutsche Geschichte geschrieben worden ist, als die Mauer fiel.

In der Hauptstadt versuchten wir es nochmal mit der Shoppingtour und mussten feststellen, dass die da in Preußen scheinbar mit den Inzidenzen ganz schön hinterher hinken: Nirgends war ein Reinkommen ohne Luca möglich, der nicht etwa ein angesagter Türsteher, sondern die wichtigste App des Landes ist. Wer sie – wie ich – nicht hat, kommt nicht rein. Und wer – wie mein Lieblingskind statt einer FFP2 nur eine ordinäre medizinische Maske an der Nase hängen hat, auch nicht. So gesehen haben wir eine Menge Geld gespart, doch der Spaß hört für mich bekanntlich auf, wenn ich Hunger habe. Diesen Kampf verlor ich gegen den angesagten Burgerladen mit dem Namen eines deutschen Märchens in Nullkommanix. Manchen Düften gegenüber ist frau einfach machtlos.

Endlich gesättigt saßen wir viel später an diesem Abend ordentlich FFP2– verhangen in der nächsten S-Bahn. Da passierte es: Im Beisein meines schönen jungen Lieblingskindes kam ich nicht umhin, den Blick eines ziemlich attraktiven Mannes zu bemerken, der uns gegenüber an der S-Bahn-Wand lehnte. Die langen Beine steckten in hellen Jeans und der Rest vom Kerl in lässigem Hemd. Er war ein richtig cooler Typ und es ist nicht weiter erwähnenswert, dass die Zeiten vorbei sind, in der Kerle mich anflirten. Jedenfalls nicht, wenn sich jugendlich glatte Konkurrenz in meinem Radius aufhält. Aber dieser Typ, das verrieten der angegraute Rauschebart hinter dem Lappen davor und die Fältchen um seine Augen, war in meinem Alter. Also da hörte doch alles auf! Wann hatte der Kerl zuletzt in seinen Personalausweis …

… Noch während ich diesen wenig wertschätzenden Gedanken dachte, wurde mir bewusst, dass das Augenzwinkern von der anderen Seite nicht meiner schnuckeligen Jungerwachsenen, sondern mir galt! Ich versuchte ein Lächeln in seine Richtung, aber entweder erreichte dies meine Augen nicht, oder dem Typen war seine eigene Flirterei wegen scheinbarer Einseitigkeit schon wieder zu blöd, jedenfalls schaute er fortan in eine andere Richtung.

Kinner nee, dieser Irrsinn mit den Fetzen im Gesicht nimmt uns aber auch jeden Spaß! Im Ernst: Flirten ist ein harmloses Spiel, dass jedem Menschen den Tag verschönert. Meine Oma Stock pflegte im letzten Jahrtausend schon zu sagen: „Lächle und die Welt lächelt zurück!“ Sie musste es wissen, denn sie hatte für jeden ein kleines Lächeln und ich habe es ihr nachgemacht und finde ihr Motto bestätigt. Doch neuerdings erreicht mein Lächeln die anderen nicht mehr und keiner lächelt zurück. Sind wir etwa dabei, Leichtigkeit ganz und gar der Maske des neuen „Normals“ zu opfern?

Den coolen Typen in der S – Bahn, der diesen Text nie lesen wird, lege ich hiermit feierlich ans Herz: „Versuchen Sie es wieder! Lächeln ist so selten geworden in einer Welt, die vor lauter Angst vor dem Tod zu leben vergisst.“

Bis die Tage, Pauline

Junisonne, (k)ein Festival und der Kaugummi am Schuh


Wir Mädels nutzten den knallig heißen Hochsommertag mitten im Juni für einen faulen Tag an unserer Talsperre. Drei Frauen präsentierten kalkweiße Gebeine der lachenden Sonne und dem alten Mädchen Lütsche. In mir breitete sich die beruhigende Gewissheit aus, dass immer irgendwas bleibt, dass unserem Leben Beständigkeit vermittelt, egal wie groß der Irrsinn in unserer Welt auch ist. Die alte Talsperre gehört dazu, denn obwohl sie in den Wintermonaten in ihrer Leere die Vergänglichkeit des Lebens zu demonstrieren scheint, liegt sie in jedem Sommer zuverlässig gut gefüllt und friedlich zwischen den Bergen herum. Und noch etwas scheint Bestand zu haben: Nämlich die fröhlichen Stunden mit den Mädels.

Der Juni ist für mich seit vielen Jahren der Monat. Es ist der Monat mit dem Krämerbrückenfest, dem Mädelsurlaub und dem Festival. Es ist der Monat, in dem der Sommer beginnt. Unbeschwerte Leichtigkeit. Lebensfreude. Abenteuer.

Eigentlich.

Ich habe kürzlich für mich beschlossen, dem bösen C so wenig Raum wie irgend möglich in meinen Gedanken, meinen Texten und meinem Leben zu geben, weil es mir nicht gut tut…

Dennoch komme ich nicht drum herum zuzugeben, dass ich nicht verhindern kann, mich zu erinnern, wie es mal war, bevor das Kerlchen mit all seinen Mutanten die Welt erobert hat.

Schatz, weißt du noch: Damals?“

Vom Krämerbrückenfest redet niemand mehr. Na gut, die vielen Menschen, die sich dort tummelten kann man mögen, muss man aber nicht. Außerdem hat Erfurt in diesem Jahr die BUGA …

Mit dem Festival scheint es sich anders zu verhalten. Von ganz außen betrachtet, sieht es aus, als kämpfen die Veranstalter einen unfairen Kampf gegen ein Virus, dass da ist und auch wieder nicht. Denn bei Inzidenzzahlen von unter 15 kann man kaum von Pandemielage sprechen. Aber unsere Politiker sind vorausschauend und vorsichtig… Schon früh in diesem Jahr veröffentlichte das RKI einen Stufenplan, den inzwischen jeder kennt. Bedauerlicherweise hört dieser Stufenplan bei der „Basisstufe“ auf. Und die besagt, dass in der Basisstufe im Freien maximal 1000 Menschen unter Einhaltung – jaja, jeder weiß es – zusammen kommen dürfen. Uns Mädels war damals schon klar, dass es das Festival in der Schorfheide auch in diesem Jahr nicht geben wird und legten unsere vorfreudigen Ambitionen zu den X- Akten und die Petticoats in die Kiste mit den anderen Träumen.

Die Veranstalter indes sind scheinbar weniger pessimistisch, denn sie sagten das lebensfreudige Treiben in der Schorfheide nicht ab, sondern verlegten es neulich auf das letzte Wochenende im September, was mir ehrlich gesagt ziemlich blauäugig erscheint. Denn obwohl in diesem heißen Juni Inzidenzwerte gegen Null tendieren, kündigt man uns vorausschauend die noch gefährlichere Deltavariante für den Herbst an. Frau muss kein Prophet sein, um zu erahnen, dass die Zahlen Ende September die Politiker nötigen werden, wegen der am Horizont sichtbaren vierten Welle, öffentliche Großveranstaltungen zu verbieten. Vielleicht übertreibe ich, aber ich denke in diesem Zusammenhang an das Oktoberfest, das ja zur selben Zeit stattfinden sollte und vorsorglich schon mal abgesagt worden ist. Ein Schelm, der Böses dabei denkt, aber ich befürchte, dass wir in den nächsten Monaten das griechische Alphabet lernen werden, denn nach Delta kommt…

…ähm… Naja, ganz bestimmt die nächste Mutation, weil Viren nun mal mutieren.

