Die Mitte des Lebens… oder: Was kommt jetzt (noch) ?


092Diese Frage mag viele von uns bewegen, je näher sie sich der magischen Zahl nähern, die mathematisch gesehen die Hälfte von irgend etwas markiert. In diesem Fall sehr optimistisch betrachtet die Hälfte des Lebens.

Es ist so amüsant wie erschreckend, die Spezies Mensch beim Umgang mit der Tatsache zu beobachten, dass in der Mitte des Lebens auch der gut erhaltenste Körper uns mitunter schmerzhaft daran erinnert, dass er inzwischen – nun ja- mittelalt ist.

Da fällt Frauen um die Fünfzig plötzlich auf, dass in ihren Eierstöcken sozusagen gerade das Licht aus gemacht wird und die nun unbedingt die letzte modrige Eizelle reanimieren um das zu erleben, was Mutter Natur fünfundzwanzig Jahre früher geplant hatte: Mutter zu werden.

Ebenso soll es Männer geben, die noch lange nach der magischen Fuffzich ihre Erbanlagen in die Welt tragen und dieser damit beweisen, dass sie durchaus noch können…

Lassen wir das…

Die Spielplätze sind neuerdings voll von älteren Eltern, die kurzatmig keuchend und mit arthritischen Kniegelenken dem späten Nachwuchs aufs Klettergerüst zu folgen versuchen.

Doch auch normalerweise völlig vernünftig anmutende Menschen raufen sich angesichts dieses Datums die –  möglicherweise spärlich gewordenen – Haare und denken „O Gott, ich bin alt!“ . Manche zelebrieren Shopping in der Jugendmode, lieben plötzlich schrillste Farben und quetschen sich mit scheinbarem Vergnügen in Size Zero Jeans um sich selbst und ihrer Umgebung zu beweisen, dass die Zahl in ihrem Ausweis nichts als eine Zahl ist.

Wieder andere liegen schon mal das Altenteil zurecht und heißen jedes Zipperlein sozusagen freudig willkommen. Hat man doch endlich wieder ein Thema, das zu besprechen niemals endet.

Es lässt sich nicht bestreiten, dass die Mitte des Lebens uns bewusst macht, dass etwas unwiederbringlich vorbei ist. Vielleicht eine gute Zeit, um Bilanz zu ziehen und sich selber mitunter bange Fragen zu stellen und auch zu beantworten:

Was ist aus all den Träumen geworden, die wir mit Zwanzig gehegt, mit Dreißig aus evolutionell bedingten Gründen ad acta gelegt, mit Vierzig abgestaubt und vorsichtig wiederbelebt haben? Wer von uns fühlt sich angekommen an dem Platz, wo er immer hin wollte? Wer kann ehrlichen Herzens sagen, dass er mit sich und dem Leben im Reinen ist?

Jetzt, in der Mitte des Lebens stehen viele von uns vor der bitteren Erkenntnis, sich selber und das, was sie vom Leben wollten, irgendwo verloren zu haben.

Mancher denkt vom gemütlichen Sofa aus vielleicht ein bisschen wehmütig darüber nach, was aus all den Plänen und Träumen geworden ist, die er immer wieder auf später verschoben hat. Weil anderes immer so viel wichtiger war. Weil die Arbeit, der Alltag, das Leben gerade so schwer war.

Vielleicht dämmert uns die schlichte und ein bisschen peinliche Wahrheit, dass uns Bequemlichkeit so oft davon abhält, Träume zu verwirklichen. Angst mag uns daran hindern, uns offenen Fragen zu stellen. Wir trauen uns nicht aus unserer Komfortzone und glauben seufzend an neue Chancen. Doch jetzt, in der Mitte des Lebens wird uns vielleicht bewusst, dass nichts von allein passiert. Zeit ist nicht unendlich vorhanden und die Zahl in unserem Ausweis ist die gnadenlose Wahrheit.

Auch mich bewegen derlei Gedanken in diesen Tagen. Während meine Liebsten an einer Überraschungsparty werkeln, um mit mir die Mitte des Lebens zu feiern, lehne ich mich entspannt zurück und mir wird klar, wie sehr ich mein Leben liebe. Genau so wie es ist.

Ich habe Licht und Leichtigkeit in dieses Leben gelassen und gelernt, wie egal mir die Meinung der Leute ist. Ich habe unglaublich geliebt und furchtbar geweint. Ich bin hoch geflogen und schlimm gestürzt, habe mir böse Schrammen an Körper und Seele geholt.

Bin ich deshalb böse auf das Leben? Warum denn? Wenn ich etwas gelernt habe, dann höchstens dies: Das Leben schuldet mir nichts! Ich allein habe alle Farben, um es so bunt zu gestalten, wie es mir gefällt. Ich habe große Träume erfüllt und manche auch los gelassen. Aber ich muss mich heute, in der Mitte meines Lebens nicht fragen: „Was wäre gewesen, wenn…?“. Nichts was gewesen ist, bereue ich. Ich bin dankbar für jedes Erlebnis und ich bin sicher: Da kommt noch ganz viel.

Ich stelle mir das Leben gerne als Farbskala vor:  Weiß, was technisch gesehen die Abwesenheit jeglicher Farbe ist, steht für den unschuldigen Anfang und Schwarz für das eher traurige Ende. Aber die Mitte, nämlich der Teil des Lebens, der jetzt kommt, ist ein bunter Mix aus allen Farben. Genau so will ich es haben. Das Glas meines Lebens ist noch halb voll.

Und ps.: Beige wird nie zu den Farben gehören, die mein Leben färben.

Herzlichst, Pauline

 

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Ein Kommentar zu “Die Mitte des Lebens… oder: Was kommt jetzt (noch) ?

  1. Liebe Pauline,
    das hast du wieder wundervoll ge- und beschrieben und ich wünsche Dir viele Farbkleckse in der Mitte.
    Ich amüsiere mich auch sehr über die verkniffenen und erstaunten Gesichter vieler Mitmenschen bei dem Hinweis, dass ich ein spätes Pubertier bin, und nicht am Abgrund des Lebens stehe.

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