Das ist vielleicht auch den Veranstaltern vom Roadrunners Paradise klar, denn sie haben mutig ein Festivalchen für das Wochenende organisiert, das dem Festival schon immer gewidmet war. Maximal 1000 Teilnehmer, ohne Besucher, dafür mit Impfpass, Negativtest oder dem schriftlichen Beweis einer überstandenen Erkrankung. Ich wünsche mir, dass die James Deans, die John Boy Waltons und all die anderen tollen Jungs mit ihren Hot Rods, den Classic Cars und sonstigen heißen Öfen sich davon nicht unterkriegen lassen und diesen Tag feiern, als wäre nichts passiert.

Lotta öffnete lachend eine eisgekühlte Flasche von unserem Sommerwein und nuschelte: „Nicht alles verändert sich: Unsern Mädelsurlaub kann uns keiner nehmen!“ Wie Recht sie doch hat. Komme was da wolle, wir werden an diesem Wochenende im beschaulichen Brandenburg sein. Dort, wo man kein WLAN kennt und hoffentlich auch nicht die Angst vor dem bösen C. Unsere Hütte wartet auf uns und die vielen Seen auch.

Es war ein herrlich unbeschwerter Nachmittag an der alten Talsperre und es war so, wie es zwischen uns Mädels immer ist. Früher oder später packt eine ihre Sorgen in dem Bewusstsein auf die Picknickdecke, dass ihr Kummer unser Kummer ist.

Die kleine Kiki, das lebenslustige Küken in unserer Runde, das die Dinge mit einer Offenheit anspricht, die uns großen Mädels mitunter die Schamesröte ins Gesicht treibt, nun, dieses junge Ding erlebt gerade ein emotionales Waterloo, dass einfach nicht enden will. Dabei begann alles so wunderbar, so voller Liebe und Leichtigkeit…

Schon damals schwiegen wir Mädels seufzend und hielten sozusagen vorsorglich schon mal die Taschentücher bereit. Denn uns war klar, was die kleine blauäugige Kiki nicht glauben wollte: Diese Begegnungen, die uns im Kern erschüttern, verändern zwar unser Leben und unsere Weltanschauung nachhaltig, aber sie sind zur Flüchtigkeit verdammt. Keiner weiß, warum das so ist, aber jeder macht irgendwann diese Erfahrung.

Zu den wichtigsten Erkenntnissen auf der Reise zu mir selbst gehört die bedingungslose Akzeptanz der Tatsache, dass alles fließt. Nichts währt ewig und Festhalten an dem, was wir unbedingt behalten wollen, macht keinen Sinn, weil es Energie kostet und Schmerz hinterlässt. Während Kiki schluchzend von den neuesten Entwicklungen auf dem Schlachtfeld einer großen Liebe berichtete, konnte ich die winzigen Fetzen der Erinnerung, die mich wie kleine Lichtblitze überfielen, nicht verhindern:

Da steht der weiße Schlitten auf einer Lichtung weit unterhalb der Talsperre. Ich habe den BMW nie gesehen und doch weiß ich genau, wer da gerade hinein springt und den Berg hinauf und aus meinem Blickfeld rast. An der Talsperre erwartet er mich traurig und als er mich dann doch in die Arme schließt, scheint die Welt einen Augenblick stehen zu bleiben.
In dem Sommer damals erschloss sich mir scheinbar die ganze Bandbreite der Gefühle und ich erlebte hautnah, was „Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt.“ bedeutet. Ich habe in der frühsommerlichen Hitze erkannt, wie Liebe sein kann. Ich wurde gemeinsam mit einem anderen Menschen von den Schmetterlingen in unseren Bäuchen getragen und wir sind atemberaubend hoch geflogen. Derselbe Mann lehnte später in diesem Sommer in seiner affenscharfen hellen Jeans in meiner Küche am Herd und beteuerte, dass ich die Beste sei, ihm aber alles zu viel und er deshalb eine andere Bekanntschaft auszubauen gedenke. Diese gehe im zwar nicht unter die Haut, aber mit ihr „kann ich einfach mal ein Wochenende verbringen, mit dir geht es um ein ganzes Leben“ Er laberte noch etwas davon, dass sich diese Entscheidung für ihn nicht stimmig anfühle und er sie bitter bereuen werde, bevor er verschwand, während mir das Leben hoch kam.

Lotta nickte und erinnerte an ihr Anekdötchen zum selben Thema: Ihr versprach einst ein Kerl, Frau und Kinder zu verlassen, um mit ihr – Lotta -, ein neues Leben zu beginnen. Leider sagte er nicht, wann genau dies geschehen sollte, sondern bat um Geduld, denn es braucht Zeit, sich aus dem vertrauten Leben zu lösen. Verständlich, fand Lotta und wartete. Und während sie so wartete, heiratete der Lurch eine ganz andere…

Geschichten wie diese passieren wahrscheinlich überall auf der Welt nach scheinbar gleichem Drehbuch. Und wenn wir Mädels unsere Erlebnisse zum Thema austauschen, dann kommen wir nicht umhin, zu vermuten, dass Männer scheinbar mit der Muttermilch aufgesogen zu haben scheinen, wie sie eine Liebe auf Sparflamme und die Mädels in der Warteschleife halten können.


Nun ja, wenn es damit erledigt ist, also der Frosch in seinem Tümpel auf nimmer Wiedersehen verschwindet, dann wird alles gut. Wir Mädels trauern ein bisschen, suchen nach Gründen und fragen uns verzweifelt, was die andere hat, was wir nicht haben. Dann richten wir unser Krönchen und verfluchen den Lurch. Und machen weiter.

Manchmal allerdings hat diese Schallplatte einen Sprung und wir hören sozusagen die selbe Stelle der Melodie immer wieder. Dann nämlich, wenn der Lurch immer wieder aus seinem Matsch klettert und von eigenen seelischen Nöten spricht, die ihn hindern, an die Liebe zu glauben.

Es ist egal, ob der Kerl schwört, dass er sich noch nie mit jemandem so schnell, so gut verstanden hat, wie mit dir, wenn er dann doch die Sicherheitsvariante über die Schwelle des Schlosses trägt, dass er doch eigentlich mit dir bewohnen wollte. Es ist völlig wurscht, ob Dr. Brinkmann dir verzweifelte Botschaften schickt, wenn er dann doch piefige Topfpflanzen vor verstaubten Adogardinen pflegt.

Denn Mädels: Es ist genau die Adogardine, die Topfpflanze und die Sicherheitsvariante, die der Kerl in seinem Leben haben will. Stünde er zu dem, was er sagt, wäre die Adogardine nämlich in der Kleidertonne, die piefige Topfpflanze im Biomüll und die Sicherheitsvariante würde es erst gar nicht geben.

Es ist doch so: Männer können Mädels nur in der Warteschleife halten, weil die es zulassen! Dies ist nun keine bahnbrechende Erkenntnis und wenn ich ehrlich bin, komme ich nicht drum herum zuzugeben, dass ich selber einst dem miesen Lurch in seiner affenscharfen Jeans von meiner Talsperre aus eine Nachricht geschrieben habe. Eine Nachricht, die er so schnell beantwortet hat, als hätte er nur darauf gewartet. Also habe ich selber Schuld an dem, was dann kam. Und Kiki entscheidet sich jedes Mal, wenn sie ans Telefon geht, um mit ihrem Lurch zu sprechen und immer dann, wenn sie einem weiteren heimlichen Treffen zustimmt, für das Desaster und gegen sich selber. Sie hat es in der Hand, den Anruf zu ignorieren, und sich um das zu kümmern, was langfristig liebevolle Pflege braucht: Nämlich sich selber. Dann wird es auch mit der Liebe was.

Aber solange wir dem anderen erlauben, uns als Option und nicht als Priorität zu sehen, verschließen wir jede Tür, die weg von dem führt, der unsere Liebe nicht verdient hat. Keine Frau, die im eigenen Leben die Hauptrolle spielt, hat Interesse an derlei Schnödeldrö. Caroline würde empört die A… Backen zusammenkneifen und im Brustton der Überzeugung sagen: „Wer bin ich denn? “ Recht haben die Carolines dieser Welt. Es ist doch ganz einfach: Wer sich nicht entscheiden kann, hat sich schon entschieden.

Wir Mädels jedenfalls mutieren mit dieser Erkenntnis im Gepäck gerne mal zur Hexe und belegen den Lurch mit einem fetten Fluch. Das tut sooooo gut.
Erst viel später wird uns klar, dass frau Flüche nicht zurück nehmen kann. Alles, was wir anderen Böses wünschen, klebt irgendwie auch an uns selber. Es bleibt uns also nichts anderes übrig, als zu akzeptieren, dass die Vergangenheit an uns klebt wie ein oller Kaugummi am Schuh. Irgendwer hat mal behauptet, dass es hilft, die Anwesenheit des Geistes von damals anzuerkennen und Frieden mit ihm zu schließen. Das bedeutet eigentlich, dass wir Frieden mit uns selber schließen. Wir dürfen die Erlebnisse von damals bei unseren persönlichen X Akten behalten und sie dürfen dann und wann aus ihrer Schublade hervor lugen. Nur einen Lichtblitz lang. Denn wir sind, wer wir sind und fühlen, was wir nun mal fühlen. Das hat mit Vergebung zu tun. Auch für uns selber. Nichts geschieht umsonst. Alles ist im Fluss und nichts währt ewig.

Bis die Tage, Pauline

Prüfungsangst


Mit dem Eintritt ins Berufsleben ist man eigentlich mit Prüfungen durch. Vorbei die durchpaukten Nächte. Nie wieder Angst vor der einen Frage, die du ganz bestimmt ziehst, aber nicht beantworten kannst.

Trotzdem kann es passieren, dass frau irgendwann erneut beweisen muss, was sie kann…

Obwohl eigentlich nichts passieren kann, geht es plötzlich um alles. Auch um den eigenen Stolz. In einer solchen Gemütslage stand mir neulich auch meine Kollegin Thea zur Seite, mit der ich einst erste Berufserfahrungen gesammelt habe. Sie nahm mich in die Arme und sagte eindringlich: „Du schaffst das! Vergiss nicht, was wir damals ausgehalten haben!“ Wie Recht sie hatte! Wieso hatte ich vergessen, wie schwer unser Berufseinstieg gewesen ist und wie hart der Kampf, um dorthin zu kommen, wo wir uns kürzlich wieder getroffen haben.

Mein Berufsleben begann irgendwann im letzten Jahrtausend in einer Einrichtung mit dem schauerlichen Namen „Kreiskrankenanstalten“ . Damals hatten Berufseinsteiger generell nichts zu lachen und in Krankenhäusern schon mal gar nicht. Es gab sie wirklich, die Götter in Weiß und es gab die Oberschwestern, die gefährlichen Drachen gleich über allem wachten. Berufseinsteiger waren bessere Putzlappen, die anspruchsvolleren Arbeitsplätze musste man sich verdienen. Der Ton war ziemlich rau und sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz war kein Thema. Nicht, weil es keine Anzüglichkeiten gab, aber damals gab es das Geschrei drum herum einfach nicht. Entweder frau konnte mit Anzüglichkeiten umgehen oder eben nicht. Ich erinnere mich noch genau an die große Chirurgenhand zwischen meinen Schulterblättern, während der Herr Doktor in mein Ohr hauchte: „Oh, Sie haben ja einen neuen BH an. “ Das Ding dabei war, dass ich bis dato nie BH`s trug. Weshalb auch? Es gab nichts, was ein solches Teil zu halten gehabt hätte…

„Die Jüngsten sind die Dümmsten! „, pflegte meine Chefin damals gerne zu sagen. Das hinderte sie aber nicht daran, die Jüngsten zum Telefondienst zu verdonnern, während die Damen zu Tisch saßen. Ich weiß nicht mehr, wie oft sich ihr Zeigefinger in meinen Oberarm gebohrt hat, während sie schrie: “ Sie. Sollen. Lauter. Reden! “ Klar, sie durfte keinesfalls verpassen, wenn sich das Dummchen am Telefon eben dumm anstellte. Thea sagte sie einst vor versammeltem Kollegium, was für eine Schlampe sie doch sei. Und ich selber schlich über den Hof zur Klinikapotheke, um einen Kanister aqua dest zu holen, während sie hinter mir her schrie, dass ich das Blödeste sei, dass je unter ihr gearbeitet hat.

Derlei Erlebnisse prägen …


Jahre später rügte ich mein Lieblingskind, weil es wie die meisten Kinder morgens bummelte. „Beeilung! “ wies ich das Kind streng an. „Meine Chefin schimpft sonst. “ Das Kind wiederum verteidigte den Labordrachen entrüstet: „Frau Drachen schimpft doch nicht mit dir! “ Angesichts der Tatsache, dass derselbe Drachen, der mich regelmäßig zusammenstauchte, als sei ich vier Jahre alt, meiner Vierjährigen Kastanien in den Garten schmiss, damit das Kind was zum sammeln hatte, war natürlich klar, dass ich hier den Kürzeren zog.

Mich ergriff regelmäßig das Grauen, wenn der hagere Riese mit dem blauen Holzständer voller Dialysate (das ist die Spülflüssigkeit aus den Dialysemaschinen) forschen Schrittes über den Hof und in Richtung des Labors stürmte. Er verlangte die umgehende Bestimmung der Chloride, einem inzwischen aus der Mode gekommenes Elektrolyt. Dabei titriert man eine chemische Lösung zum Patientenmaterial, bis es zu einem Farbumschlag kommt. Blöderweise war diese Methode eine ziemlich subjektive Angelegenheit, denn kein Auge guckt wie ein anderes. Der Herrscher der Dialysate war also niemals zufrieden und befahl erneute Untersuchungen so lange, bis die ermittelten Werte seinen Wünschen entsprachen.

Die Messung anderer Elektrolyte war weniger manipulierbar, weil sie mittels Flammenfotometrie gemessen wurden. Dabei saugt man eine Lösung mit Patientenmaterial in eine Flamme. Durch die thermische Energie der Flamme werden Atome angeregt, woraus Strahlung von charakteristischer Wellenlänge entsteht, die messbar ist. So weit, so gefährlich. Man stelle sich vor, wie ein junges Ding wie ich mitten in der Nacht zwei Etagen nach unten flitzte, um die für die Messung notwendigen Gasflaschen aufzudrehen. Wehe, wenn frau versehentlich das Co2 vor dem O2  aufdrehte. Mehr als einmal erfuhr ich am praktischen Beispiel, dass Chemie tatsächlich das ist, was knallt und stinkt.

Irgendwann mussten die vorsintflutliche Technik genau wie der alte Backsteinbau der modernsten Klinik weichen, die das grüne H jemals gebaut hat. Und weil man einmal am Modernisieren war, wurde unser oller Labordrachen gleich mit in den Ruhestand geschickt. Der Umgang mit moderner Labortechnik war keine Hexerei und durchaus erlernbar. Voller Tatendrang ließ ich mich in dem festen Glauben daran, dass nun alles besser werden würde, auf alles Neue ein. Es wurde vielleicht besser, auf jeden Fall aber ganz anders. Und es begann mit einer Lektion zum Thema: „Macht macht böse.“, denn die Neue im Büro war eine von uns und versprach uns, dass niemand mehr mit Angst zu Dienst kommen müsse …

Leider war ihr die Anerkennung von außen sehr wichtig, eine Wertschätzung, die meines Wissens nie kam. Aber das ist eine andere Geschichte.

Nach außen hin waren wir ein prima Team. Stets zu Höchstleistungen bereit, Ruhezeiten und Feierabend waren bedenklich variabel und akzeptable Entschuldigungen für das Fernbleiben vom Dienst waren höchstens Brechdurchfall oder der eigene Tod.
Bedauerlicherweise konnte noch so emsig selbstverleugnendes Arbeitsverhalten den Untergang nicht verhindern und Outsourcing war das Wort, das uns fortan den Schlaf nahm. Das große grüne H in der Landeshauptstadt wurde unser Mutterschiff.

Kapitän dieses Schiffes war eine Frühsechzigerin mit den Maßen eines Models und einem Styling, das aussah, als sei es von Quido persönlich entworfen worden. Allerdings versaute die Dame hin und wieder den perfekten Style, weil ein riesiger Senffleck ihr Revers zierte, oder sie den schicken Kaschmirpullover leider linksrum angezogen hatte…

Die neue akademische Chefin im Ring hatte die eigene Kleiderordnung nicht immer ganz, uns – ihre Untertanen – dafür umso besser im Griff. Es herrschte ein strengeres Regime als je zuvor. Wieder wurde über kollegiale Dummheit lamentiert und darüber, wie viel Zentimeter Thermodruckerpapier pro Befunddruck zu veranschlagen seien. Sie kreierte Dienstpläne, die jedem Arbeitsrechtler den Schaf geraubt hätten, aber wo kein Kläger ist, ist auch kein Richter. Und wir klagten nicht… Die Außenwirkung stimmte.

„Was sie in ihrer Arbeitszeit nicht schaffen, müssen sie in ihrer Freizeit trainieren. „, sagte die Frühsechzigerin angesichts menschlicher Überforderung immer wieder. Im Klinikbetrieb kann man es sich nicht leisten, irgendetwas auf morgen zu verschieben und es war schließlich nicht ihre Schuld, dass wir viel zu langsam waren, um allen Anforderungen in der von ihr festgelegten Zeit gerecht zu werden. Mehr Personal? Papperlapapp, bei dem Bisschen, was in dieser kleinen Klinik irgendwo am Rande der Stadt so zu tun war, konnten wir froh sein, wenn nicht noch Personal eingespart wurde.

Ich weiß nicht mehr, wie lange ich persönliche Grenzen überschritten und seelische Tiefpunkte ignoriert habe, bis ich irgendwann nicht mehr weiter konnte.

Es hat lange gedauert, bis ich begriffen habe, dass mich nicht angeht, was die anderen denken. Denn Leute denken sowieso, was sie wollen. Egal, wie sehr man gefallen möchte und wurscht wie sehr frau sich verbiegt. Was kracht, ist die eigene Seele.


Ich bin gegangen.


Weg von einem Job, der mir viel bedeutet, mich aber noch mehr gekostet hat, in einen anderen, der mich auf andere Weise das Fürchten lehrte. Ich hatte mehr als einmal das Gefühl, beruflich vom Regen in die Jauche gekommen zu sein.
Durchhalten oder noch mal anfangen?

Schon wieder! In meinem Alter?

Lotta rollte wie so oft zuvor die schön getuschten Augen und nuschelte: “ Wenn dir nicht gefällt, was du machst beweg dich! Du bist schließlich kein Baum. “ Ich bin kein Baum. Aber inzwischen auch kein junges Ding mehr und meine Bereitschaft, immer wieder neu anfangen zu müssen, tendiert inzwischen gegen Null. Lotta hatte keinerlei Verständnis für mein Gejammer und packte den nächsten Kalenderspruch obendrauf: „Wer will findet Wege. Wer nicht will, findet Ausreden. „

Wie ich diese Phrasen hasse! Dennoch kam ich nicht drum herum, zuzugeben, dass Lotta Recht hatte. Ich wollte ja mich bewegen. Aber welche Richtung wäre die richtige? Was, wenn ich erneut die falsche Abfahrt nehmen würde? Und außerdem: Traumjobs liegen nicht auf der Straße herum. Ich beschloss, nichts zu überstürzen und durchzuhalten, bis sich etwas ergeben würde.

Als sich etwas ergab, habe ich ohne zu zögern zugegriffen.

Ich werde nie den Moment vergessen, als der Pförtner mich – die Neue – in der Abteilung angemeldet hat, denn der Mann nahm erschrocken den Hörer vom Ohr und sagte ernsthaft zu mir: „Das war ein Freudenschrei! „

Vom ersten Moment an fühlte ich mich in in diesem besonderen Team voller wunderbarer Menschen aufrichtig und voller Herzlichkeit aufgenommen. Bis heute hat sich daran nichts geändert. Ich bin jeden Tag dankbar dafür, dass ich Teil dieses Teams sein darf.

Und dann kam das Ding mit der Prüfung…

Wie das junge Ding von damals fühlte ich mich unwissend und war voller unsicherer Angst. Was wäre, wenn ich vor den Augen meiner Vorgesetzten mit einem Brett vorm Kopf absolute Ahnungslosigkeit demonstrieren würde? Was für eine Blamage…

Das durfte unter keinen Umständen passieren!

Es ist ja nicht so, dass ich nicht weiß, was ich da jeden Tag mache. Aber versuchen Sie mal, einer Kommission hochwichtiger Menschen die Prinzipien ihrer Arbeit hochwissenschaftlich zu erklären. Ich hatte also zu tun. Und war mehr als einmal kurz davor, alles hinzuschmeißen. Mit 29 Doppelplus lernt es sich nicht mehr ganz so fix wie das früher mal war. Dazu kommt, dass die Zeiten vorsintflutlicher Flammenfotometer endgültig vorbei sind und so hochentwickelten Methoden weichen mussten, für die deren Erfinder Nobelpreise kassiert haben.

Apropos Flammenfotometer: Manche Erfahrungen bleiben. Prägen. Hinterlassen Narben. Aber Kneifen war auch keine Lösung. Ich musste da durch…


Die Chemilumineszenz habe ich halbwegs drauf und wenn es um ELISA geht, ist mir durchaus klar, dass es sich dabei nicht um das Nachbarskind handelt, sondern um einen Antikörper-Antigen-Antikörper- Immunkomplex.

Aber wenn es um Polymerasekettenreaktion geht, kriege ich noch immer Anfälle altbekannter Panik und ich gestehe ohne rot zu werden, dass meine Kenntnisse diesbezüglich bestenfalls rudimentär sind. Da geht es neben Polymerase und DNA um verschiedene Temperaturen, um Primer, Wasserstoffbrücken, Quentcher, Reporter und all so Zeug. Und das alles bitte real time.

Das Brett vorm Kopf war nicht da. Die Blamage auch nicht.

99% unserer Ängste treffen nie ein.

Es lohnt sich immer, eine Chance zu nutzen, die sich ergibt. Wir haben nur ein Leben.

Herzlichst Pauline

Frauen, Freundschaften, gewaltfreie Kommunikation und ein Versprechen


Hinter uns liegt der vielleicht längste, kälteste und härteste Winter unseres Lebens und als wir gestern zum ersten Mal seit viel zu langer Zeit an unserem Stausee zusammen saßen, war es, als haben die viel zu langen Monate voller verordneter Isolation etwas von unserer Leichtigkeit mit sich genommen.

Die Freude über das Wiedersehen war unbeschreiblich und kaum hatten wir mit einer der grünen Dosen auf unser lang ersehntes Wiedersehen angestoßen, als Becky eine Geschichte erzählte, die ihr anscheinend auf der Seele brannte:

Sie hatte eine Freundin. Also eine von der Sorte, die nicht die allerengste ist, mit der einen aber etwas ganz Besonderes zu verbinden scheint. „Wisst ihr, was ich meine?“, fragte Becky fast ängstlich in die Runde. Verständnisvolles Murmeln kam von allen Anwesenden. Ja, wir wussten, was Becky meinte. Denn viele von uns haben so eine Freundin, die uns einst fast zufällig begegnet ist, mit der uns aber vom ersten Moment an etwas verbindet, was zu benennen am ehesten mit Magie zu vergleichen ist. Man hat unendlich viel zu erzählen und die andere versteht auf Anhieb genau, was du sagst. Becky hatte ihre besondere Freundin sogar gegen einen Haufen böswilliger Weiber ( ja, zu solchen können wir Frauen durchaus mutieren … ) verteidigt. Ein Umstand, der die Freundschaft zwischen den Beiden gefestigt, Becky jedoch eine andere Freundschaft gekostet hatte. Das Verdauen dieses Verlustes hatte Becky einige schlaflose Nächte und viele Tränen gekostet. Aber ihr war durchaus bewusst, dass niemand ewig bleibt. Auch die beste Freundin nicht unbedingt. Also legte Becky schweren Herzens fünfundzwanzig Jahre Mädelsfreundschaft zu den persönlichen X- Akten. Allein war sie nicht, schließlich hatte Becky ja uns – ihre Mädels – und obendrein eine neue Freundin, mit der zusammen sie lachen konnte und weinen. Und das Leben genießen. Doch dann sagte die Freundin in letzter Minute ein Treffen ab und vertröstete Becky auf ein „Später“, das nie kam.

Nun ja, die Verbote der letzten Monate waren in der Tat eine echte Strafe für alle Frauenfreundschaften. Aber Becky ist eine kluge Frau und der Meinung, dass Telefone auch in Zeiten übelster Coronabeschränkungen in beide Richtungen klingeln und Whatsappchats von beiden Teilnehmern gestartet werden können. Und so ließ sie nach einigen einseitigen Anläufen ihrerseits zu, dass der Kontakt schließlich keiner mehr war.

Die kleine Kiki hauchte atemlos: „Ehrlich? Und sie hat dir nicht gesagt, wieso sie nicht mehr deine Freundin sein will? Also echt jetzt, wieso fragst du sie nicht?“ Wir anderen schwiegen bedrückt. Geschichten wie diese erlebt jede von uns ab und zu. Lotta verdrehte die schön getuschten Augen gen Himmel und nuschelte in Kikis Richtung: „Nie was von Ghosting gehört?“ Kiki empörte sich: „Natürlich weiß ich, was Ghosting ist. Da meldet sich ein Typ plötzlich nicht mehr bei dir, oder hält dich mit Ausreden der Art: „Ich hab so viel zu tun.“ hin. Aber so was machen doch nur Kerle, wenn sie zu feige sind, einem Mädchen zu sagen, dass sie mit ihm nichts mehr …“ Kiki schwieg mitten im Satz und trank einen großen Schluck aus der grünen Dose. Dann nahm sie Beckys Hand und sagte mitfühlend: „Echte Freundinnen, machen so was nicht.“

Und schwupps, steckten wir wie in alten Zeiten in einer Diskussion. Vier Mädels haben vier verschiedene Meinungen. Lotta war ziemlich gnadenlos mit ihrer Einschätzung: „Sie braucht dich nicht. Wahrscheinlich hat sie genug andere Freunde im Leben, die gerade besser ins Bild passen. So ist das eben. Nichts hält ewig. Wer bist du denn, dass du jemandem nachläufst, der offensichtlich zu beschäftigt ist, um dich zu fragen, was du so machst?“ Da hatte sie unbestreitbar Recht. Alles im Leben hat seine Zeit. Aber erlaubt uns diese Erkenntnis, ohne ein Wort aus dem Leben eines Freundes zu verschwinden?“ Babsi zuckte die zierlichen Schultern und sagte: „Warum nicht? Freundschaften unterliegen keinem Vertragsrecht. Du kannst jederzeit gehen. Ohne Angabe von Gründen. Das mag feige sein, ist aber ungemein praktisch. Denn erstens umgehst du Stress und zweitens könntest du die alte Freundschaft ja bei Bedarf wiederbeleben und du kannst dir selber einreden, dass ja gar nichts gewesen ist und du gar nicht mehr weißt, warum der Kontakt eingeschlafen ist.“

Ich musste zugeben, dass an dieser These was dran war.

Ich habe einmal den Weg der Konfrontation gewählt, als ich das Gefühl nicht los wurde, dass eine Freundin keine mehr war. „Was hat es dir gebracht?“, fragte Babsi. „Ich habe meinem Herzen Luft gemacht und es ging mir besser. Allerdings gab es in diesem Fall auch den Weg zurück nicht mehr.“

Nun war es an Kiki, zu überlegen: „Warum ist das so? Gerade unter Freundinnen muss man sich doch die Wahrheit sagen können? Welchen Wert hat eine Freundschaft denn, wenn ich Gefahr laufe, ausgeschlossen zu werden, weil meine Ansichten vielleicht gerade nicht ins Bild passen? Vielleicht habe ich unbewusst etwas gesagt, oder gemacht und bin der Freundin auf die Füße getreten! Schrecklich, wenn die mir das nicht sagt, sondern mich stattdessen künftig meidet.“

Ich gebe zu, dass ich mich seit diesem Erlebnis damals auch lieber vor Konfrontationen gedrückt und mich von einer Freundin entfernt habe, statt ihr zu sagen, was mir stinkt. Wie kann frau einer anderen schmerzfrei verklickern, was der Freundschaft die Luft nimmt?

Gewaltfreie Kommunikation!“, nuschelte Lotta mystisch. „Hä?“, fragten wir einstimmig und Lotta dozierte, dass es sehr wohl möglich ist, eigene Wünsche auszudrücken, ohne dem anderen weh zu tun: „Versuche Geschehenes ganz neutral als ein Beobachter (also ich höre, sehe, lese etwas) anzusehen. Was fühle ich dabei? Welches Bedürfnis entsteht? Worum bittest du, damit dein Bedürfnis erfüllt werden kann? Ganz wichtig ist, sich in den anderen hinein zu versetzen und zu überlegen, warum der gerade so handelt, wie er es macht. Normalerweise agieren wir leider oft so, dass wir dem Anderen Vorwürfe machen. Ich fragte: „Etwa so: Wieso ist der Wein schon wieder alle? Babsi du könntest ruhig auch mal eine Flasche aufmachen.“ Lotta nickte. „Genau. Es geht darum, Bewertung, Vorwürfe und Schuldzuweisungen zu vermeiden.“ Babsi meinte lachend: „Also mich nervt gerade, dass der Wein alle ist. Wie kriege ich dich dazu, die nächste Flasche zu öffnen, ohne dass du mich fragst, ob du wie eine Kellnerin aussiehst?“ Lotta nuschelte mit unbewegter Miene: „Los, versuchs! Und wenn du richtig gut bist, kriegst du ein Stück vom Schweizer Käse zum Wein.“ Babsi überlegte ein bisschen und richtete ihre Überlegung dann sehr ernsthaft an Lotta: „Der Wein ist alle und ich bin im Umgang mit dem Korkenzieher ziemlich ungeschickt. Wenn du das übernimmst, schnippel ich Käse und wir können in NullKommaNix weiter schnattern.“ Lotta warf den Käse in Babsis Richtung und sagte anerkennend: „Gut gemacht. Das war doch gar nicht so schwer!“ Babsi machte sich daran, den Käse auszuwickeln und sagte: „Hier geht es um einen Käse. Glaubst du wirklich, es ist genau so einfach, einer Freundin zu sagen, dass mich ihr Geiz nervt?“ Lotta blieb gelassen und meinte: „Egal, worum es geht: Wenn es wichtig ist, sollte man drüber reden. Das sollten Freunde sich wert sein.“

Kiki richtete sich auf und sagte feierlich: „Mädels, lasst uns einander versprechen, dass wir es uns immer wert sind, uns die Wahrheit zu sagen und zu reden, wenn es was zu sagen gibt! Und lasst uns einander auch versprechen, dass wir das ehrliche Wort einer Freundin dankbar annehmen, statt beleidigt zu sein.“

So kam es, dass sich vier Mädels unterschiedlichen Alters an diesem ersten warmen Samstag feierlich ein Versprechen gaben, das zu halten mir sehr wichtig scheint. Es ist doch so:

Freundschaften sind wie Liebesbeziehungen fragile Angelegenheiten. Wir tun gut dran, sie zu pflegen und da wie dort gilt der Grundsatz: Kommunikation ist alles.

Bis die Tage, Pauline

Blickwinkel


Ich halte mich für durchaus heimatverbunden, liebe meine Scholle, mag die großen und kleinen Hügel vor, hinter und um den Rennsteig herum. Aber mit dem Osten Thüringens – Einheimische mögen mir vergeben – kann ich überhaupt nichts anfangen. Der Landstrich jenseits der Fahrnerschen Höhen ist sozusagen freiwilliges Sperrgebiet für mich. Lotta verdreht an dieser Stelle regelmäßig die schön getuschten Augen gen Himmel und nuschelt irgendwas von „Dramaqueen“. Aber ich bleibe dabei: Das Büchelland, wie ich die Gegend mit einer Mischung aus Bewunderung und Abscheu nenne, ist wie ein fernes Land. Und zwar eins, das frau nicht zum bevorzugten Urlaubsziel erklärt.


Das war allerdings nicht immer so. Im Gegenteil:

Ich habe Verwandte irgendwo im Büchelland und die Sommerferien dort gehören zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen. Was kann es für Kinder Schöneres gehen, als den ganzen Tag im Freien herum zu stromern? Keine Autos. Kein Lärm. Nur Natur, Wind und Sonne. Pferde. Hühner und allerlei anderes Federvieh. Selbst Schweine zu füttern empfand ich als Abenteuer. Und dann diese Feiern! Wenn im Büchelland jemand Geburtstag hat, dann wird gefeiert, bis die Schwarte kracht. Und der Nabel glänzt. Alle weiblichen Mitglieder eines büchelländischen Haushaltes backen. Backen. Backen. 10 Kuchen? Lächerlich! Ich habe keine Ahnung, wie viele verschiedene Kuchen sich in eigens aufgestellten Holzregalen stapelten, wenn es was zu feiern gab. Und allesamt waren lecker. Bei Taufen, Hochzeiten und anderen großen Feierlichkeiten wurde die Kuchenvielfalt durch unendlich viele Plätzchensorten ergänzt. Und selbstverständlich mit denen der Nachbarschaft verglichen. Wettkampf!


Aber was man auf dem Lande essen will, wird dort auch geschlachtet und spätestens in dem Moment endete meine Vorstellung von ländlichem Friede-, Freude-, Eierkuchenleben auf dem Land. Alljährlich musste das Familienschwein dran glauben. Die gesamte Familie vereinte sich anlässlich des Schlachtfestes im Büchelland. Für mich war es eher ein Tag des Grauens. Ich weiß nicht mehr, wie oft ich mit den Fingern in den Ohren auf dem Sofa in der guten Stube lag und wartete bis das arme Schwein erledigt war.

Irgendwann musste ich in der Wurstküche vorbeischauen, denn wir Kinder sollten an dem Gemetzel teilhaben. Nie werde ich den großen Trog vergessen, in dem allerlei von Schwein herumschwamm, während der Rest des bedauernswerten Viehs an Haken baumelte und auf die Ausweidung wartete. Dieser Gestank! Mein Opa rührte mit einer großen Kelle in dem Trog herum und fragte lachend: „Na, willst du ein Schlenkerchen?“ Meine Antwort hat er nicht abgewartet, sondern er schmierte mir eine rotbraune Pampe auf die Nase… Ihhhhh.

Den Schlachtfesten bin ich irgendwann entwachsen, aber ich kann bis heute nichts essen, was vom Schwein stammt.

Später in der Fachschule hatte ich eine Freundin, mit der ich das Internatszimmer und viele Erlebnisse teilte. Meine Freundin Fanni kam nicht nur aus dem Büchelland, sondern aus dem Nachbardorf meiner Kindheit. So kam es, dass ich irgendwann im letzten Jahrtausend die Sommerferien wieder im Büchelland verbracht habe. Ich war zwar inzwischen (fast) erwachsen, aber das Büchelland hatte sich in keiner Weise verändert. Das Gras war noch genauso grün und die Weiden streckten sich bis zum nahen Fluss. Ruhe, Frieden und der Wind im Gesicht waren das Wundervollste, was das Land mir zu bieten hatte.

Ein unvergessliches Erlebnis hatte ich, als ich mit Fanni Gänse eingesammelt habe. Wir trieben das Federvieh unter Verwendung unmöglicher Zischlaute zusammen und trieben die schnatternde Schar in eine große Halle. Ich hatte das Gefühl, von einer endlosen weißen Dauendecke umgeben zu sein. Es war wie im Märchen. Ich stand atemlos inmitten der weißen schnatternden Schar. Das war unbeschreiblich.

Leider wurde noch immer geschlachtet…

Ich habe im Büchelland auf einer gemütlichen Haflingerstute namens Hermine reiten gelernt und meine erste Fahrt auf Fannis Schwalbe endete im Misthaufen irgendwo auf einer nächtlichen LPG- Straße. Einen Führerschein besaß ich damals noch nicht und hielt ihn auch nicht für unbedingt erforderlich. Ich konnte schließlich Moped fahren. Ich konnte nur nicht Schwalbe fahren. Mir war nämlich bis zu diesem Tag nicht bewusst, dass das Licht der Schwalbe stur wie ein Kompass nach Norden, immer gerade aus zeigt. Also beim Abbiegen nicht sofort in die Abbiegerichtung. Ich wollte mit Fanni hinten drauf links abbiegen. Das Licht ging stur geradeaus und ich habe so gelacht, dass die Karre umfiel. Hey, ich war jung und bin auf einem LPG – Weg gefahren. Wer sollte was dagegen haben?

Leider hatte ich nicht mit dem sprichwörtlichen Dorffunk gerechnet, denn wir Mädels hatten das heimatliche Hoftor noch nicht zu, als die Predigt von Fannis „Baba“ über uns nieder ging. Überhaupt, der Dorffunk… Da knutscht Fräulein aus der Stadt einmal rum. Und am nächsten Morgen weiß meine Mama Mausi 80 Kilometer entfernt vom Lotterleben ihrer Tochter! So was geht nur im Büchelland. Denn dort wissen alle über jeden Bescheid. Und zwar bestens! Wer direkter Zeuge meiner jugendlichen Zügellosigkeit gewesen ist, ist nicht überliefert. Jedenfalls wusste Fannis Mutter in Nullkommanix Bescheid und setzte umgehend meine Tante aus dem Nachbardorf ins Bild. Und die wiederum informierte Mausi…

Nun ja…

Mit dem Erwachsenwerden ging mir die rosarote Brille bezüglich des schönen Landlebens verloren und machte einer ernüchternden Realität, die aus Verfall, Vernachlässigung und einem – freundlich formuliert – sehr eigenen Menschenschlag Platz. Im Büchelland herrschte ein gnadenloses Patriarchat. Der Baba sagte nichts. Meistens knurrte er eine Anweisung in Richtung der Frauenschar und diese wurde umgehend und diskussionslos befolgt. Da standen wir Sonntag morgens um acht in der Küche und bearbeiteten Berge von Kartoffeln, weil der „Baba“ Kloßmasse nicht mochte und gekauftes Zeug grundsätzlich verabscheute. Zu Mittag gegessen wurde spätestens um halb elf, weil die Tiere vor Sonnenaufgang versorgt und der Tag entsprechend früher begann, als anderswo auf der Welt. Im Büchelland wird von Sonnenaufgang bis zum Abend hart gearbeitet, dafür hatten die Menschen dort zu jeder Zeit meinen ehrlichen Respekt. Aber ich hatte Probleme damit, dass ich als Städter von den Büchellandbewohnern eher verachtet wurde, weil das Leben bei uns eben anders verläuft. So wie es im Büchelland gemacht wird, ist es richtig, der Rest der Welt lebt falsch. Basta!

Die Freundschaft zu Fanni hatte ihr Verfallsdatum irgendwann überschritten und zwar so sehr, dass ich nie wieder einen Fuß in den Osten Thüringens zu setzen gedachte, weil mir schon der Dialekt der Einheimischen Beklemmungen verursachte.

Und dann eröffnete mir ausgerechnet Lotta, dass sie ihren Lebensmittelpunkt in eben jenen Landstrich zu verlegen gedachte. Nun war es an mir, die – ungeschminkten Augen – zu verdrehen. Augenblicklich hatte ich den Geruch von totem Schwein und Plumpsklo in der Nase…

Doch Lotta ist mir viel zu wichtig, als dass ich unsere Beziehung wegen ihrer plötzlichen Affinität zur Landluft aufgegeben hätte.

Ich springe inzwischen sogar ziemlich beherzt über meinen Schatten und tuckere in meinem roten Flitzer ins Büchelland. Mit dem Abstand der Jahre sehe ich die Schönheit der weiten Rapsfelder, die ruhigen Straßen und den Platz zwischen den Menschen. Ich habe einen Storch beim Brüten beobachtet und freue mich schon auf blühende Mohnfelder, durch die ich ganz sicher mit Lotta streifen werde. Lottas Leben hat sich verändert, unsere Verbindung keineswegs.

Das Büchelland von heute wirkt auf mich nicht ganz so trostlos und verfallen, wie in meiner Erinnerung. Der Osten Thüringens hat sogar einiges, was wir Städter nicht haben: Zum Beispiel den Pferdemarkt und den Composanto, eine historische Friedhofsanlage aus der Renaissance. Erst neulich sind wir zur Spiegelarche gepilgert. Da stehen zwei Schiffscontainer übereinander gestapelt in der Landschaft rum. Und während ich spontan überlegte, was Fannis Baba wohl von derlei städtischen Firlefanz halten würde, erzählte uns die Künstlerin der Spiegelarche, wie eine Idee zu leben begann: Sie saß mit dem Liebsten im Garten und genoss den – zugegebenermaßen – ungestört schönen Blick über das weite Land, dass irgendwo mit dem Horizont zu verschmelzen schien. Und sie überlegten, wie man das Spiel der Natur mit Licht und Farben einfangen und weitergeben könnte. Die Spiegelarche entstand. Mich beeindruckte sehr, dass die Spiegelarche nicht kommerziell genutzt, sondern ganz privat und für alle als ein Ort der Begegnung nutzbar ist.

An dieser Stelle komme ich nicht umhin zuzugeben, dass mir bei allen durch die Spiegel gebotenen Blickwinkel das fast unscheinbare Trampolin am besten gefallen hat. Fünf Erwachsene ließen mitten im Büchelland ihre inneren Kinder frei. Unerhört. Unbezahlbar. Je nach Blickwinkel.

Die Pyramide auf dem Berg


Unsere Welt ist klein geworden. Trotzdem ist sie wunderschön, voller kleiner Wunder und zauberhafter Momente.

Neulich zog es mich mal wieder hinauf auf den Kleinen Gleichberg. Eigentlich wollte ich endlich mal Bärlauch sammeln. Aber das Wetter meinte es nicht ganz so gut in der besten Bärlauchsammelzeit und außerdem ist das Sammeln von Bärlauch verboten. Also verlegte ich den Trip kurzerhand auf einen Tag, an dem das Wetter gnädig und der Bärlauch bereits in voller Blüte war.

Man kann aus vielerlei Gründen zum Kleinen Gleichberg pilgern: Die Einen machen es wegen der sensationellen Aussicht, mit der man belohnt wird, wenn frau oben angelangt ist. Andere tun es vielleicht wegen der Fitness, denn der Weg nach oben ist alles andere als langweilig. Wieder andere lieben den Bärlauch, der den Boden im März und April duften lässt.

Leute wie mich zieht die Magie immer wieder durch die verwunschene Natur hinauf zu den Resten der alten keltischen Siedlung. Ich schwöre: So oft ich den Berg schon hinauf gegangen bin, nie war die Natur gleich. Jedes Mal sieht die Landschaft anders aus. Uralte, moosbewachsene Bäume geben irgendwann den Kampf gegen Wind und Wetter auf und fallen um. Aber sie sterben nicht. Sie verändern sich, scheinen sich anzupassen an die Umgebung und eins zu werden mit der Natur. Sie liegen inmitten der bemoosten Steinberge herum, als sei es schon immer so gewesen. Der Berg lebt und bisher brachte jeder Besuch dort besondere Begegnungen mit sich…

Ich war also überhaupt nicht verwundert, als wir am Ziel und leider genau an unserer Picknickstelle einen Mann sahen, der eifrig einen Steinhaufen aufschichtete. Nun sind Steinhaufen im Steinsfeld nicht besonders aufregend. Doch der Typ dort schien ehrgeizig mit dem Bau von etwas Besonderem beschäftigt zu sein. Er erklärte uns freundlich, dass er seit 2017 alljährlich am 8. Mai auf dem Kleinen Gleichberg einen Pyramide baut, die symbolisch den „Tod des weißen Mannes“ darstellt. Wenn ich sein Ansinnen richtig interpretiere, dann trägt der Künstler die „Vorherrschaft des weißen Mannes“ rituell zu Grabe. Der Künstler findet, dass seine Generation Mann sehr am Bedeutungsverlust gegenüber dem Rest der Welt zu knabbern hat, was er selber so gefährlich wie traurig findet…

Nun ja, Kunst ist Kunst, darüber würde ich niemals streiten.

Als der Künstler sich dann aber einem Embryo gleich an die Steine seiner gerade erbaute Pyramide kuschelte, begleitet von einer Kamera …

… verlangte etwas in mir nach sofortigem Rückzug. Wir beschlossen, ihn und seine Mannen nicht länger in ihrem künstlerischen Tun zu stören und packten unseren Picknickkorb an anderer Stelle aus. Schließlich hat man auf dem Kleinen Gleichberg überall allerbeste Aussicht. Wir vernaschten fröhlich alles Mitgebrachte und machten uns gut gelaunt wenig später auf den Rückweg.

Manchmal habe ich das Bedürfnis, einen Baum anzufassen. Es ist, als findet dann ein Austausch statt. Energien übertragen sich. So war es auch an diesem Nachmittag, als mich ein uralter Baum magisch anzuziehen schien. Seine Rinde war trocken und rissig und warm von der Sonne und das Moos an manchen Stellen flauschig weich. Von allem schien eine Kraft auszugehen. Trost. Frieden. Ich war ganz versunken, als mich die Stimme des Künstlers in die Wirklichkeit zurück holte. Er beschenkte uns mit einer Flasche edlen Champagners.

Wie bereits erwähnt, verwundert mich keine der seltsamen Begegnungen, die ich bisher auf dem Kleinen Gleichberg machen durfte. Mit dem Champagner haben wir am selben Abend angestoßen. Nicht auf den „Tod des weißen Mannes“, sondern auf das Leben und darauf, dass alles fließt.

Komm lieber Mai… oder die drei G


Der Wonnemonat Mai steht gemeinhin für Sonnenschein, Maibowle und Leichtigkeit. Nur in diesem Jahr will er irgendwie so gar nicht halten, was er sonst verspricht.

Leichtigkeit sucht man im düsteren Angesicht der Bundesnotbremse vermutlich bundesweitvergebens, auch wenn mancherorts das Bierchen im sturmgepeitschten und zugleich ziemlich feuchten Biergarten, zu dessen Zutritt der gemeine Bundesbürger mindestens eines der drei G schriftlich nachweisen muss, gar freudig konsumiert wird. Frau muss genesen, geimpft oder wenigstens getestet (negativ versteht sich) sein, um in den zweifelhaften Genuss jenes feuchten Biergartengenusses oder einer terminlich durchgestylten Shoppingtour zu gelangen. Ich gestehe, ich sehne mich nach derlei Vergnügungen wie ein Kind nach dem nächsten Weihnachtsfest, aber ich komme nicht drum herum, mich zu fragen, wie entspannt diese angesichts des Boheis im Vorfeld wohl sein können?

„Endlich wieder Ostsee sehen!“ ist ein Wunsch, den ich – möglicherweise meinem Sternzeichen geschuldet – eigentlich immer verspüre. Neulich bekam ich fast Schnappatmung, als ich von der Möglichkeit las, unter Berücksichtigung der oben erwähnten G – Punkte im Gepäck, Möwengeschrei und Salzwasser genießen zu können. Dieser Höhenflug hielt nur so lange an, bis mir MC mit den harten Fakten der drei G`s um die Ecke kam und mit der gnadenlose Frage an das Kind in mir: „Willst du das wirklich?“ Geknickt musste ich zugeben, dass ich genau das nicht möchte: Ich will nicht mit Maske im Gesicht gefilterte Seeluft schnuppern. Ich verspüre nicht das Bedürfnis, mir alle Nase lang mit einem Stäbchen in selbiger zu bohren, um mich freizutesten. Ich habe keine Lust, mit Maske verhangen und mit beschlagener Brille unter Termindruck sommerlich leichte Looks zu shoppen und irgendwie passt es nicht zu meiner Vorstellung von Leichtigkeit, wenn ich in ferne Städte reisen muss, nur weil ich in einem Restaurant ein Steak genießen möchte. Bedauerlicherweise ist man nämlich im Landkreis Gotha vom Gedanken an Restaurantöffnungen so weit entfernt, wie deutschlandweit nur noch in zwei weiteren Landkreisen. Trauriger Spitzenreiter neben uns Gothschen ist der beschauliche Landkreis Hildburghausen und ich frage mich bang, was die hinterm Berch wohl genauso falsch machen wie wir vor dem Berge? Denn die aus HBN dümpeln so wie die mit dem GTH im Nummernschild seit mehr als einem halben Jahr konsequent im obersten Messbereich der allein seligmachenden Inzidenzzahlen umher. Und ich wage die These: Nichts… Denn die Inzidenz ist und bleibt eine Größe, die von außen furchtbar groß gemacht worden ist. Zur Berechnung zieht man ausschließlich positive Testergebnisse heran. Das Verhältnis zu der Gesamtzahl an Tests und die Zahl derer, die bedauerlicherweise tatsächlich erkrankt sind, scheinen piepegal zu sein und um die viel zitierten Intensivbetten wird es auch täglich ruhiger. Wobei man neuerdings detailliert lesen kann, dass der gesamte LK Gotha über 19 Intensivbetten verfügt. Eine Zahl, die seltsam anmutet, wenn man bedenkt, dass die Medien erst kürzlich von vierzig Betten schrieben, die allein mit Covidpatienten belegt sein sollten. Nun ja…

Beim zweiten G habe ich ebenfalls schlechte Karten, denn obwohl ich täglich Kontakt mit dem bösen C habe, hat mein Immunsystem dankenswerterweise bisher jeden Angriff erfolgreich abgewehrt. Ich kann also bei Freizeitvergnügungswünschen keinen positiven PCR- Befund aus den letzten sechs Monaten vorweisen, nicht einmal den Nachweis von IgG gegen CoV19 kann ich liefern.

Bliebe noch das dritte G für geimpft. Daraus ergibt sich für mich das größte Dilemma. Denn ich bin von der Wirksamkeit der handelsüblichen Impfstoffe durchaus überzeugt. Was mir fehlt, ist das Verständnis für dem Impfdruck, der ausgeübt wird. Mir fehlt der Nachweis, dass mir die zwei Piekse nicht langfristig mehr schaden als nützen. Denn langfristige Studien gibt das Zeitfenster zwischen Ausbruch von Corona und der Markteinführung des Impfstoffs nämlich einfach nicht her. Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass es meines Wissens nach keinerlei Haftungsverpflichtung für die Hersteller der begehrten Impfstoffe gibt, bleibe ich skeptisch.

Neulich fragte man mich, ob ich denn geimpft sei? Eine Frage, die ich nicht verstehe! Natürlich bin ich geimpft: Tetanus, Mumps, Masern, Hepatitis, Influenza…

Dennoch bin ich ehrlich genug zuzugeben, dass ich darüber nachdenke, mich impfen zu lassen, damit endlich Ruh ist im Karton. Ich will am Meer sitzen mit nichts am Kopf außer dem Wind der Sonne. Ich will die Welt erobern und frei im Geist und im Handeln sein. Ich will kein schweres Gepäck namens Maske und Schnelltest mit mir herum schleppen…

Was den Sonnenschein betrifft, nun ja, in diesem Frühjahr muss sich bisher niemand Sorgen darüber machen, dass die Unvorsichtigen unter uns zu lange im Freien feiern. Denn Sonnenstunden sind selten in Thüringen und keiner wird besonders große Lust verspüren, bei nächtlicher Kälte ausufernde Gelage zu feiern und Ausgangssperren zu verpassen.

Bis die Tage, Pauline